8. Juni 2026, 13:08 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Von weitem fällt es kaum auf. Doch je näher man kommt, desto deutlicher ist der weiße Schaum rund um das Maul des Pferdes zu erkennen. Besonders häufig zeigt sich der Schaumbart beim Reiten oder Training. Viele Reiter sehen darin ein Zeichen für Losgelassenheit und Zufriedenheit. Doch stimmt das wirklich? PETBOOK geht dem Mythos auf den Grund.
Ist Schaum eigentlich ein gutes Zeichen?
Lange wurde angenommen, dass Schaum am Maul des Pferdes, insbesondere beim Reiten, ein gutes Zeichen sei. Im Reitersprech spricht man vom sogenannten „Abkauen“ oder auch „Leerkauen“. Dahinter steckt eine kauartige Maulaktivität, die viel Speichelfluss beim Pferd auslöst. Normalerweise passiert das vor allem beim Fressen: Durch die stark rohfaserhaltige Ernährung der Tiere dient die Speichelproduktion zur besseren Verdaulichkeit. Das Gras oder Heu wird beim Kauen mit dem Speichel vermengt und kann so als Nahrungsbrei einfacher zum Magen transportiert werden. Da Pferde Fluchttiere sind, gilt als besonderes Anzeichen für Entspannung, wenn sie viel Speichel beim Fressen produzieren.1
Allerdings tritt verstärkte Maulaktivität nicht ausschließlich in entspannten Situationen auf. Viele Pferde beginnen auch bei körperlicher Anstrengung oder unter Stress verstärkt auf dem Gebiss zu kauen. Wie viel Speichel dabei entsteht, hängt unter anderem vom verwendeten Gebiss, dessen Material und der Intensität der Kaubewegungen ab. Zudem reagieren Pferde sehr unterschiedlich: Während manche Tiere schon bei leichter Maulaktivität deutlich schäumen, zeigen andere kaum sichtbaren Speichelfluss. Allein anhand von Schaum am Maul lässt sich deshalb nicht zuverlässig erkennen, ob ein Pferd entspannt ist.
Wie erkenne ich, dass mein Pferd beim Reiten entspannt ist?
Wer wissen möchte, ob ein Pferd beim Reiten entspannt ist, sollte weniger auf den Schaum am Maul als auf die gesamte Körpersprache achten. Erst das Zusammenspiel verschiedener Signale verrät, ob sich das Tier tatsächlich wohlfühlt und losgelassen bewegt.
Typische Anzeichen für ein entspanntes Pferd beim Reiten sind:
- ein locker getragenes Genick ohne sichtbare Verspannungen
- ruhige, gleichmäßige Bewegungen
- schwingender Rücken
- ein gelassener Gesichtsausdruck
- entspannte Maulpartie
- regelmäßiges Abschnauben
Erst wenn mehrere dieser Merkmale zusammenkommen, kann Schaum am Maul als Teil eines positiven Gesamtbildes gewertet werden. Der Schaum am Pferdemaul ist daher kein verlässlicher Beweis für Entspannung, sondern lediglich eine mögliche Begleiterscheinung einer aktiven Speichelproduktion.
Auch interessant: Schon gewusst? Darum schwitzen Pferde Schaum
Lockerung der Blutregel im Pferdesport sorgt für Proteste
Sind Trensen bei Pferden Tierquälerei?
Wann starker Speichelfluss auf eine Erkrankung hindeuten kann
Pferde produzieren für ihre Verdauung täglich zwischen fünf und zehn Liter Speichel. Deshalb ist es völlig normal, dass sich beim Fressen Schaum am Maul bildet. Besonders bei saftigem Futter oder Leckereien wie Äpfeln lässt sich dieser Effekt häufig beobachten. Starker Speichelfluss ist also nicht automatisch ein Grund zur Sorge.
In manchen Fällen kann eine ungewöhnlich hohe Speichelproduktion jedoch auf gesundheitliche Probleme hinweisen. Eine mögliche Ursache ist das sogenannte Slobber-Syndrom. Dabei kommt es zu übermäßigem Speichelfluss, der durch das Toxin Slaframin ausgelöst wird. Dieses wird von dem Pilz „Rhizoctonia leguminicola“ gebildet, der vor allem Luzerne sowie Rot- und Weißklee befällt. Die betroffenen Pflanzen weisen häufig schwarze oder braune Flecken auf, weshalb die Erkrankung auch als „Schwarzfleckenkrankheit“ bekannt ist. 2
Hauptsächlich zeigen betroffene Tiere den typischen starken Speichelfluss, aber auch vermehrten Tränenfluss und Harnabsatz. In den meisten Fällen verschwinden die Beschwerden wieder, sobald Pferde die betroffenen Pflanzen nicht mehr fressen. Dennoch sollten Pferdehalter bei auffällig starkem Speichelfluss immer einen Tierarzt zur Beratung hinzuziehen.
Hinter starkem Speichelfluss müssen jedoch nicht immer Pilzgifte stecken. Auch Zahnprobleme, Verletzungen im Maul oder schlecht sitzende Ausrüstung können die Speichelproduktion erhöhen.
Warum künstlicher Schaum auf Turnieren seit 2025 verboten ist
Wie sehr Schaum am Maul im Reitsport noch immer beschäftigt, zeigte sich im Jahr 2025. Über Jahrzehnte galt ein schäumendes Pferd vielen Reitern und Richtern als Zeichen für Losgelassenheit und eine gute Gebissakzeptanz. Entsprechend groß war der Wunsch, diesen Eindruck auch auf Turnieren zu vermitteln.
Bereits zuvor war mehrfach dokumentiert worden, dass einige Reiter mit Hilfsmitteln nachhalfen, um künstlich Schaum am Pferdemaul zu erzeugen. Besonders bekannt wurde der sogenannte „Marshmallow Fluff“ – eine weiße, schaumige Zuckerpaste, die um das Maul aufgetragen wurde und den Eindruck eines intensiv kauenden Pferdes vermitteln sollte. Berichten zufolge sollen ähnliche Produkte sogar auf hochklassigen internationalen Turnieren zum Einsatz gekommen sein.3
Um solchen Praktiken einen Riegel vorzuschieben, beschloss der Weltreiterverband FEI eine Regeländerung. Seit dem 1. Juli 2025 sind auf FEI-Turnieren sämtliche Produkte verboten, die Schaum am Pferdemaul imitieren, hervorrufen oder verstärken können. Auch Mittel, die das Gebiss beschichten oder teilweise bedecken, dürfen nicht mehr verwendet werden.4
Die Diskussion um künstlich erzeugten Schaum zeigt, welche Bedeutung dem weißen Schaumbart im Reitsport noch immer zugeschrieben wird. Tatsächlich ist Schaum am Maul jedoch vor allem eines: ein Zeichen für Speichelproduktion. Ob ein Pferd entspannt, gesund und zufrieden ist, lässt sich erst erkennen, wenn man das gesamte Tier betrachtet – und nicht nur den weißen Schaum rund um sein Maul.