8. Juli 2026, 11:33 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Rhythmische Schlauchgeräusche verunsichern viele Pferdehalter. Nicht selten werden Atemprobleme oder Schmerzen vermutet – dabei steckt meist etwas ganz anderes dahinter. PETBOOK hat bei Dr. Olivier Brandenberger, Dipl. ECVS, Fachtierarzt für Pferdechirurgie und Chefarzt der Hanseklinik für Pferde, nachgefragt. Er erklärt, wie die Geräusche entstehen, wann sie harmlos sind und in welchen Fällen ein Tierarzt das Pferd untersuchen sollte.
Was genau sind Schlauchgeräusche beim Pferd?
„Als Schlauchgeräusche bezeichnet man ein rhythmisches, saugendes, hohles, manchmal schmatzendes Geräusch, das Wallache und Hengste unter Belastung von sich geben – vor allem im Trab, seltener im Galopp“, erklärt Dr. Brandenberger Chefarzt der Hanseklinik für Pferde. Zudem sei charakteristisch, dass das Geräusch im Takt mit der Bewegung auftritt, führt der Pferdechirurg weiter aus. Gerade dieser regelmäßige Rhythmus sorgt laut Dr. Olivier Brandenberger häufig für Missverständnisse.
„Gerade weil es so rhythmisch ist, verwechseln es manche Besitzer mit einem Atemgeräusch. Als Spezialist für Atemwegserkrankungen bekomme er die Frage tatsächlich immer wieder gestellt. „Und dann ist ein Teil meiner Arbeit, das harmlose Schlauchgeräusch von einem echten Geräusch aus dem oberen Atemweg abzugrenzen“, erklärt Dr. Brandenberger.
Wie entstehen die Geräusche?
Die Ursache liegt laut Dr. Brandenberger nicht in den Atemwegen, sondern in der Anatomie männlicher Pferde. Entscheidend sei die Luftbewegung im sogenannten Präputium, also dem Schlauch.
Dr. Brandenberger erklärt: „Der Penis liegt in Ruhe eingezogen im sogenannten Präputium, also im Schlauch.“ Sobald sich das Pferd bewege, arbeite die Bauch- und Rückenmuskulatur im Takt der Bewegung mit, und dabei werde Luft in diese Hauttasche gesogen und wieder herausgedrückt, ordnet der Facharzt ein. Diese rhythmische Luftbewegung sei die eigentliche Ursache des Geräuschs.
Auch Smegma kann beeinflussen, wie das Geräusch klingt, erklärt der Experte. Die eigentliche Ursache sei es allerdings nicht. „Im Schlauch befindet sich zusätzlich normales Smegma – eine talgartige, etwas klebrige Absonderung. Ist davon viel vorhanden und ist es zäh, verändert das den Klang: Aus dem saugenden wird eher ein schmatzend-klatschendes Geräusch. Das Smegma ist also nicht die eigentliche Ursache, aber kann beeinflussen, wie das Geräusch klingt. Wichtig ist: Es ist ein rein mechanisches Phänomen und hat mit den Atemwegen nichts zu tun.“
Warum nur männliche Pferde diese Geräusche machen
Dass ausschließlich männliche Pferde diese Geräusche entwickeln, hat einen anatomischen Hintergrund, sagt Dr. Brandenberger.
„Weil nur männliche Pferde diesen Schlauch mit seinem gefalteten Aufbau und der beweglichen Penistasche besitzen. Bei der Stute fehlt diese Anatomie schlicht – es gibt dort unten am Bauch keinen Hohlraum, in dem sich Luft auf diese Weise bewegen kann.“
Warum hört man die Geräusche besonders häufig beim Traben?
Vor allem im Trab fallen Schlauchgeräusche häufig auf. Der Grund dafür liegt laut Pferdechirurg in der Biomechanik dieser Gangart: „Der Trab ist ein sehr gleichmäßiger Zweitakt mit einer ausgeprägten Schwebephase.“ Weiter führt Dr. Brandenberger aus: „Diese saubere, taktgleiche und wuchtige Bewegung überträgt sich durch die rhythmischen Kontraktionen der Bauchmuskulatur auf Bauchwand, Schlauch und Penis und pumpt die Luft bei jedem Schritt aufs Neue.“
Neben der gleichmäßigen Bewegung spielt auch die Lage des Penis im Schlauch eine Rolle. „Der Penis wird zudem über einen eigenen Muskel im Schlauch gehalten, was seine Lage in der Hauttasche mitbestimmt und den Klang beeinflussen dürfte“, erklärt Dr. Brandenberger.
Warum Schlauchgeräusche im Galopp seltener auftreten, führt der Pferdechirurg auf die dort abweichenden Bewegungsabläufe zurück: „Im Galopp ist der biomechanische und muskuläre Ablauf ganz anders aufgebaut – weniger rhythmisch-gleichförmig, was die Kontraktionen der Bauchwandmuskulatur und ihren Einfluss auf Schlauch und Penis angeht. Das liegt also wahrscheinlich daran.“
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Wann treten Schlauchgeräusche besonders häufig auf?
Wann Schlauchgeräusche besonders häufig auftreten, erklärt Dr. Brandenberger so: „Nach meiner Erfahrung hört man sie am ehesten, wenn Pferde entspannt und locker traben – etwa an der Longe. Und tendenziell dann, wenn viel Smegma im Schlauch vorhanden ist.“
Den vermuteten Zusammenhang zwischen der Smegma-Menge und der Lautstärke der Geräusche ordnet der Pferdechirurg jedoch ein: „Fairerweise gesagt: Dass mehr Smegma zu lauteren Geräuschen führt, ist meine klinische Beobachtung – wissenschaftlich systematisch untersucht ist dieser Zusammenhang nicht, wie das ganze Thema übrigens kaum erforscht ist.“
Sind Schlauchgeräusche für das Pferd schmerzhaft?
Auf die Frage, ob Schlauchgeräusche Schmerzen verursachen, antwortet Dr. Brandenberger zunächst mit einem Augenzwinkern: „Man müsste die Pferde fragen können – aber im Ernst: Ich sehe das Phänomen sehr häufig gerade bei den entspannten Pferden an der Longe.“
Aus dieser Beobachtung leitet der Pferdechirurg seine Einschätzung ab: „Entspannung und Schmerz passen nicht zusammen. Ich gehe deshalb davon aus, dass Schlauchgeräusche in aller Regel schmerzfrei sind.“
Sollten Besitzer sich Sorgen machen, wenn ihr Pferd regelmäßig Schlauchgeräusche macht?
Auf diese Frage hat Dr. Brandenberger eine klare Antwort: „Nein. Das ist ein normales Phänomen bei Wallachen und Hengsten.“ Bei der Schlauchpflege empfiehlt der Pferdechirurg einen zurückhaltenden Umgang: „Meiner Meinung nach reicht es völlig, den Schlauch etwa einmal im Monat oder nach Bedarf mit klarem Wasser und einem weichen, feuchten Schwamm behutsam auszuwaschen – vorausgesetzt, das Pferd toleriert das.“
Von einer täglichen Reinigung rät Dr. Brandenberger hingegen ab. Er erklärt: „Tägliches Auswaschen ist unnatürlich und eher kontraproduktiv: Man reizt die empfindliche Haut und stört das natürliche Gleichgewicht im Schlauch, statt etwas zu verbessern.“
Wann sind Schlauchgeräusche nicht mehr harmlos?
Obwohl Schlauchgeräusche meist harmlos sind, gibt es Ausnahmen. Welche Warnzeichen Pferdehalter ernst nehmen sollten, erklärt Dr. Brandenberger: „Wenn das Pferd Probleme beim Ausschachten hat, wenn es unangenehm aus dem Schlauch riecht oder wenn Schwierigkeiten beim Urinieren auftreten.“
In diesen Fällen empfiehlt der Pferdechirurg, das Tier tierärztlich untersuchen zu lassen: „Das sind die Warnzeichen, die über ein harmloses Geräusch hinausgehen.“
Lassen sich Schlauchgeräusche verhindern?
Ob sich Schlauchgeräusche vermeiden oder zumindest verringern lassen, beantwortet Dr. Brandenberger so: „Grundsätzlich muss man gar nichts tun. Eine gelegentliche, sanfte Schlauchreinigung kann das Geräusch etwas verändern oder leiser machen, weil weniger zähes Smegma vorhanden ist.“
Entscheidend sei jedoch, dass die eigentliche Ursache der Geräusche bestehen bleibt. Deshalb erklärt der Pferdechirurg: „Aber – und das ist wichtig – oft bringt Waschen gar nichts, weil ein großer Teil des Geräuschs von der Luftbewegung kommt, und die lässt sich nun einmal nicht wegwaschen.“
Die Schlauchreinigung diene daher vor allem einem anderen Zweck: „Es geht bei der Reinigung also um Komfort und Hygiene, nicht um die Beseitigung des Geräuschs.“
Ein Zufallsfund rettete einem Wallach womöglich das Leben
Auf die Frage nach einem besonders eindrucksvollen Fall aus seiner Praxis erinnert sich Dr. Brandenberger an einen älteren Wallach: „Ja. Ein älterer Wallach wurde mir wegen Schlauchgeräuschen vorgestellt – die Besitzerin wollte einfach abgeklärt haben, dass alles in Ordnung ist.“
Bei der Untersuchung fiel Dr. Brandenberger jedoch eine auffällige Veränderung an der Penisspitze auf: „Bei der Untersuchung des Schlauchs fiel mir am Penis eine feine Veränderung auf: ein flaches, rötlich schimmerndes, fast blumenartiges Muster in der zarten Haut der Penisspitze – noch gar keine echte, erhabene Masse, sondern nur eine Zeichnung in der Oberfläche. Typischerweise sah es fast so aus, als hätte jemand mit roter Farbe auf die feine Penishaut ein Muster draufgestempelt.“
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Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein frühes Plattenepithelkarzinom: „Das stellte sich als frühes Plattenepithelkarzinom heraus, ein bösartiger Hauttumor. Wir konnten ihn in einem sehr frühen Stadium entfernen. Das war ein glücklicher Zufall – und ein gutes Beispiel dafür, dass sich bei der Gelegenheit einer scheinbar harmlosen Frage manchmal etwas Wichtiges zeigt.“
Aus diesem Fall leitet Dr. Brandenberger auch einen Rat für Pferdehalter ab: „Gerade ältere Wallache und Pferde mit unpigmentierter, heller Haut am Penis haben ein gewisses Risiko für solche Tumoren. Deshalb lohnt sich ein gelegentlicher, ruhiger Blick auf Penis und Schlauch ohnehin – in einem frühen Stadium sind die Heilungschancen am besten.“
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Diese Irrtümer über Schlauchgeräusche halten sich hartnäckig
Welche Missverständnisse ihm besonders häufig begegnen, erklärt Dr. Brandenberger so: „Am hartnäckigsten ist die Vorstellung, das Geräusch hänge mit Testosteron oder der ‚Männlichkeit‘ des Pferdes zusammen – das ist schlicht falsch. Kastrierte Wallache machen es genauso wie Hengste; es geht allein um die Anatomie, nicht um Hormone.“
Auch die Annahme, Schlauchgeräusche seien ein Hinweis auf Rückenprobleme, weist der Pferdechirurg zurück: „Und im Reitsport hält sich die Deutung, das Geräusch sei ein Zeichen von Rückenverspannung. Nach meiner Erfahrung ist es vor allem eines: ein normales, mechanisches Nebengeräusch, das nichts Schlimmes bedeutet.“
Das rät der Experte Pferdehaltern
Zum Schluss fasst Dr. Brandenberger noch einmal zusammen, worauf es im Umgang mit Schlauchgeräuschen ankommt:
„Bleiben Sie gelassen. Schlauchgeräusche gehören für viele Wallache und Hengste einfach dazu. Bei der Schlauchpflege ist weniger oft mehr. Und wenn Sie den Schlauch ohnehin gelegentlich reinigen, nutzen Sie die Gelegenheit für einen kurzen, prüfenden Blick – nicht aus Sorge, sondern als einfache Vorsorge.“