17. August 2026, 16:48 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Beim Schlafen oder Entspannen knickt so manchem Hund die Pfote auffällig weg. Für Menschen sieht das oft unbequem oder sogar schmerzhaft aus. Doch was steckt wirklich hinter der seltsamen Haltung? PETBOOK-Autorin und Hundetrainerin Katharina Marioth klärt auf.
Warum die Pfoten beim Hund knicken
Was da knickt, ist das Karpalgelenk, die Vorderpfoten-Entsprechung unseres Handgelenks. Hunde sind sogenannte Zehengänger. Sie stehen nicht auf der ganzen Fußsohle wie wir, sondern auf den Zehen, und das, was auf den ersten Blick wie ihr „Vorderknie“ aussieht, ist in Wahrheit das Handgelenk. Im Stand und beim Laufen trägt dieses Gelenk einen erheblichen Teil des Körpergewichts und muss dabei gleichzeitig beweglich genug bleiben, um Sprünge und plötzliche Richtungswechsel abzufedern. Damit das funktioniert, hat die Natur dem Gelenk einen recht großzügigen Bewegungsspielraum mitgegeben.
Genau dieser Spielraum wird sichtbar, sobald kein Gewicht mehr auf der Pfote lastet. Löst sich die Muskulatur im Liegen, sinkt das Gelenk in seine natürliche Ruhestellung, und die kann eben durchaus bedeuten, dass die Pfote seitlich wegkippt. Es ist im Grunde nichts anderes, als wenn wir unsere Finger locker hängen lassen, statt sie bewusst gerade zu halten. Sobald die Spannung raus ist, fallen sie in eine Position, die im angespannten Zustand seltsam aussehen würde.
Warum manche Hunde das deutlicher zeigen als andere
Nicht jeder Hund knickt seine Pfote beim Liegen, und das hat mit Statur, Alter und Bindegewebe zu tun. Schlanke, leichtgebaute Hunde mit eher lockerem Bindegewebe, etwa viele Windhundrassen, aber auch zahlreiche junge Hunde, zeigen dieses Bild deutlich häufiger als kompakt gebaute, muskulöse Rassen. Auch das Alter spielt eine Rolle. Welpen und Junghunde haben noch nicht dieselbe Bandstabilität wie ausgewachsene Tiere, ihre Gelenke sind insgesamt beweglicher, ganz ähnlich wie bei kleinen Kindern, die ihre Finger und Gelenke ebenfalls in Stellungen bringen können, die für Erwachsene unangenehm wären.
Auch die Unterlage spielt mit hinein. Auf einer weichen, nachgebenden Decke sinkt die Pfote tiefer ein und kippt dabei leichter zur Seite als auf einer harten, glatten Fläche. Wer seinen Hund also auf unterschiedlichen Untergründen beobachtet, wird feststellen, dass sich das Bild je nach Liegeplatz durchaus unterscheidet.
Liegen ist nicht dasselbe wie Stehen
An dieser Stelle lohnt sich ein wichtiger Perspektivwechsel, denn es gibt tatsächlich eine Situation, in der ein Einknicken der Vorderpfoten ernst zu nehmen ist, und die hat mit entspanntem Liegen nichts zu tun. Bei manchen, meist großwüchsigen Welpen kommt es während der Wachstumsphase zu einer sogenannten Karpalen Laxität. Dabei knicken die Vorderpfoten auch im Stand nach vorne durch, sodass der Welpe zeitweise fast auf dem Handgelenk zu laufen scheint. Betroffen sind meist junge Hunde zwischen der achten und zwanzigsten Lebenswoche, oft im Zusammenhang mit rasantem Wachstum, unausgewogener Fütterung oder zu einseitiger Bewegung. In den meisten Fällen ist das folgenlos, wenn rechtzeitig gegengesteuert wird, etwa durch angepasste Fütterung, mehr Bewegungsvielfalt auf rutschfestem Untergrund und Rücksprache mit dem Tierarzt.
Der entscheidende Unterschied lässt sich also einfach zusammenfassen: Knickt die Pfote nur im entspannten Liegen weg, während der Hund im Stand und beim Laufen völlig normal und stabil auftritt, ist das ein harmloses Ruhebild. Knickt sie dagegen auch beim Stehen oder Gehen ein, gehört das tierärztlich abgeklärt.
Wann sich genaues Hinschauen lohnt
Auch bei erwachsenen, gesunden Hunden gibt es Signale, auf die zu achten sich lohnt. Wenn ein Hund, der bislang immer entspannt und auf beiden Seiten ähnlich gelegen hat, plötzlich nur noch eine Pfote schont, humpelt, die betroffene Stelle warm oder geschwollen ist oder er beim Berühren des Gelenks empfindlich reagiert, ist ein Tierarztbesuch angezeigt. Auch ein einseitig deutlich stärker ausgeprägtes Wegknicken als auf der Gegenseite kann auf eine muskuläre Dysbalance oder eine ältere, kompensierte Verletzung hindeuten.
In der ganz überwiegenden Mehrheit der Fälle von Hunden und ihren geknickten Pfoten beim Dösen aber schlicht ein Zeichen von Wohlbefinden. In meiner Trainingspraxis erlebe ich es fast täglich: Hunde, die sich sicher und rundum entspannt fühlen, lassen ihre Muskulatur komplett los, und dazu gehört eben auch, dass die Gelenke in ihre natürliche, manchmal skurril aussehende Ruheposition sinken. Ein Hund, der dagegen angespannt, wachsam oder unsicher ist, hält seine Pfoten tendenziell enger am Körper und in einer kontrollierteren Haltung, oft mit angespannter Beinmuskulatur, die man bei genauem Hinsehen gut erkennen kann.
Ein Blick fürs große Ganze
Das Wegknicken der Vorderpfote steht dabei selten allein. Wer seinen Hund insgesamt beobachtet, findet meist noch weitere Entspannungssignale: ein locker hängendes Ohr, eine weiche Gesichtsmuskulatur, ein tiefer, hörbarer Seufzer beim Hinlegen, manchmal ein leichtes Zucken der Lefzen im Schlaf. All das gehört zu einem stimmigen Gesamtbild von Ruhe, in dem die umgeknickte Pfote nur ein Baustein von vielen ist.
Wer seinen Hund gut kennt, entwickelt mit der Zeit ohnehin ein Gefühl dafür, wie das ganz individuelle entspannte Liegen des eigenen Tieres aussieht. Genau dieses Wissen ist hilfreich, um Abweichungen frühzeitig zu erkennen, nicht weil das Wegknicken der Pfote an sich gefährlich wäre, sondern weil Veränderungen im gewohnten Ruheverhalten oft die ersten, unscheinbaren Hinweise auf gesundheitliche Themen sind, etwa beginnende Gelenkbeschwerden, die sich zunächst nur im entspannten Zustand zeigen.
Wer also das nächste Mal die schräg wegknickende Pfote seines dösenden Hundes entdeckt, darf getrost entspannt bleiben. Das ist in aller Regel keine Fehlstellung, sondern schlicht der Ausdruck eines Hundes, der sich in diesem Moment rundum wohlfühlt und seinem Körper vollständig vertraut. Und ein bisschen darf man sich als Halter durchaus geschmeichelt fühlen, denn diese Art von Loslassen zeigen Hunde nur dort, wo sie sich wirklich sicher fühlen.
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Ein Beispiel aus der Praxis
Vor einiger Zeit rief mich eine besorgte Hundehalterin an, weil ihr junger Labrador seit ein paar Wochen „so komisch mit der Pfote“ liege. Beim Videoanruf zeigte sich schnell das klassische Bild: Der Hund lag entspannt auf der Seite, eine Vorderpfote deutlich nach außen weggeknickt, während er tief und gleichmäßig atmete. Auf Nachfrage bestätigte die Halterin, dass der Hund im Stand und beim Spielen völlig normal lief, nie humpelte und auch beim Abtasten des Gelenks keinerlei Schmerzreaktion zeigte.
Das war schon die halbe Diagnose. Wir haben trotzdem gemeinsam vereinbart, dass sie zur Sicherheit einmal beim Tierarzt vorbeischaut, allein um ganz beruhigt zu sein, doch der Befund war wie erwartet unauffällig. Solche Fälle erlebe ich immer wieder, und sie zeigen sehr schön, wie wichtig es ist, ein Verhalten nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext des gesamten Bewegungsbildes des Hundes.
Kleine Mythen rund ums Hundeliegen
Rund um die Liegepositionen von Hunden halten sich hartnäckig ein paar Missverständnisse. Eines davon ist die Annahme, ein weit weggeknicktes Gelenk sei automatisch ein Zeichen von „Schlappheit“ oder mangelnder Fitness.
Das Gegenteil ist der Fall: Ein gutes, gesundes Bindegewebe erlaubt genau diese Beweglichkeit, ohne dass daraus im Alltag irgendein Nachteil entsteht. Ein zweiter Irrglaube betrifft die sogenannte Superman-Pose, bei der ein Hund flach auf dem Bauch liegt und beide Hinterbeine nach hinten ausgestreckt hat. Manche Halter befürchten hier eine Fehlstellung der Hüfte, dabei handelt es sich meist ebenfalls um eine völlig normale, sogar besonders gelenkschonende Ruheposition, die vor allem junge, bewegliche Hunde gerne einnehmen.
Wer unsicher ist, ob eine bestimmte Liegeposition seines Hundes normal ist, kann sich an einer einfachen Faustregel orientieren: Solange der Hund die Position freiwillig, entspannt und ohne erkennbares Unbehagen einnimmt und beim Aufstehen völlig unauffällig und ohne Steifheit in Bewegung kommt, gibt es in aller Regel keinen Grund zur Sorge. Das gilt auch, wenn der Hund seine Pfote knickt. Erst wenn Schmerzanzeichen, Bewegungseinschränkungen oder eine plötzliche Veränderung des gewohnten Verhaltens hinzukommen, wird aus einer harmlosen Beobachtung ein Thema für den Tierarzt.