23. Juli 2026, 16:54 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Ein Orca hält einen riesigen Mondfisch fest, ein zweiter rast mit voller Geschwindigkeit heran – Sekunden später zerfällt der Kadaver in Tausende Stücke. Genau dieses spektakuläre Verhalten haben Forschende jetzt erstmals wissenschaftlich dokumentiert. Doch warum machen Orcas das überhaupt?
Riesige Mondfische werden in kleine Stücke zerlegt
Orcas gelten als die intelligentesten Jäger der Meere. Sie erlegen Haie, Robben und sogar große Wale – und überraschen Forschende immer wieder mit neuen Jagdtechniken. Nun haben Wissenschaftler im Golf von Kalifornien ein Verhalten beobachtet, das bislang noch nie wissenschaftlich beschrieben wurde.1
Bei der ungewöhnlichen Strategie hält ein Orca den bereits toten Spitzschwanz-Mondfisch an der Schwanzflosse fest, während ein zweiter Artgenosse mit hoher Geschwindigkeit auf den Kadaver zuschießt. Im letzten Moment lässt der erste Orca los. Der Aufprall ist so heftig, dass der riesige, bis zu zwei Tonnen schwere Fisch in zahllose kleine Stücke zerfällt.
Insgesamt dokumentierte das Forschungsteam zwei nahezu identische Vorfälle im Juli 2024 und einen weiteren im September 2025. Beim ersten Ereignis beobachtete Studienleiterin Dr. Kathryn Ayres eine Orca-Gruppe mit einem Jungtier. Nachdem die Meerestiere den Mondfisch bereits getötet hatten, hielt ein Weibchen den Kadaver fest, während ein männlicher Orca ihn mit voller Wucht rammte. Das Gewebe löste sich in zahlreiche kleine Stücke auf, die anschließend im Wasser trieben. Auffällig: Das Jungtier fraß vor allem die kleinen Fleischstücke, während sich die erwachsenen Orcas an den größeren Resten bedienten.
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Forschende haben zwei Erklärungen
Warum Orcas dieses Verhalten zeigen, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Die Forscher halten jedoch zwei Möglichkeiten für besonders wahrscheinlich. Die erste Erklärung: Die erwachsenen Tiere erleichtern ihrem Nachwuchs das Fressen. Orcas teilen ihre Beute häufig mit Kälbern und Jungtieren. Durch das gezielte Zerteilen könnten sie den riesigen Mondfisch in mundgerechte Portionen verwandeln.
Die zweite Möglichkeit ist deutlich überraschender: Die Aktion könnte schlicht ein Spiel sein. Orcas sind dafür bekannt, mit ihrer Beute zu spielen oder ungewöhnliche Verhaltensweisen zu zeigen, die nicht unmittelbar dem Nahrungserwerb dienen. Die Wissenschaftler schließen deshalb nicht aus, dass die spektakulären Rammstöße zumindest teilweise auch der Beschäftigung oder sozialen Interaktion innerhalb der Gruppe dienen.
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Eine völlig neue Strategie
Besonders bemerkenswert ist, dass in zwei Fällen die Mondfische bereits tot waren, bevor sie gerammt wurden. Die Rammstöße dienten also offenbar nicht dazu, die Beute zu töten, sondern ausschließlich dazu, sie in kleine Stücke zu verarbeiten.
Nach Einschätzung des Forschungsteams handelt es sich dabei deswegen um eine koordinierte Zusammenarbeit. Ein Orca stabilisiert den Kadaver, damit der andere ihn möglichst präzise treffen kann. Eine solche Technik wurde bei Orcas bislang noch nie wissenschaftlich beschrieben.
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Orcas überraschen Forschende immer wieder
In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler immer neue Jagdstrategien der Schwertwale dokumentiert. Manche Populationen jagen gezielt Haie und fressen nur deren energiereiche Leber. Andere arbeiten mit Delfinen zusammen oder erzeugen Wellen, um Robben von Eisschollen zu spülen. Die jetzt beobachtete Methode zeigt erneut, wie flexibel und lernfähig Orcas sind.
Ob tatsächlich dieselben Tiere hinter beiden Beobachtungen stecken, ist allerdings noch unklar. Um das herauszufinden, benötigen Forschende künftig noch bessere Videoaufnahmen, auf denen Rückenflossen und die charakteristischen weißen Augenflecken der einzelnen Orcas eindeutig zu erkennen sind. „Wir entdecken noch immer neue Techniken, mit denen Orcas ihre Beute jagen und verarbeiten“, sagt Studienleiterin Kathryn Ayres. „Obwohl sie zu den bekanntesten Meeresräubern der Welt gehören, überraschen sie uns immer wieder.“