5. Mai 2026, 16:58 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
„Die ist halt rossig“ – ein Satz, der schnell fällt. Vor allem, wenn Stuten als launisch oder „zickig“ gelten. Aber stimmt das wirklich? Im Interview mit PETBOOK erklärt Verhaltensbiologin Dr. Vivian Gabor, wann Verhalten normal ist oder, ob da mehr hinterstecken kann.
Sind Verhaltensveränderungen während der Rosse normal oder oft ein Hinweis auf Schmerzen?
Leichte Verhaltensveränderungen seien im Zusammenhang mit der Rosse völlig normal, erklärt Dr. Vivian Gabor: „Manche Stuten sind anhänglicher, sensibler, ablenkbarer oder reagieren stärker auf andere Pferde.“
Zeitgleich betont die Expertin aber auch: „Zeigt eine Stute jedoch deutliches Abwehrverhalten, starke Gereiztheit, Probleme beim Putzen, Satteln oder Reiten, wiederkehrende Leistungseinbrüche oder auffällige Empfindlichkeit im Bereich von Flanken, Bauch oder Rücken, sollte man das nicht vorschnell als ‚typisch Stute‘ abtun.“
Wenn das also der Fall sein sollte, dann lohne sich immer der genaue Blick, denn hinter solchen Veränderungen könnten auch Schmerzen oder andere körperliche Ursachen stecken, erklärt die Verhaltensbiologin weiter.1
„Mehr Ruhe, klare Signale, wenig Konfliktdruck“
Gerade Reitanfänger fragen sich, dann oft: Wie gehe ich am besten mit einer rossigen Stute um? „Am wichtigsten sind Beobachtung, Flexibilität und Fairness“, erläutert Dr. Vivian Gabor. Weiter führt die Expertin aus, dass man das Verhalten der Stute ernst nehmen sollte und das Training an ihre Tagesform anpassen solle, anstatt gegen sie zu arbeiten.
„Bei sensiblen Phasen helfen oft mehr Ruhe, klare Signale, wenig Konfliktdruck und eine insgesamt gut strukturierte, stressarme Umgebung“, rät Dr. Gabor. Zudem ginge es nicht darum, Verhalten einfach hinzunehmen, sondern die Ursache zu verstehen und die Anforderungen sinnvoll anzupassen, betont die Expertin.2
Ist die Rosse eine Belastung für die Stute?
Ob die Rosse tatsächlich eine Belastung für die Stute darstellen, sei individuell sehr unterschiedlich. Die Verhaltensbiologin ordnet das wie folgt ein: „Für viele Stuten ist die Rosse kein größeres Problem, für andere kann sie mit deutlichem Unwohlsein verbunden sein. Deshalb sollte man weder dramatisieren noch bagatellisieren.“
Entscheidend sei, das einzelne Tier zu betrachten, betont Dr. Gabor: „Wie stark verändern sich Verhalten, Bewegungsqualität, Ansprechbarkeit und Wohlbefinden? Eine Stute, die regelmäßig deutlich beeinträchtigt wirkt, sollte ernst genommen und gegebenenfalls tierärztlich abgeklärt werden.“
Warum einzelne Stuten auf die Rosse so unterschiedlich reagieren, erklärt die Pferdewissenschaftlerin so: „Stuten sind Individuen. Unterschiede können unter anderem mit Temperament, Vorerfahrungen, Schmerzempfinden, Gesundheitsstatus, Haltungsbedingungen, Trainingsbelastung und sozialem Umfeld zusammenhängen.“
Weiter erklärt sie: „Außerdem reagieren Pferde generell sehr unterschiedlich auf innere und äußere Reize.“ Deshalb sei es wissenschaftlich wenig sinnvoll, von „der typischen Stute“ zu sprechen.
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Welche Rolle spielen Haltung, Training und Fütterung bei rossigen Stuten?
Laut der Verhaltensexpertin spielen Haltung, Training und Fütterung eine sehr große Rolle. „Haltung und Management beeinflussen das allgemeine Stressniveau und damit auch, wie gut ein Pferd mit körperlichen oder hormonellen Veränderungen zurechtkommt“, erläutert Dr. Gabor. Sozialkontakt, Bewegung, passende Fütterung, ausreichende Raufutterversorgung, guter Schlaf und ein möglichst verlässlicher Alltag seien dabei wichtige Faktoren.
Doch nicht nur das, auch das Training spiele eine Rolle: „Ein Pferd, das permanent überfordert, missverstanden oder unter Schmerzen gearbeitet wird, wird in sensiblen Phasen eher auffällig“. Die Rosse sei dann oft nicht die eigentliche Ursache. Sie ist eher der Moment, in dem bereits bestehende Probleme sichtbarer werden.
Warum werden Stuten im Vergleich zu Wallachen oft als „schwieriger“ abgestempelt?
Hier spielen aus Sicht der Expertin viele Zuschreibungen und alte Stereotype eine Rolle. „Bei Stuten wird Verhalten schneller personalisiert oder emotional bewertet, während man bei Wallachen eher von ‚Tagesform‘ oder ‚Missverständnissen‘ spricht.“
Das sei problematisch, weil dadurch berechtigte Hinweise auf Unwohlsein, Schmerzen oder Überforderung leicht übersehen werden. In diesem Zusammenhang betont die Verhaltensbiologin: „Der Begriff ‚zickig‘ ist deshalb nicht nur unpräzise, sondern oft auch unfair, weil er Verhalten abwertet, statt nach Ursachen zu fragen.“3
Außerdem sei der Verhaltensbiologin eines besonders wichtig: „Die Rosse sollte nicht als praktische Erklärung für jedes unerwünschte Verhalten herhalten.“ Denn wenn eine Stute regelmäßig auffällig sei, sollte man immer das Gesamtbild anschauen – also Gesundheit, Sattel, Zähne, Fütterung, Training, Haltung und soziale Situation, so Dr. Gabor. Häufig sei die Rosse nicht das Problem selbst. Sie mache lediglich sichtbar, dass irgendwo bereits eine Belastung besteht.
Das Fazit der Expertin lautet dementsprechend: „Rossige Stuten sind nicht pauschal ‚schwierig‘, sondern oft einfach sensibler in einer bestimmten Phase. Genau deshalb lohnt es sich hinzusehen statt zu urteilen. Wer Verhalten differenziert betrachtet, schützt nicht nur das Wohlbefinden der Stute, sondern verbessert meist auch die Zusammenarbeit mit ihr.“
Zur Expertin
Dr. Vivian Gabor ist Verhaltensbiologin, promovierte Pferdewissenschaftlerin und Buchautorin. Ihr Spezialgebiet ist das Lernverhalten des Pferdes und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt bei der Optimierung der Mensch-Pferd-Kommunikation und der Verbesserung des Tierwohls. Sie ist Inhaberin eines Ausbildungsstalles und Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation (IVK). Dort werden Pferdeverhaltenstrainer ausgebildet, die das Wissen über pferdegerechtes und erfolgreiches Training weitertragen. Neben ihrer praktischen Tätigkeit ist sie als Sachverständige für Pferdeverhalten tätig und Lehrbeauftragte der Universität Göttingen.