22. Juli 2026, 16:22 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ein Klopfen auf den Hals gehört für viele ganz selbstverständlich zum Lob eines Pferdes. Doch kommt diese Geste beim Tier überhaupt so an, wie wir es glauben? Die promovierte Pferdewissenschaftlerin und Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation, Dr. Vivian Gabor, erklärt, welche Formen der Belohnung Pferde wirklich verstehen – und warum das klassische Schulterklopfen oft nicht die beste Wahl ist.
Verstehen Pferde überhaupt das Klopfen als Lob?
Viele Pferdehalter loben ihre Tiere mit einem Klopfen auf den Hals. Doch kommt diese Geste beim Pferd überhaupt als Belohnung an? Dr. Vivian Gabor, Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation und promovierte Pferdewissenschaftlerin, sieht das kritisch: „Das Klopfen am Hals ist aus meiner Sicht vor allem eine menschliche Gewohnheit.“
Als Lob verstehe ein Pferd diese Berührung nur dann, wenn sie zuvor eindeutig mit einem positiven Erlebnis verknüpft worden sei. „Viele Pferde empfinden ein kräftiges Klopfen aber eher als unangenehm oder zumindest nicht als besonders wohltuend“, erklärt die Expertin. Pferdegerechter sei häufig ein ruhiges Kraulen, etwa im Bereich des Widerrists.
Auch interessant: Wie schaffe ich es, dass mein Pferd mich mag?
Womit kann man ein Pferd loben?
Wenn es um Belohnungen geht, hat jeder Pferdemensch seine eigenen Lobwörter, oder kennt die Lieblingsleckerlis des Tiers. Aber wie nehmen Pferde eigentlich unterschiedliche Formen der Belohnung wahr? Unterscheiden sie zwischen Stimme, Streicheln, Futter oder Pausen? Dr. Vivian Gabor erklärt: „Futter ist für viele Pferde ein sehr direkter positiver Verstärker, während die Stimme erst gelernt werden muss.“ Ein Lobwort wirke wie ein sekundärer Verstärker und bekomme seine Bedeutung durch die Verknüpfung mit etwas Angenehmem.
Die Expertin erklärt aber auch, worauf Halter besonders achten müssen: „Auch Pausen, Entspannung und das Nachlassen von Druck sind für Pferde sehr wichtige Formen von Lob.“ Darüber hinaus können Streicheln oder Kraulen ebenfalls belohnend sein, wenn es an einer Stelle und in einer Intensität geschehe, die das jeweilige Pferd wirklich als angenehm empfinde.
Die häufigsten Fehler beim Loben?
Sein Pferd richtig zu loben, ist oft leichter gesagt als getan. Aus ihrer täglichen Arbeit kennt Dr. Vivian Gabor typische Fehler, die vielen Haltern unbewusst passieren.
„Ein häufiger Fehler ist, dass das Lob zu spät kommt und das Pferd gar nicht mehr weiß, welches Verhalten gemeint war“, erklärt die Pferdewissenschaftlerin. Auch Futter werde häufig im falschen Moment eingesetzt – etwa dann, wenn das Pferd bereits in der Tasche wühle oder den Menschen bedränge. „Dann wird genau dieses Verhalten mitbelohnt“, warnt Dr. Vivian Gabor.
Auch interessant: Das steckt hinter dem rätselhaften Schlauchgeräusch von Pferden
Darüber hinaus werde oft unterschätzt, welche Wirkung eine Pause oder ein Nachlassen des Drucks haben könne. „Viele Menschen vergessen auch, dass eine echte Pause, ein Nachlassen der eigenen Körperspannung oder ein Moment der Entspannung für das Pferd oft wertvoller ist als ein automatisches Klopfen am Hals“, führt die Expertin weiter aus.
Sind rossige Stuten wirklich „zickiger“?
Gibt es Mobbing unter Pferden? Das sagt die Expertin
Warum das richtige Timing entscheidend ist
Doch wie sieht gutes Lob in der Praxis eigentlich aus? Angenommen, ein Pferd steht zum ersten Mal ruhig am Anbinder oder meistert eine neue Lektion erfolgreich – wie sollte der Mensch in diesem Moment reagieren?
Für Dr. Vivian Gabor beginnt gutes Lob mit dem richtigen Timing. „Ich würde den richtigen Moment zunächst ruhig mit einem bekannten Lobwort bestätigen und dem Pferd dann sofort eine Pause geben“, sagt die Pferdewissenschaftlerin. Je nach Charakter des Pferdes könne anschließend auch ein Kraulen am Widerrist oder eine kleine Futterbelohnung sinnvoll sein, solange das Tier dabei ruhig und respektvoll bleibe. Entscheidend sei vor allem, dass das Pferd die Situation positiv abspeichere: „Dieses Verhalten lohnt sich und führt in einen angenehmen Zustand.“
„Gutes Lob ist nicht möglichst laut und überschwänglich“
Was ein gutes Lob ausmacht, fasst die Expertin anschließend so zusammen: „Gutes Lob ist nicht möglichst laut oder überschwänglich, sondern vor allem klar, passend und pünktlich. Wir sollten immer aus Sicht des Pferdes fragen: Was empfindet dieses individuelle Pferd in diesem Moment wirklich als angenehm?“, erklärt Dr. Vivian Gabor.
Für sie endet gutes Loben jedoch nicht bei einem Lobwort oder einer Belohnung. Vielmehr spiele auch das Sicherheitsgefühl des Pferdes eine entscheidende Rolle. „Für das Beute- und Fluchttier Pferd ist Sicherheit ein zentraler Faktor: Durch Vertrauen, Klarheit und verlässliche Kommunikation kann es sich beim Menschen sicher fühlen“, ordnet die Expertin ein.
Dazu könne sogar gehören, dem Pferd bewusst etwas Raum zu geben. „Dazu gehört auch Raum – manchmal ist es für ein Pferd belohnend und beruhigend, wenn der Mensch körperlich einen Schritt zurückgeht, damit das Pferd Übersicht, Abstand und damit wieder mehr Sicherheit erleben kann“, so Dr. Vivian Gabor.
Am Ende sei Lob aus ihrer Sicht weit mehr als eine nette Geste. „Dann wird Lob nicht nur eine Belohnung, sondern auch ein wichtiger Baustein für Vertrauen, Motivation und Lernfreude“, fasst die Pferdewissenschaftlerin zusammen.
Zur Expertin
Dr. Vivian Gabor ist Verhaltensbiologin, promovierte Pferdewissenschaftlerin und Buchautorin. Ihr Spezialgebiet ist das Lernverhalten des Pferdes und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei der Optimierung der Mensch-Pferd-Kommunikation und der Verbesserung des Tierwohls. Sie ist Inhaberin eines Ausbildungsstalles und Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation (IVK). Dort werden Pferdeverhaltenstrainer ausgebildet, die das Wissen über pferdegerechtes und erfolgreiches Training weitertragen. Neben ihrer praktischen Tätigkeit ist sie als Sachverständige für Pferdeverhalten tätig und Lehrbeauftragte der Universität Göttingen.