11. April 2026, 11:48 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Der Anblick hat bestimmt auch Ihnen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Das Pferd zieht die Oberlippe hoch und streckt den Kopf nach vorn. Das sogenannte Flehmen kennen Pferdehalter nur zu gut. Doch warum zeigen Pferde dieses Verhalten – steckt mehr dahinter oder ist es nur „Zähne zeigen“?
Warum Pferde flehmen
Viele Halter kennen die hochgezogene Lippe ihrer Pferde. Das Verhalten lässt sich sowohl auf der Koppel als auch in der Box oder auf dem Putzplatz beobachten. Typisch ist dabei eine klare Körperhaltung: Das Pferd zieht die Oberlippe hoch, hebt den Kopf leicht an und verharrt oft für einen Moment.
Dabei stellt sich die Frage, warum Pferde überhaupt flehmen. Ein Blick in die Anatomie liefert die Erklärung: Die Nase des Pferdes ist darauf ausgelegt, selbst feinste Gerüche wahrzunehmen.
Verantwortlich dafür ist eine anatomische Besonderheit, das Jacobson-Organ (vomeronasales Organ). Es liegt in der Nasenscheidewand und ermöglicht es dem Pferd, Pheromone aufzunehmen. Durch das Flehmen werden Geruchsstoffe gezielt zu diesem Organ geleitet und können dort genauer analysiert werden. Pheromone sind chemische Botenstoffe, die Informationen übermitteln. Dabei hat das Flehmen nichts mit Drohen oder „Zähnezeigen“ zu tun. Es handelt sich vielmehr um ein spezielles Verhalten zur Geruchsanalyse. Übrigens nutzen nicht nur Pferde dieses Organ: Auch viele andere Tiere wie Katzen oder Hunde setzen es ein, um Duftstoffe genauer auszuwerten.1
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Wenn der Hengst flehmt
Ein besonders typisches Szenario ist das Verhalten von Hengsten in der Nähe rossiger Stuten. Stuten schütten während der Rosse Pheromone aus, die Hengsten signalisieren, dass sie paarungsbereit sind. Das ist vor allem in der freien Natur ein Vorteil, um den Nachwuchs zu sichern. Wenn ein Hengst also flehmt, dann kann er über das Jacobson-Organ herausfinden, ob derartige Pheromone in der Luft liegen – und damit, ob die Stute rossig ist. 2, 3
Neben der Fortpflanzung zeigt sich das Flehmen auch häufig im ganz normalen Alltag eines Pferdes. Viele Pferde beginnen zu flehmen, nachdem sie Urin oder Kot beschnuppert haben – sei es von Artgenossen oder von sich selbst. Auf diese Weise können sie wichtige Informationen über andere Pferde aufnehmen, etwa zu Geschlecht oder sozialem Status. Auch bei neuen oder ungewohnten Gerüchen lässt sich das Verhalten beobachten, zum Beispiel bei unbekannten Pferden, neuen Gegenständen im Stall oder sogar bei bestimmten Futtermitteln und Medikamenten. In all diesen Situationen dient das Flehmen dazu, Geruchsstoffe intensiver zu analysieren und besser einzuordnen.
Wichtig ist dabei, das Flehmen immer im Kontext der gesamten Körpersprache zu betrachten. Wirkt das Pferd entspannt, ist das Verhalten meist harmlos. Zeigt es dagegen zusätzlich Unruhe oder Anspannung, sollte genauer hingeschaut werden.
Warum Flehmen auch ein Warnsignal sein kann
Flehmen wird meist nicht direkt mit Beschwerden beim Pferd verbunden. Das hängt vor allem damit zusammen, dass man als Pferdehalter oft direkt zuordnen oder ableiten kann, warum ein Pferd flehmt. Wenn aber ein Pferd oft flehmt, ohne dass sich ein entsprechender Auslöser feststellen lässt, kann dahinter mehr stecken.
Pferde teilen sich viel über die Körpersprache mit. Natürlich kommunizieren sie auch über Geräusche wie Wiehern, oder quiekende Signale in Konfliktsituationen, aber der Großteil der Kommunikation verläuft im Stillen. Für Pferdehalter bedeutet das: genau Hinschauen. Denn vermehrtes Flehmen kann auch auf Schmerzen hindeuten. Zum Beispiel kann sich dahinter eine Kolik verbergen. Deshalb sollte ein Tierarzt bei einer solchen Beobachtung schnellstmöglich kontaktiert werden – besonders, wenn Symptome wie Treten nach dem Bauch dazukommen.
In den meisten Fällen ist Flehmen also ein völlig normales Verhalten, mit dem Pferde ihre Umwelt analysieren. Wer sein Pferd aufmerksam beobachtet, gewinnt nicht nur spannende Einblicke in dessen Wahrnehmung – sondern erkennt auch frühzeitig, wenn etwas nicht stimmt.