13. April 2026, 10:14 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Während die berühmt-berüchtigte Nosferatu-Spinne längst zum Dauergast in Deutschland geworden ist, sorgt nun ein neuer Achtbeiner für Aufsehen. Bisher fanden sich Spinnen der Gattung Loxosceles nur im Mittelmeerraum. Das Gift der Tiere ist toxisch und kann bei einem Biss zum Absterben des Gewebes oder auch zu Nekrosen der Haut führen. Im schlimmsten Fall führt ein Biss sogar zum Tod. Nun wurde eins dieser Tiere, nämlich die Chilenische Einsiedlerspinne, auch in Deutschland entdeckt.
Übersicht
- Wo leben die Tiere?
- Erste Sichtung in Deutschland
- Wie kam die hochgiftige Spinne nach Deutschland?
- Ist die Chilenische Einsiedlerspinne gefährlich?
- Wie erkenne ich einen Loxosceles-Biss?
- Wie gefährlich ist das Gift der Loxosceles-Spinnen?
- Bislang kein Gegengift
- Kommen die hochgiftigen Spinnen auch ins Haus?
- Ist die Angst vor der Spinne gerechtfertigt?
- Quellen
Wo leben die Tiere?
Spinnen der Loxosceles-Gattung leben vorwiegend in Ländern mit mildem Klima. Die Mediterrane Einsiedlerspinne (Loxosceles rufescens) hat sich daher bereits im Mittelmeerraum ausgebreitet. Sie wird aufgrund ihrer Körperform auch Braune Violinspinne genannt.
In Nordamerika findet sich vor allem Loxosceles reclusa, die Braune Einsiedlerspinne. Dort lebt sie meist in wärmeren Gebieten, wie dem Mittleren Westen und den südlichen Bundesstaaten. Auch bei dieser Art gibt es vereinzelte Berichte über Sichtungen in Deutschland.
Bereits 2023 vermutete man zudem, dass bald eine noch gefährlichere Verwandte aus der Loxosceles-Familie ihren Weg nach Europa finden würde: die Loxosceles laeta, die auch als Chilenische Einsiedlerspinne bezeichnet wird.
Erste Sichtung in Deutschland
Tatsächlich konnte trotz anderslautender Berichte keine eindeutig dokumentierte Sichtung einer Einsiedlerspinne in Deutschland bestätigt werden – bis jetzt. Im Keller der Universität Tübingen entdeckte ein Handwerker im Herbst 2025 ein auffälliges Exemplar und machte ein Foto. Dieses gelangte schließlich zu Hubert Höfer, Spinnenexperte und Leiter der Biowissenschaften am Naturkundemuseum Karlsruhe.
„Und er hat tatsächlich dieses Tier gefangen, was sehr, sehr wertvoll ist, denn nur durch dieses Männchen, das da gefangen wurde, konnten wir überhaupt eine sichere Bestimmung machen“, erklärt Höfer in einem Bericht des Fernsehsenders „mdr“.
Wie sich herausstellte, handelt es sich nicht um die aus dem Mittelmeerraum bekannte Loxosceles rufescens oder gar die aus Nordamerika stammende Loxosceles reclusa, sondern um die Chilenische Einsiedlerspinne: Loxosceles laeta. Inzwischen sind 15 Exemplare unterhalb der Universität gefunden worden.
Wie kam die hochgiftige Spinne nach Deutschland?
Die Tiere scheinen sich dort über einen längeren Zeitraum unbemerkt gehalten zu haben. Ihr Weg nach Deutschland erfolgte vermutlich über Warentransporte. „Bis sich aus Einzeltieren, die eingeschleppt werden, da was etabliert, das dauert in der Regel, beziehungsweise das schaffen überhaupt nur wenige Arten“, erklärt Höfer.
Auch wenn der Fund spektakulär wirkt – eine Ausbreitung in ganz Deutschland ist aufgrund ihrer Temperaturansprüche eher unwahrscheinlich. Die Chilenische Einsiedlerspinne zeigt sich eher häuslich und bevorzugt Gebäude.
Auch ein weiterer Fundort in Europa existiert: die Universität Helsinki, wo die Art seit über sechzig Jahren lebt, ohne sich über die Stadtgrenzen hinaus zu verbreiten. Auch mit Bissen ist sie dort kaum aufgefallen.
Ist die Chilenische Einsiedlerspinne gefährlich?
Ihr Biss kann unbehandelt für Menschen sehr gefährlich werden und sogar zum Tod führen. Die chilenische Vertreterin der Loxosceles-Familie ist – wie ihr Name bereits besagt – in dem Land in Südamerika heimisch. Auf Spanisch heißt das Tier „araña de rincón chilena“, weshalb man sie auch Chilenische Einsiedlerspinne nennt. Der Name ist Programm, denn die nachtaktiven Tiere sind sehr scheu und verstecken sich gerne in Schränken oder Schubladen, wenn sie in die Häuser von Menschen gelangen.
Höfer beschreibt das Tier so: „Das ist keine Spinne, die schnell zubeißt, wenn man in die Nähe kommt, das ist ein sehr zartes Tier. Sie geht den Menschen aus dem Weg, sie ist nachtaktiv, kommt also tagsüber gar nicht raus.“
Was sollte man tun, wenn man auf eine Spinne der Loxosceles-Familie stößt?
PETBOOK hat Dr. Roland Mühlethaler, Referent für strategisches Prozessmanagement beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), danach gefragt, was man tun sollte, wenn man auf eine Loxosceles-Spinne trifft. „Zuerst müsste man diese überhaupt als solche erkennen“, bemerkt der Experte. „Sie hat aber keine besonders auffälligen Bestimmungsmerkmale, die sie einfach von anderen Arten unterscheidet“.
Die Arten seien nachtaktiv und absolut nicht aggressiv, es sei also ungefährlich, sie zu beobachten. „Wer eine Spinne im Haus findet und sie dort nicht dulden möchte, möge sie bitte sanft (Glas oder Becher überstülpen, Pappe darunter) ins Freie befördern“, erklärt Mühlethaler PETBOOK weiter.
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Wie erkenne ich einen Loxosceles-Biss?
„Generell sollte man, wenn man von einer Spinne gebissen wird, diese einfangen, damit eine sichere Identifizierung möglich ist“, findet Dr. Mühlethaler vom Nabu. So könne man die entsprechenden medizinischen Maßnahmen treffen und – falls nötig – das richtige Gegengift verabreichen.
„Das Loxosceles-Gift hat leider die unangenehme Eigenschaft, Nekrosen hervorzurufen. Die Folgen dieser Nekrosen sind es dann auch, die im ungünstigsten Fall zum Tode führen können“, schätzt Roland Mühlethaler die Situation nach dem Biss für PETBOOK ein. Wenn man von einer Spinne dieser Art gebissen wird, ist dies meist sehr schmerzhaft und bleibt nicht unbemerkt.
Wie gefährlich ist das Gift der Loxosceles-Spinnen?
Das Gift der Loxosceles-Spinnen ist für den Menschen gefährlich. Bei einem lange unbehandelten Biss kann es zu Nierenversagen, Amputationen und Tod des gebissenen Menschen führen. Die Bisse dieser Spinnen sind jedoch relativ selten und die Sterblichkeitsrate wird mit drei bis vier Prozent angegeben. Auch in ihrem Verbreitungsgebiet spiele die Art laut dem Experten medizinisch keine Rolle. Das heißt, es gebe kaum Meldungen über Bissunfälle.1
Ein Biss der Braunen Violinspinne kann zu schmerzhaften Läsionen der Haut führen, auch als Loxoscelismus bekannt. Die Nekrose der Haut ist sehr schmerzhaft und wächst bis zu zehn Tage nach dem Biss.2 2021 berichteten mehrere Medien, darunter die amerikanische Wochenzeitung „Newsweek“, über einen auf Ibiza gebissenen Teenager, der nach einem Biss der Mediterranen Einsiedlerspinne eine sich ausbreitende Nekrose in den Fingern hatte. Um die Ausbreitung zu stoppen, sollten ihm zwei Finger amputiert werden.
Der Biss der nun entdeckten Chilenischen Wanderspinne ist sogar noch gefährlicher. Binnen zwei bis 18 Stunden kommt es ebenfalls zu starken Schmerzen und zu einer Nekrose der umliegenden Haut, sie „verfault“ geradezu.
Bislang kein Gegengift
Was vielen Menschen, darüber hinaus Angst bereiten könnte, ist, dass es tatsächlich noch kein Gegengift für den Biss gibt. Doch auch hier gibt es bereits medizinische Fortschritte. In einem Krankenhaus in São Paulo in Brasilien haben Ärzte über sechs Jahre ein erstes Antidot gegen das für den Menschen gefährliche Spinnengift getestet.
Dabei fanden die Mediziner heraus, dass das Antidot am wirksamsten Nekrosen verhinderte, wenn man es Patienten binnen 48 Stunden nach dem Biss verabreichte. 91,8 Prozent der Betroffenen wurden nach dem Krankenhausaufenthalt auch mit dem Kortison Prednisolon behandelt. Die Ausbildung der Loxosceles-Läsionen der Haut konnte so signifikant gesenkt werden.3
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Kommen die hochgiftigen Spinnen auch ins Haus?
In ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet sei die Art weitverbreitet und oft auch in Häusern anzutreffen, ohne dass sie dort ein schwerwiegendes medizinisches Problem darstelle. „Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Tiere scheu sind und sehr selten Menschen beißen“, ordnet Mühlethaler die Loxosceles-Spinnen für PETBOOK ein. Wie die meisten Spinnenarten fürchteten sie sich vor Menschen. Sie bissen nur, wenn sie sich bedroht fühlten oder durch unglückliche Umstände gequetscht würden. Dies sei beispielsweise der Fall, wenn sie sich in Kleidern versteckten und diese dann angezogen würden.
In Chile hat es sich etabliert, vor dem Schlafengehen alle dunklen Ecken abzusaugen und Kleidung vor dem Anziehen gründlich auszuschütteln. Daher kommen auch Bisse und Todesfälle durch Spinnenbisse in dem südamerikanischen Land nur sehr selten vor. Man hat sich an die Anwesenheit der Tiere gewöhnt.
Auch der beratende Experte Hubert Höfer, Leiter der Abteilung Biowissenschaften am Staatlichen Naturkundemuseum Karlsruhe, der die gesichtete Spinne als Loxosceles laeta bestimmte, schätzt die Gefahr für den Menschen als „sehr gering“ ein. Das geht aus einer Pressemitteilung der Universität Tübingen hervor. Die Tiere seien nachtaktiv, meiden den Menschen und seien nicht bissfreudig.
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Muss man eine Sichtung der Loxosceles-Spinne melden?
PETBOOK hat beim Nabu nachgefragt, ob es für Sichtungen der eingewanderten Spinnen eine ähnliche Meldepflicht wie bei der Nosferatu-Spinne gibt (PETBOOK berichtete). Bisher sei keine Aktion zu den Einsiedlerspinnen geplant, wie Dr. Alexander Wirth, Leiter Data Science Nabu/naturgucker geG, mitteilt.
Man könne jedoch jede (Spinnen)-Art über das Meldeformular der Nosferatu-Aktion melden, so Dr. Wirth. „Dazu einfach den systematischen Namen Loxosceles laeta oder Südamerikanische Braunspinne (das ist ein Synonym der chilenischen Einsiedlerspinne) eintragen und unbedingt ein gutes Fotos mithochladen“, rät der Experte. Dieses sei entscheidend, denn die Loxosceles-Arten sähen sehr ähnlich aus.
Ist die Angst vor der Spinne gerechtfertigt?
„Generell sollte man davon absehen, mit solchen Meldungen Panik zu verbreiten“, erklärt Roland Mühlethaler gegenüber PETBOOK. „Auch wir in Mitteleuropa leben schon seit Jahrtausenden friedlich mit giftigen Tieren wie beispielsweise Honigbienen oder Hummeln zusammen. Wenn wir die Tiere respektieren und in Ruhe lassen, passiert auch selten etwas. Unfälle sind aber leider immer möglich, wie überall in unserem Leben“, resümiert Dr. Roland Mühlethaler für PETBOOK.