21. August 2026, 17:02 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Manchmal fällt es mir beim Gassigehen auf: Mein Australian Shepherd Elvis schleift mit den Krallen einer Hinterpfote über den Boden. Bislang konnten die Tierärzte keine eindeutige Ursache feststellen. Ist er nur müde oder könnte das Überköten sein? PETBOOK erklärt, woran Halter den Unterschied erkennen und wann der Hund zum Tierarzt muss.
Was bedeutet Überköten beim Hund?
Beim Überköten knickt die Pfote nach unten um. Der Hund tritt nicht mit den Ballen, sondern mit der Oberseite der Zehen oder dem Pfotenrücken auf. Das kann nur einen Sekundenbruchteil dauern. In ausgeprägten Fällen bleibt die Pfote umgeschlagen und wird mitgezogen.
Tierärztin Dr. med. vet. Romina Pankow erklärt gegenüber PETBOOK: „Beim Überköten spielt häufig die sogenannte Propriozeption eine Rolle – vereinfacht gesagt die Fähigkeit des Nervensystems, jederzeit zu wissen, wo sich die Gliedmaßen im Raum befinden, ohne dass der Hund sie dafür anschauen muss. Ist diese Wahrnehmung oder die anschließende motorische Reaktion gestört, kann die Pfote falsch aufgesetzt oder nicht schnell genug in ihre normale Position zurückgebracht werden. Überköten ist deshalb keine Diagnose, sondern zunächst ein neurologisches Symptom, dessen Ursache lokalisiert werden muss.“
Schleifen oder Überköten – so erkennen Halter den Unterschied
Ein Schuhvergleich macht den Unterschied deutlich. Beim bloßen Schleifen streift nur die Schuhspitze über den Boden, anschließend landet der Fuß normal auf der Sohle. Beim Überköten knickt der Fuß dagegen so um, dass zumindest für einen kurzen Moment die Oberseite des Schuhs den Boden berührt.
Pankow betont: „Nicht jedes Krallenschleifen ist Überköten. Beim echten Überköten wird die Pfote nicht rechtzeitig in ihre normale Position zurückgebracht und der Hund tritt zumindest kurzzeitig mit der Oberseite der Zehen oder dem Pfotenrücken auf. Schleifen dagegen nur die Krallen über den Boden und landet die Pfote anschließend normal auf den Ballen, ist das zunächst etwas anderes. Wiederholtes Krallenschleifen sollte trotzdem abgeklärt werden, weil sowohl orthopädische als auch neurologische Ursachen dahinterstecken können.“
Für die Analyse sollten Halter ihren Hund von hinten und von der Seite filmen. In der Zeitlupe lässt sich dann gut erkennen:
- ob nur die Krallen über den Boden streifen, während die Pfote richtig herum bleibt – dann handelt es sich um Schleifen.
- ob die Pfote umklappt und ihre Oberseite den Boden berührt – dann ist Überköten zu sehen.
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Warum der Pfotenstelltest keine sichere Diagnose erlaubt
Abgeriebene Krallen allein beweisen hingegen kein Überköten, zeigen aber, dass der Hund die Pfote nicht sauber anhebt. Auch der Pfotenstelltest taugt nicht zur Selbstdiagnose. Dabei prüft der Tierarzt, wie schnell ein Hund seine Pfote nach einer kurzen Fehlstellung wieder korrekt aufsetzt.1
Pankow erklärt: „Der Pfotenstelltest sieht zunächst sehr einfach aus, ist in seiner Durchführung und Interpretation aber deutlich weniger eindeutig, als es den Anschein hat. Manche Hunde sind an den Pfoten sehr berührungsempfindlich und ziehen die Gliedmaße allein auf den Berührungsreiz hin rasch zurück. Eine solche sogenannte Flexorreaktion darf nicht einfach mit einer normalen bewussten Stellreaktion gleichgesetzt werden. Deshalb lässt sich aus einem einzelnen Test zu Hause weder eine neurologische Erkrankung sicher feststellen noch ausschließen. In der neurologischen Untersuchung werden die Stellreaktionen immer zusammen mit Gangbild, Haltung, Reflexen, Muskelkraft und weiteren Befunden beurteilt.“
Diese Begleitsymptome sind Warnzeichen
Je nach Ursache können weitere Veränderungen hinzukommen. Dazu gehören:
- Stolpern oder Hängenbleiben
- schwankende oder sich überkreuzende Hinterbeine
- Einknicken beim Wenden
- Probleme beim Aufstehen oder Treppensteigen
- Kraftverlust und Muskelabbau
- abgeschliffene Krallen oder Wunden auf dem Pfotenrücken
Manche Ursachen, etwa Bandscheibenerkrankungen, können zusätzlich Rücken- oder Nackenschmerzen, Bewegungsunlust oder Aufjaulen auslösen. Fehlen solche Schmerzen, bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass keine neurologische Störung vorliegt.
„Neurologische Störungen müssen nicht schmerzhaft sein. Ein Hund kann eine relevante Störung der Koordination, Propriozeption oder Pfotenstellung haben und trotzdem keinen Schmerz zeigen. Deshalb sollte ein auffälliges Gangbild nicht allein deshalb abgetan werden, weil der Hund ansonsten fröhlich und unauffällig wirkt“, sagt Pankow.
Was kann hinter Überköten oder Krallenschleifen stecken?
Eine mögliche neurologische Ursache für Überköten ist eine Bandscheibenerkrankung: Drückt Bandscheibenmaterial auf Nerven oder Rückenmark, kann der Hund Schmerzen haben, unsicher laufen und seine Beine schlechter bewegen.2
Ein Unfall, ein Knochenbruch oder in seltenen Fällen auch eine Operation können einen einzelnen Nerv schädigen. Dann schleift der Hund möglicherweise nur mit einem Bein oder setzt die Pfote falsch auf.3
Orthopädische Erkrankungen und Schmerzen können ebenfalls dazu führen, dass der Hund eine Gliedmaße nicht weit genug nach vorn führt oder nicht ausreichend anhebt. Dann können die Krallen über den Boden schleifen, ohne dass die Pfote tatsächlich überkötet. Ob eine orthopädische oder neurologische Ursache vorliegt, lässt sich am Schleifmuster allein nicht sicher erkennen.
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Wie sind die Heilungschancen von Überköten?
Ob sich das Überköten zurückbildet, hängt von seiner Ursache ab. Ein leicht verletzter Nerv kann sich innerhalb von Wochen oder Monaten erholen. Bei schweren Nervenverletzungen können Ausfälle bleiben. Zudem scheuert die Haut durch das Überköten auf, Wunden können sich entzünden und die Sturzgefahr steigt an.
Liegt eine Bandscheibenerkrankung vor, hängen die Heilungschancen unter anderem davon ab, wo die Schädigung sitzt, wodurch sie verursacht wurde und wie schwer die neurologischen Ausfälle sind. Deshalb lässt sich aus dem Überköten allein nicht ableiten, wie gut die Heilungschancen sind.
Wann muss der Hund zum Tierarzt?
Schleift der Hund wiederholt mit derselben Pfote oder knickt sie um, sollte er zeitnah orthopädisch und neurologisch untersucht werden. Neu aufgetretenes Überköten sollte ebenfalls zeitnah tierärztlich untersucht werden, ist aber nicht automatisch in jeder Situation ein Notfall.
Sofortige tierärztliche Hilfe ist nötig bei:
- rascher Verschlechterung
- deutlicher Schwäche oder Lähmungserscheinungen
- starken Schmerzen
- Störungen der Blasen- oder Darmfunktion
Kann der Hund nicht mehr aufstehen oder verliert er die Kontrolle über Blase oder Darm, muss er sofort zum Tierarzt. Bis dahin sollte er wenig laufen und nicht springen. Schutzschuhe können wunde Haut schützen, beseitigen aber nicht die Ursache. Schienen und Bandagen gehören in fachkundige Hände.