Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Stress zwischen Artgenossen

Gibt es Mobbing unter Pferden? Das sagt die Expertin

Pferd beißt Pferd
Gibt es so etwas wie Mobbing unter Pferden? Foto: Getty Images/virgonira
Artikel teilen
PETBOOK-Redaktion

9. März 2026, 17:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ein neues Pferd kommt in den Stall – und wenige Tage später trägt es Bissspuren. Auf der Koppel wird es weggeschickt, am Heu steht es am Rand. Schnell fällt im Stall ein Wort: „Mobbing“. Aber gibt es eigentlich unter Pferden so etwas wie Mobbing? PETBOOK hat bei Biologin und promovierter Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor nachgefragt.

Wie funktioniert eine Pferdeherde grundsätzlich?

Ob es Mobbing unter Pferden wirklich gibt, müssen wir uns erst einmal anschauen, wie eine Pferdeherde eigentlich wirklich funktioniert. Dafür hat PETBOOK bei der Biologin und promovierten Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor nachgefragt. Sie ist Leiterin des Instituts für Verhalten und Kommunikation (IVK), einem Ausbildungszentrum für Pferdeverhaltenstrainer. Frau Dr. Gabor beschreibt: „Pferde sind hochsoziale Tiere und leben natürlicherweise in stabilen sozialen Verbänden. Sie zeigen präferierte soziale Partner (z. B. gemeinsames Grasen, gegenseitiges Kraulen, Nähe). Diese werden in der Ethologie oft als affiliative Beziehungen bezeichnet – vergleichbar mit Freundschaften.“

Viele Pferdehalter kennen das auch von ihren Tieren: Egal, wann man zur Koppel kommt, man erwischt das Tier immer mit den üblichen Verdächtigen. Schnell bekommt man da den Eindruck, dass auch Pferde beste Freunde haben können. Diese sozialen Bindungen seien auch wichtig für Sicherheit, Stressreduktion und koordiniertes Verhalten, etwa beim Ruhen oder bei der Fortbewegung der Gruppe, sagt Frau Dr. Gabor. Trotzdem gilt: „Konflikte kommen vor, verlaufen jedoch meist ritualisiert über Körpersprache und Drohgesten, sodass ernsthafte Kämpfe selten sind.“

Eine weitere Besonderheit einer Pferdegruppe beschreibt Gabor wie folgt: „Innerhalb der Herde übernehmen einzelne Tiere zudem häufiger bestimmte Rollen“. Weiter führt die Expertin aus: „Etwa beim Beobachten der Umgebung oder beim Anführen von Bewegungen, was der Gruppe insgesamt Schutz und Orientierung gibt.“ Das gilt besonders in der freien Natur.

Gibt es unter Pferden so etwas wie „Mobbing“?

Bei manchen Pferdegruppen fallen Spannungen schnell auf. Nicht selten wird dieses Verhalten als „Mobbing“ bezeichnet. Doch ist dieser Begriff überhaupt zutreffend – und gibt es Mobbing unter Pferden? Frau Dr. Gabor sagt dazu: „Der Begriff ‚Mobbing‘ stammt aus der Humanpsychologie und beschreibt bewusstes, systematisches Ausgrenzen mit der Absicht, zu schaden.“ Dieses Konzept lasse sich laut der Expertin nur sehr eingeschränkt auf Pferde übertragen.

Was wir als Ausgrenzung deuten, folgt in der Herde meist klaren Regeln. „Pferde handeln nicht aus strategischer Boshaftigkeit, sondern reagieren situativ auf Ressourcen wie Raum, Futter oder Sicherheit. Konflikte erfüllen meist eine funktionale Rolle im sozialen System und dienen der Klärung von Abstand und Zuständigkeiten“, erläutert Frau Dr. Gabor.

Gleichzeitig weist die Expertin darauf hin, dass anhaltende Spannungen innerhalb einer Gruppe nicht vorschnell individualisiert werden sollten: „Wenn einzelne Tiere dennoch dauerhaft unter Druck geraten, liegt die Ursache häufig weniger im Sozialverhalten der Pferde selbst als vielmehr in ungünstigen Haltungsbedingungen oder einer unpassenden Gruppenzusammenstellung.“

Gibt es eine feste Rangordnung – und wie stabil ist sie?

Die Vorstellung einer klaren, von oben nach unten geregelten Hierarchie hält sich dennoch hartnäckig. Doch so einfach ist das Sozialgefüge einer Pferdeherde nicht aufgebaut. Frau Dr. Gabor beschreibt den Aufbau eher so: „Statt einer starren ‚Rangordnung‘ spricht man in der Verhaltensbiologie eher von Beziehungsnetzwerken.“ Pferde hätten zwar individuelle Dominanzbeziehungen – also wer wem in bestimmten Situationen ausweicht –, diese seien jedoch kontextabhängig, führt die Expertin weiter aus.

Entscheidend ist also der jeweilige Zusammenhang: Ressourcen, Umgebung und beteiligte Tiere spielen eine Rolle. So beschreibt die Verhaltensexpertin: „Ein Pferd kann zum Beispiel beim Futter dominant sein, aber beim Zugang zu Wasser oder Liegeflächen nachgeben. Zudem verändert sich das soziale Gefüge durch Alter, Erfahrung, Gesundheitszustand oder neue Gruppenmitglieder.“

Kein Mobbing – aber wann wird es kritisch?

Auch wenn der Begriff „Mobbing“ unter Pferden fachlich nicht zutrifft, beschäftigt viele Halter die Frage, wo die Grenze zwischen alltäglicher sozialer Dynamik und einer ernsthaften Belastung verläuft. Wann sind Spannungen innerhalb der Herde noch Teil des normalen Miteinanders – und wann besteht Handlungsbedarf? Dazu sagt die Expertin: „Drohgebärden und kurze Auseinandersetzungen sind normal und notwendig, um Abstände zu regulieren. Problematisch wird es, wenn ein Pferd dauerhaft keinen Zugang zu Ressourcen wie Futter, Wasser oder Ruheplätzen erhält oder ständig vertrieben wird.“

Erst wenn sich solche Situationen über längere Zeit verfestigen, können daraus spürbare Folgen entstehen: „Dann kann chronischer Stress entstehen, der sich auch physiologisch messen lässt, etwa über Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität.“ Laut der Expertin deuteten solche Situationen meist auf Managementprobleme hin und nicht auf ‚böswilliges‘ Verhalten einzelner Pferde.

Welche typischen Fehlinterpretationen beobachten Sie bei Pferdehaltern?

„Ein häufiger Fehler ist die Vermenschlichung des Pferdeverhaltens. Menschen interpretieren Auseinandersetzungen schnell als ‚Mobbing‘, ‚Eifersucht‘ oder ‚Boshaftigkeit‘. Tatsächlich folgen Pferde sehr klaren, evolutionär entstandenen Kommunikationsmustern.“

Die Expertin erläutert weiter, dass Drohen, Ohren anlegen oder Wegschicken meist keine Aggression im menschlichen Sinn seien, sondern eine klare und effiziente Form der Konfliktvermeidung.

Wie stark beeinflusst die Haltungsart das Sozialverhalten?

Welche Rolle unterschiedliche Haltungssysteme für die soziale Dynamik spielen, ordnet die Expertin deutlich ein: „Die Haltungsform hat einen enormen Einfluss auf das Sozialverhalten. In großzügigen Offen- oder Aktivställen mit ausreichend Platz und mehreren Futterstellen können Pferde Konflikten leichter ausweichen.“

Doch wo Raum und Ressourcen knapp sind, gerät das soziale Gefüge leichter unter Druck. „In kleinen Gruppen oder beengten Systemen hingegen entstehen häufiger Spannungen, weil Ausweichmöglichkeiten fehlen“, erläutert die Expertin. Weiter führt Frau Dr. Gabor aus: „Besonders kritisch sind Situationen, in denen wichtige Ressourcen – etwa Heu oder Wasser – nicht gleichzeitig für alle Tiere zugänglich sind.“

Mehr zum Thema

So vermeiden Sie Stress beim Zusammenführen

Wenn ein neues Pferd in eine bestehende Gruppe kommt, ist das immer ein sensibler Moment. Wie gut die Integration gelingt, hängt dabei weniger vom Zufall ab als von Vorbereitung und Rahmenbedingungen. Gabor rät: „Die Integration neuer Pferde sollte möglichst schrittweise und gut vorbereitet erfolgen. Ideal seien zunächst Sicht- und Geruchskontakt über Zäune, bevor die Tiere direkten Kontakt haben.“ Außerdem helfe ausreichend Platz, damit Pferde Abstand halten können.

Neben Geduld spielt auch die praktische Organisation eine wichtige Rolle: „Wichtig ist auch, mehrere Futterplätze anzubieten, damit rangniedrigere Tiere nicht verdrängt werden. Eine sorgfältige Gruppenplanung reduziert Konflikte deutlich und fördert stabile soziale Beziehungen.“

Harmonie ist kein Zufall

Ob enge Bindungen, kurze Rangeleien oder neue Gruppenmitglieder – das Sozialleben von Pferden ist komplex. Es wirkt oft einfacher, als es ist. Wer genau hinschaut und nicht vorschnell vermenschlicht, erkennt die Zusammenhänge.

Viele Konflikte sind Teil einer funktionierenden Kommunikation. Entscheidend ist nicht die Frage nach „Schuld“, sondern nach den Rahmenbedingungen. Ausreichend Platz, gutes Management und ein Verständnis für natürliche Bedürfnisse machen den Unterschied. Harmonie in der Herde ist also kein Zufall – sondern das Ergebnis guter Bedingungen. Wer sie schafft, ermöglicht Pferden ein Sozialleben, das ihrer Natur entspricht.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.