12. Mai 2026, 17:09 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Die meisten kennen Judith Rakers aus der Tagesschau als professionelle Sprecherin der Nachrichten. Dass sie ihre Zeit abseits davon zwischen wiehernden Pferden, gackernden Hühnern und Gartenarbeit verbringt, wissen dagegen nur wenige. Ein Leben, das bewusst entschleunigt und von der engen Verbindung zur Natur und ihren Tieren geprägt ist. In ihrer Buchreihe „Judiths kleine Farm“ gibt sie Kindern spielerisch Einblick in den Alltag mit Tieren. Im Interview mit PETBOOK erzählt die Journalistin, wie viel wir vor allem von Pferden über Vertrauen, Verantwortung und den respektvollen Umgang miteinander lernen können.
Warum Pferde eigentlich wie ein „Spiegel“ des Menschen sind
Pferde reagieren sensibel auf Körpersprache und Stimmung. Was fasziniert Sie persönlich an der Arbeit mit ihnen am meisten?
„Sie sind so sanft und stark zugleich. Das fasziniert mich immer wieder. Sie können ein ungeheures Tempo aufnehmen, so wild und kraftvoll sein und dennoch spüren sie eine kleine Fliege, wenn sich diese auf ihr Fell setzt. Sie können gerade noch gekämpft haben mit Artgenossen auf der Weide und im nächsten Moment zärtlich mit ihrer Nüster über die Wange ihres Menschen streicheln.
Es sind sehr empathische Wesen, die immer auch wie ein Spiegel ihrer Umgebung funktionieren. Ist man als Mensch in ihrer Nähe ungeduldig oder hektisch, so überträgt sich diese Stimmung genauso aufs Pferd, wie Ruhe und Gelassenheit es tun. Man lernt im Umgang mit Pferden daher schnell, seine eigenen Launen hintenanzustellen. Das harmonische Miteinander bekommt Priorität.“
„Man sollte das Vertrauen eines Pferdes nie enttäuschen“
Was lernt man über sich selbst, wenn man regelmäßig mit Pferden arbeitet?
„Man lernt sich selbst sehr gut kennen, denn das Pferd spiegelt das eigene Verhalten sofort. Oft schon, bevor es einem selbst bewusst geworden ist. Man lernt, dass Wut nur Gegenwehr verursacht, dass Liebe doppelt zurückkommt und wie viel sich mit Freundlichkeit und Verlässlichkeit im Umgang bewirken lässt.
Man lernt aber auch, klar zu sein, in dem, was man möchte. Ein Pferd wird einem 10-jährigen Kind eher folgen als einem erwachsenen Bodybuilder, wenn das Kind klar und selbstbewusst vorausgeht und weiß, wohin es gehen möchte. Der Umgang mit Pferden hat nichts mit Kraft zu tun, sondern mit der Klarheit des Geistes.“
Was ist Ihnen im Umgang mit Pferden besonders wichtig – gerade im Hinblick auf Respekt, Vertrauen und Verantwortung?
„Man sollte das Vertrauen eines Pferdes nie enttäuschen. Wenn sie ihren Menschen als verlässlich empfinden, fühlen sie sich sicher und dann folgen sie gern. Pferde sind Herdentiere und orientieren sich immer am Leittier. Im Idealfall kann ihnen auch der Mensch die Sicherheit des Leittiers vermitteln. Respekt ist aber auf beiden Seiten wichtig. “
Warum man von Pferden viel für das große Leben lernen kann
Was können Kinder – und vielleicht auch Erwachsene – im Umgang mit Pferden fürs eigene Leben lernen?
„So vieles, das ihnen auch im Leben helfen kann: seine Launen nicht an anderen auszulassen, dem Miteinander Priorität zu geben, Verantwortung zu übernehmen, Klarheit im Geiste zu gewinnen und mutig zu sein. Denn bei aller Harmonie zwischen Reiter und Pferd: Manchmal wird’s eben auch wild, wenn man gerade gemeinsam über ein Stoppelfeld galoppiert und plötzlich ein Reh aus dem Wald springt (lacht).
Beim Springen lernt man auch Sätze wie ‚Schau nicht auf das Hindernis. Sondern auf die Stelle, wo du landen möchtest.‘ Ein Satz, der meiner Meinung nach fürs ganze Leben so wichtig ist. Oder wenn man mal herunterfällt, gilt die alte Reiterweisheit: ‚Setz dich sofort wieder drauf, sonst entwickelst du Ängste.‘ Diese Leitlinien aus dem Umgang mit Pferden begleiten mich schon seit meinem 6. Lebensjahr und sie helfen auch im Leben. “
„Judiths kleine Farm“ – zwischen wiehernden Pferden und gackernden Hühnern
Welche Werte möchten Sie Kindern durch Ihre Geschichte vermitteln?
„In meiner Buchreihe ‚Judiths kleine Farm‘ erzähle ich die Geschichten meiner Katzen, Hühner und Pferde und vermittle Wissen zu den Themen Natur, Garten, Gemüseanbau und Ernährung. Es geht um Werte wie Toleranz, Freundschaft und Respekt vor der Natur.
Meine Tiere sind dabei die Identifikationsfiguren für die Kinder und nehmen sie auf Augenhöhe mit in den Garten, wo sie auch auf Maulwurf, Igel, Eichhörnchen, Schnecken und Co. treffen. Die Kinder lernen in den Büchern viel über die Lebensgewohnheiten und Eigenarten der unterschiedlichen Tiere. Sie lernen aber auch, wie der ökologische Gemüseanbau funktioniert und die Hühnerhaltung im eigenen Garten.
Schon im ersten Band ging es auch um meine Pferde: Mein Fohlen Charlie wurde in der Geschichte geboren, zeitgleich schlüpften Küken im Hühnergehege. So konnte ich ganz nebenbei vermitteln, welche anderen Tiere im Garten auch aus Eiern schlüpfen und welche zu den Säugetieren gehören.
In Band 3 hat mein Fohlen Charlie dann sogar eine Hauptrolle, denn er bereitet sich auf die Fohlenschau vor und die kleinen Leserinnen und Leser erfahren so ganz nebenbei, was zur Pferdepflege gehört und wie Pferde ticken. Es sind spannende Geschichten, die auf sehr liebevolle Art und Weise viel Wissen vermitteln.“
„Ich habe großen Spaß an diesem Feedback“
Warum ist es Ihnen ein Anliegen, jungen Leserinnen und Lesern Wissen über Pferdepflege und Landwirtschaft näherzubringen?
„Wenn wir alle schon früh lernen, wie zauberhaft die echte, reale Welt da draußen ist, dann sind wir auch bereit, diese Welt auch zu schützen. Ich bin gar keine Gegnerin von digitaler Technik und einem Smartphone im Kinderzimmer, aber ich glaube, dass wir das Erleben der realen Welt da draußen nicht zu kurz kommen lassen sollten. Und dabei geht es nicht nur darum, Respekt und Liebe für die Natur zu entwickeln. Kindern, die nur im Zimmer hocken vor dem Computerspiel entgeht viel Glück und Selbsterfahrung.
Meine Kinderbücher wecken das Interesse am Erleben der echten, realen Welt draußen vor der Haustür. Sie machen Lust darauf, den Garten zu erkunden und sich mit Gemüse und gesunder Ernährung zu beschäftigen.
Ich bekomme Fotos von 8‑jährigen Lesern im Garten, die ihren Eltern gerade erklären, wie man den Salat am besten vor Schnecken schützt. Weil sie es in der Kita beim Vorlesen meines Buches gelernt haben. Oder Zeichnungen von Günter, dem Maulwurf, wie er sich unter der Erde Gänge baut, weil die Kinder jetzt plötzlich ein Interesse daran entwickelt haben, wie es eigentlich unter dem Gartenboden aussieht. Ich habe großen Spaß an diesem Feedback.“
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Was steckt eigentlich hinter der Fohlenschau?
Charlie kennen viele aus Ihrem echten Leben. Wie viel persönliche Erfahrung steckt in diesem Buch?
„Die Fohlenschau und mein vergebliches Üben dafür mit dem kleinen Rabauken hat tatsächlich auch in der Realität genau so stattgefunden (lacht). Das habe ich damals sogar auf Instagram begleitet.
Eigentlich ist der Kern der Geschichten immer real, aber ich schmücke die Realität aus mit Dialogen, mit Fantasie. Sogar Günter, den Maulwurf, gibt’s wirklich. Das ist für die Kinder auch immer ein echtes Aha-Erlebnis, wenn sie auf der letzten Doppelseite im Buch die Fotos der echten Tiere sehen und verstehen, dass es diese wunderbare Welt da draußen wirklich gibt.“
„Mein Pferd ist Freund und Familienmitglied“
Viele Menschen unterschätzen den Aufwand hinter artgerechter Haltung. Was gehört Ihrer Meinung nach zwingend dazu?
„Das ist bei jedem Tier anders. Und auch das lernen die Kinder in meinen Büchern: Hühner sollten einen Stall und ausreichend Auslauf haben. Man sollte Schutzmaßnahmen gegen ihre natürlichen Feinde, wie Habicht und Fuchs treffen. Igel und Rasenmähroboter vertragen sich nicht gut, Pferde brauchen viel Pflege und ständig Futter. All das vermittle ich in meinen Büchern.“
Pferdesport steht immer wieder in der Kritik – etwa mit Blick auf Leistungsdruck und Tierwohl. Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr?
„In Teilen als sehr berechtigt. Ich glaube, jeder Reiter und jede Reiterin steht irgendwann vor der Entscheidung, ob das Pferd in erster Linie Freund oder Freundin sein soll oder ein Sportgerät, das funktionieren muss.
Für mich war immer klar: Mein Pferd ist Freund und Familienmitglied. Wir erleben zusammen Abenteuer, die uns beiden Spaß machen.“
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welche Erfahrung sollte jeder Mensch einmal mit einem Pferd machen?
„Ich wünschte, jeder könnte nur einmal die starke emotionale Verbindung spüren, die sich aufbauen kann zwischen Mensch und Pferd. Wie glücklich es macht, wenn man freihändig über ein Feld galoppiert und spürt, dass das Pferd gerade genauso viel Spaß hat wie man selbst. Oder wie tröstend es sein kann, wenn das Pferd zärtlich Nähe sucht, weil es spürt, dass man gerade traurig ist. Tiere allgemein sind so gut für das seelische Gleichgewicht. Und geben einem so viel – wenn man es denn zulässt.“