28. November 2025, 5:48 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Golden Retriever sind nicht nur beliebte Familienhunde, sondern auch genetische Schatztruhen. In einer neuen Studie mit über 1000 Tieren fanden US-Forscher genetische Verbindungen zwischen Hundeverhalten und menschlichen Gemütszuständen. Die erstaunliche Entdeckung: Viele Gene, die bei Hunden mit Aggression oder Angst zusammenhängen, sind auch beim Menschen mit psychischen Erkrankungen oder kognitiven Fähigkeiten verknüpft. Könnten unsere Vierbeiner also künftig bei der Erforschung psychischer Störungen helfen?
Darum eignen sich Golden Retriever als Forschungsmodell
Hunde zeigen – ähnlich wie Menschen – große Unterschiede im Verhalten und in ihrem Temperament. Und wie bei uns sind auch bei ihnen viele dieser Eigenschaften genetisch bedingt. Besonders Golden Retriever eignen sich als Forschungsmodell: Sie gehören zu einer genetisch homogenen Rasse, was genetische Analysen vereinfacht.
Diese Studie zielte darauf ab, herauszufinden, welche Gene mit bestimmten Verhaltensmerkmalen bei Golden Retrievern zusammenhängen – und ob diese Gene auch beim Menschen mit psychischen, kognitiven oder temperamentsbezogenen Eigenschaften assoziiert sind.
Gibt es genetische Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Hund?
Dazu nutzten die Forscher Daten der Golden Retriever Lifetime Study (GRLS), einer groß angelegten Langzeituntersuchung. Verhaltensdaten wurden mithilfe eines etablierten Fragebogens erhoben. Dieser erfasste das Verhalten von Hunden in 14 Merkmalen wie Aggression, Angst, Energie oder Trainierbarkeit systematisch.
Ziel war es, genetische Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Hund zu entdecken. Damit wollten die Forscher neue Einblicke in die biologischen Grundlagen von Verhalten und Emotionen gewinnen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Pnas“ veröffentlicht. 1
Daten wurden mit denen aus menschlichen Studien verglichen
Um genetische Zusammenhänge zu ermitteln, führten die Forscher 14 sogenannte genomweite Assoziationsstudien (GWAS) durch. Das ist eine Methode, mit der Genvarianten identifiziert werden können, die mit bestimmten Merkmalen verknüpft sind.
Die Genomdaten wurden mit einem Hochdichte-Chip erhoben. Rund 468.000 genetische Marker wurden nach Qualitätskontrollen analysiert. Die Auswertung erfolgte mithilfe statistischer Modelle, die Alter, Geschlecht, Kastrationsstatus und andere Einflussfaktoren kontrollierten.
Zusätzlich wurde die Erblichkeit (also der genetische Anteil am Verhalten) berechnet. Bei bedeutenden Genen wurde zudem ein Abgleich mit menschlichen Studien durchgeführt. Dabei wurden die Hundegene auf Assoziationen mit über 190 menschlichen psychischen, kognitiven oder temperamentsbezogenen Merkmalen geprüft.
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Gemeinsame biologische Grundlagen zwischen Mensch und Hund
Die Studie fand insgesamt 21 Stellen im Erbgut von Golden Retrievern, die mit ihrem Verhalten zusammenhängen. Davon waren 12 besonders eindeutig und 9 weitere mit einem möglichen Zusammenhang. Diese Genregionen beeinflussen acht verschiedene Verhaltensmerkmale, zum Beispiel:
- Aggression gegenüber anderen Hunden: In der Nähe des Gens PTPN1 gab es eine auffällige Verbindung. Dieses Gen ist beim Menschen unter anderem mit Intelligenz, Depression und dem Bildungsniveau verbunden.
- Trainierbarkeit: Drei Gene – ROMO1, ADGRL2 und ITPR2 – zeigten einen Zusammenhang mit der Fähigkeit der Hunde, sich gut erziehen zu lassen. Beim Menschen hängen diese Gene ebenfalls mit Intelligenz, Depression und emotionaler Empfindlichkeit zusammen.
- Ängstlichkeit, etwa gegenüber fremden Personen oder lauten Geräuschen: Hier waren Gene wie ADD2, PRDX1, HUNK und ASCC3 beteiligt, die beim Menschen mit Stimmungsschwankungen, Depression oder Einsamkeit in Verbindung gebracht werden.
- Empfindlichkeit bei Berührung: Auch hier wurde ein Gen gefunden (VWA8), das beim Menschen mit Bildung und Lernerfolg zusammenhängt.
- Trennungsprobleme, wie z. B. Jaulen oder Unruhe beim Alleinsein: Auch hier zeigten sich Überschneidungen, zum Beispiel beim Gen IGSF11, das ebenfalls mit menschlichen Merkmalen verknüpft ist.
Insgesamt entdeckten die Forscher 18 wichtige Gene. 12 davon spielen auch beim Menschen eine Rolle bei psychischen oder geistigen Eigenschaften. Das spricht für gemeinsame biologische Grundlagen zwischen Mensch und Hund – trotz aller Unterschiede zwischen den Arten.
Verhaltensprobleme bei Hunden sind auf ähnliche emotionale Grundlagen zurückzuführen
Diese Studie liefert starke Hinweise darauf, dass ähnliche Gene Verhalten und Emotionen bei Hund und Mensch beeinflussen. Die genetische Überschneidung legt nahe, dass Hunde als Modellorganismen für menschliche psychische Erkrankungen und Temperamentsunterschiede nützlich sein können.
Besonders interessant: Viele der bei Hunden mit Angst oder Aggression verknüpften Gene sind beim Menschen mit Depression, Reizbarkeit, Sensibilität oder neurotischen Tendenzen assoziiert. Das könnte bedeuten, dass Verhaltensprobleme bei Hunden auf ähnliche emotionale Grundlagen zurückzuführen sind wie bei Menschen – mit potenziellen Konsequenzen für Therapieansätze.
Was die Ergebnisse für Hundehalter bedeuten
Für die Praxis ergibt sich daraus ein spannender Gedanke: Anstatt unerwünschtes Verhalten nur durch Training zu unterdrücken, könnten gezielte Maßnahmen (ggf. auch medikamentöse) an den emotionalen Ursachen ansetzen. Auch für die Auswahl und Ausbildung von Assistenzhunden könnten neue Kriterien entwickelt werden. Das betrifft etwa die Berücksichtigung von Genen, die mit kognitiver Leistungsfähigkeit verbunden sind, anstatt nur auf Belohnungssensibilität zu setzen.
Gleichzeitig profitieren auch die Humanmedizin und Psychiatrie. Denn Gene, die im Menschen nur schwache Effekte zeigen, könnten durch die Hundestudie als besonders relevante Kandidaten hervorgehoben werden. Das gilt insbesondere dann, wenn sie in beiden Arten ähnliche Auswirkungen auf Verhalten haben.
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Daten beruhen auf der subjektiven Einschätzung der Halter
Diese Untersuchung ist die bisher größte Einzelrasse-Genomstudie zum Hundeverhalten und bietet eine hohe Aussagekraft. Die Konzentration auf Golden Retriever ermöglichte klare genetische Aussagen. Da Rassehunde eine geringe genetische Variabilität und lange genetische Kopplungen aufweisen, liefern sie ideale Bedingungen für genetische Kartierungen. Durch den speziellen Fragebogen lagen valide und vergleichbare Verhaltensdaten vor.
Dennoch gibt es Einschränkungen: Die Daten beruhen auf der subjektiven Einschätzung der Halter, was zu Verzerrungen führen kann. Zudem wirken Umweltfaktoren wie Erziehung, Sozialisation oder Haltungsbedingungen stark auf das Verhalten – Einflüsse, die sich nicht vollständig herausrechnen lassen.
Fazit: überzeugende Belege für gemeinsame genetische Grundlagen von Verhalten bei Hund und Mensch
Einige genetische Zusammenhänge sind bereits aus anderen Studien bekannt, doch durch die Ein-Rasse-Strategie dieser Studie konnten die Forscher klären, dass es sich nicht nur um Effekte handelt, die auf Rasse-Unterschiede zurückgehen. Besonders interessant: Das viel diskutierte IGF1-Gen, das die Körpergröße beeinflusst und auch mit Angstverhalten assoziiert ist, zeigt bei Golden Retrievern keine Korrelation zwischen Körpergewicht und Energielevel – ein Hinweis darauf, dass der Effekt tatsächlich genetisch und nicht durch Umwelt geprägt ist.
Diese Studie liefert damit überzeugende Belege für gemeinsame genetische Grundlagen von Verhalten bei Hund und Mensch. Das stärkt die Rolle des Hundes als Modellorganismus für psychische und emotionale Zustände. Zugleich könnten sich neue Ansätze zur Behandlung oder Vorbeugung problematischer Verhaltensweisen bei Hunden ergeben – basierend auf einem besseren Verständnis ihrer emotionalen Grundlagen.