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Gut gemeint, aber riskant

Diese Erziehungstricks können Katzen Angst machen

Redaktionskitten Ivy schaut Pflanze an
Auch Redaktionskitten Ivy und Halterin Emily Reimann finden den Zitronen-Erziehungstrick problematisch und werden ihn im Alltag nicht umsetzen Foto: Emily Reimann
Porträt Emily Reimann
PETBOOK-Redaktion

18. September 2026, 17:42 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Auf Social Media wimmelt es von Tipps, Erziehungstricks und vermeintlichen Lifehacks für Katzen. Doch halten die Empfehlungen wirklich, was sie versprechen? PETBOOK hat bei Helena Becker, Verhaltenstherapeutin und -trainerin sowie professionelle Katzensitterin, nachgefragt und einige verbreitete Trends eingeordnet.

Katze knabbert an Blättern: Zitrone hilft?

Knabbert die Katze ständig an Zimmerpflanzen, ist die Verzweiflung vieler Halter groß. In sozialen Netzwerken kursieren deshalb zahlreiche Erziehungstricks, wie sich Katzen von Blättern und Blumentöpfen fernhalten lassen. Besonders häufig wird empfohlen, Pflanzen mit Zitronensaft zu besprühen oder Zitronenscheiben in die Erde zu legen. Doch genau das kann zum Problem werden: Zitronen und andere Zitrusfrüchte sind für Katzen giftig und können unter anderem Magen-Darm-Beschwerden, Appetitlosigkeit und neurologische Symptome auslösen.

Auch interessant: Diese Zimmerpflanzen sind für Katzen ungefährlich

Helena Becker, Verhaltenstherapeutin und ‑trainerin sowie professionelle Katzensitterin bei „Stubentiger Berlin“, rät dabei: „Wie immer bei solchen ‚Tipps‘ muss man zum einen die Expertise der Person stark hinterfragen.“ In einem Reel hatte eine Katzenhalterin Zitronensaft auf Pflanzenblätter gesprüht. „Sie möchte sich selbst das Leben erleichtern, geht aber überhaupt nicht auf die Bedürfnisse ein, die Katzen artspezifisch haben, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen“, erklärt Becker.

Natürlich kann man nachvollziehen, dass Halter ihre Pflanzen schützen möchten. Die scheinbar einfache Lösung ist jedoch problematisch. Solche Methoden würden als aversive Maßnahmen bezeichnet, so Becker. Darunter fallen Sprays, aber auch der Einsatz von Zitrone, die bei der Katze Vermeidungsverhalten auslösen sollen.

Helena Becker erklärt: „Problematisch dabei ist, dass das Stress auslöst, die Sicherheit im eigenen Kernrevier erschüttern kann und nicht weit genug gedacht ist.“ Ein Zusammenleben auf Augenhöhe solle nicht auf Bestrafung und Abschreckung ausgerichtet sein, so die Verhaltensexpertin.

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Katze buddelt in der Blumenerde? Erst die Ursache verstehen

Immer wieder kursieren Tipps, Blumentöpfe mit größeren Steinen abzudecken, damit Katzen nicht in der Erde wühlen oder diese fressen. Für Becker sind solche Maßnahmen jedoch keine Option. „Menschen denken sehr eindimensional: Katze macht etwas, sie soll es lassen. Statt zu überlegen: Warum macht sie das eigentlich?“, sagt sie. Hinter dem Verhalten können verschiedene Bedürfnisse stecken, etwa Beschäftigung, Neugier, Spielverhalten oder der Wunsch nach einer bestimmten Unterlage.

Wer das Verhalten dauerhaft ändern möchte, sollte deshalb die Ursache verstehen, und welches Bedürfnis der Katze dahintersteht, ordnet Becker ein. „Und dann schauen, wie man dieses im Zusammenleben erfüllt und die eigenen Möbel und Pflanzen unbeschadet bleiben.“

Kratzen verbieten? Katzen markieren nicht ohne Grund

Auch beim Kratzen greifen viele Halter zu vermeintlichen Erziehungstricks für Katzen, um ihre Möbel zu schützen. Doch dabei wird oft übersehen, warum Katzen überhaupt kratzen.

„Beispiel Kratzen an Gegenständen: Katzen markieren mit dem Kratzen, sie haben Duftdrüsen an den Ballen, die für andere Katzen z. B. auslesbar sind“, erklärt Becker. Gleichzeitig hinterlassen sie sichtbare Signale. „Sie markieren auch optisch, indem sie besonders intensiv oder hoch kratzen. Sie kommunizieren damit mit anderen Katzen.“

Das Verhalten erfüllt dabei mehrere Funktionen. Denn laut der Verhaltensexpertin setzen Katzen solche Marker auch an strategisch wichtigen Plätzen für sich selbst. Becker nennt als Beispiele: zur eigenen Beruhigung der Katze oder um zu zeigen, dass ihr Revier regelmäßig durchgearbeitet wird. Deshalb hält Becker wenig von pauschalen Verboten oder Abschreckung. „Bei Katzen hat alles einen Sinn und diesen Creatoren täte es gut, weniger die menschlichen Probleme zu bedienen, als zu erklären, warum Katzen etwas machen oder lassen. Dafür fehlt es ihnen aber einfach an Wissen.“, kritisiert Becker solche Tipps.

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Wasserpistole, Ultraschall & Co.: Warum Strafen Katzen verunsichern

Neben Zitronen werden in sozialen Netzwerken auch Wasserpistolen, Ultraschallgeräte oder andere Abschreckungsmethoden gezeigt. Davon rät Becker ebenfalls ab: „Es gibt auch Geräte, die spezielle Töne erzeugen, damit Katzen nicht in die Nähe von etwas gehen. Wasserpistolen gehören dazu. Aber auch elektrische Impulse, wenn wir noch weiter denken wollen.“

Solche Methoden können zwar kurzfristig dazu führen, dass Katzen ein bestimmtes Verhalten unterlassen. Das Problem wird dadurch aber meist nicht gelöst. Stattdessen setzt Becker auf positive Alternativen: „Katzen sollten herausgelenkt werden und tolle Alternativen bekommen, Langeweile im Alltag sollte durch spannende und positive Reize abgebaut werden.“ Besonders gut eignet sich das Spielen mit dem Lieblingsspielzeug als positive Alternative.

Verhaltensprobleme löst man nicht mit Tricks aus dem Netz

Für Becker zeigen viele virale Erziehungstipps vor allem eines: Das eigentliche Bedürfnis der Katze wird oft ignoriert. Wer Verhaltensweisen dauerhaft verändern möchte, sollte deshalb nicht auf Abschreckung, sondern auf Verständnis setzen. „Training, Handling, Verständnis – keine aversiven Maßnahmen, die bei Katzen zu schwerer Verunsicherung, Stress, Ängsten und Verhaltensproblemen führen können. Wer möchte das wirklich riskieren?“, sagt die Expertin.

Ihr Fazit: „Das Zusammenleben mit Katzen auf Augenhöhe funktioniert nicht mit ein paar Tipps, sondern einer Auseinandersetzung damit, was sie brauchen.“ Werden diese Bedürfnisse nicht erfüllt, suchen sich Katzen andere Wege. „Wenn man auf einer Seite nicht liefert, finden Katzen einen Weg ihre Bedürfnisse nach Abwechslung, geeigneten Kratzmöglichkeiten etc. anders auszuleben.“

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