21. September 2026, 12:15 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Viele Hundehalter meinen es gut und können ihrem Tier dennoch schaden. Hundepsychologe Marc Ebersbach erklärt im Interview, welche alltäglichen Verhaltensweisen Hunde überfordern, warum Angst oft mit Gehorsam verwechselt wird und woran Halter erkennen, dass ihr Hund leidet.
Marc Ebersbach beschäftigt sich seit Jahren mit Hunden, die als aggressiv, ängstlich oder schwer erziehbar gelten. In seinem neuen Buch „Letzte Rettung: Hundepsychologe“ erklärt er, warum viele Verhaltensprobleme aus seiner Sicht missverstanden werden und weshalb manche Trainingsmethoden sogar neue Probleme schaffen können. Im PETBOOK-Interview spricht der Hundepsychologe darüber, wo Gewalt gegen Hunde beginnt, warum Gehorsam nicht automatisch bedeutet, dass ein Hund gelernt hat, und welche Fehler viele Halter unbewusst machen.
„Gewalt beginnt nicht dort, wo der Mensch sie als Gewalt bezeichnet“
Viele denken bei Gewalt gegen Hunde sofort an Schläge. Wo beginnt Gewalt aus Ihrer Sicht tatsächlich?
„Gewalt beginnt nicht dort, wo der Mensch sie als Gewalt bezeichnet. Sie beginnt dort, wo der Hund sie als Gewalt erlebt. In der Hundecommunity gibt es darüber viele Meinungen. Doch Meinungen interessieren das Nervensystem eines Hundes nicht. Es entscheidet nur: Kann ich eine Situation noch kognitiv verarbeiten oder bin ich bereits emotional völlig überfordert?
Viele verwechseln Gehorsam mit Lernen. Ein Hund kann Verhalten unterdrücken und trotzdem nichts gelernt haben. Wirkliches Lernen findet nur statt, wenn das Nervensystem überhaupt noch aufnahmefähig ist.
Genau hier fehlt vielen Menschen das Verständnis. Der tägliche Leinenruck, das ständige Zurückziehen des Hundes oder Beschimpfungen, während der Hund beispielsweise in einer Hundebegegnung längst die innere Kontrolle verlohren hat, all das ist für mich Gewalt.
Keine Gewalt ist es dagegen, einem Hund Grenzen zu setzen oder Verhalten beizubringen, wenn dies so dosiert geschieht, dass er es verstehen und verarbeiten kann. Und das bedeutet keineswegs, dass Hundeerziehung ausschließlich aus positiver Motivation mit Keksen bestehen müsste.“
Wie viel Gewalt hinter Leinenruck steckt
Welche alltäglichen Verhaltensweisen überschreiten diese Grenze, ohne dass Halterinnen und Halter es bemerken?
„Nach meiner Beobachtung ist der Leinenruck die häufigste Form von Gewalt, die Hunde im Alltag erleben – ausgerechnet dann, wenn sie ohnehin schon völlig überfordert sind.
Erst letzte Woche beobachtete ich einen Mann, der mit Freunden und seinem Terrier in ein Restaurant gehen wollte. Das Lokal lag an einer belebten Kreuzung. Als der Wirt der Gruppe dann auch noch die Tür öffnete, war die Situation für den Terrier sichtbar zu viel und er zog nach vorne. Statt ihm zu helfen, riss der Halter so heftig am Halsband zurück, dass der kleine Hund durch die Luft flog. Ich sprach ihn darauf an. Seine Reaktion: völlige Ignoranz.
Viele Hunde geraten immer wieder in Situationen, die sie emotional überfordern. Sie ziehen dann nicht aus Ungehorsam nach vorne, sondern weil ihr Nervensystem nur noch Flucht kennt. Wer in diesem Moment an der Leine ruckt, bestraft keinen Ungehorsam, sondern Überforderung.
Das ist ungefähr so, als würde jemand mit starker Flugangst während heftiger Turbulenzen aufschreien – und ich würde ihm dafür auch noch eine scheuern.“
„Psychische Gewalt kann einen Hund massiv schädigen“
Kann auch psychische Gewalt einem Hund schaden? Woran zeigt sich das?
„Psychische Gewalt kann einen Hund massiv schädigen. Manche Halter sind unberechenbar oder ständig gestresst und lassen ihre Anspannung am Hund aus. Andere vernachlässigen ihn: Acht bis zwölf Stunden ist der Hund allein, morgens und abends eine kurze Pflichtrunde – mehr passiert nicht.
Viele dieser Hunde entwickeln Meideverhalten, wirken depressiv oder zeigen stereotype Verhaltensweisen wie ständiges Pfotenlecken. Andere zerstören Möbel oder Gegenstände und werden dafür anschließend auch noch bestraft. Das Nervensystem eines Hundes findet erstaunlich viele Wege, psychische Belastung sichtbar zu machen.
Doch psychische Gewalt kann nicht nur von privaten Hundehaltern ausgehen. Eine Hundetrainerin vermittelt ihren Kunden beispielsweise das Konzept, ein Hund dürfe in seinem Leben nichts eigenständig entscheiden. Er müsse beispielsweise lernen, stundenlang auf seinem Platz zu liegen. Und auch außerhalb dieser Übung darf der Hund nichts ohne seinen Menschen: nicht spielen, nicht fressen, einfach nichts. Es soll lernen, dass jede Ressource nur vom Menschen ausgeht. Das ist für mich psychische Gewalt.“
Warum Angst kein Wegweiser ist
Wo verläuft die Grenze zwischen konsequenter Erziehung und Einschüchterung
„Konsequenz bedeutet nicht Strenge. Konsequenz bedeutet Vorhersehbarkeit. Ein klar geführter Hund erlebt Sicherheit und Orientierung. Ein eingeschüchterter Hund erlebt Unsicherheit und Willkür. Er weiß nie, wann sein Mensch laut wird, an der Leine ruckt oder emotional explodiert.
Ich darf einem Hund Grenzen setzen. Ich darf ihm auch etwas zumuten. Aber er darf nicht aus Angst vor mir gehorchen. Die entscheidende Frage lautet: Folgt mir der Hund, weil er mir vertraut – oder weil er mich fürchtet? Das eine ist Führung. Das andere ist Einschüchterung.“
Welche Folgen hat es für einen Hund, wenn er regelmäßig Angst vor seinem Menschen hat?
„Ein Hund kann draußen oft nur dann entspannen, wenn sein Mensch ihm Sicherheit gibt. Wird dieser Mensch jedoch selbst zur Bedrohung, entsteht ein Teufelskreis.
Der Hund ist durch den äußeren Reiz bereits angespannt oder überfordert und muss gleichzeitig die Reaktion seines Menschen fürchten. Dadurch steigt seine innere Belastung weiter an.
Ein Trainer erklärte in den sozialen Medien einmal stolz, er müsse seinem Hund eine Wasserflasche nur noch drohend vor die Nase halten, und schon würde dieser in der Hundebegegnung ruhig bleiben. Tatsächlich sagt er damit etwas aber ganz anderes: Er muss seinem Hund dauerhaft drohen, damit dieser ruhig bleibt.
Kurzfristig mag der Vorher/Nachher-Effekt beeindrucken. Langfristig bleibt das eigentliche Problem bestehen – häufig verstärkt es sich sogar.
Viele dieser Hunde entwickeln im Laufe der Zeit immer neue Verhaltensprobleme. Ihre Halter glauben dann, der Hund sei ein hoffnungsloser Fall. In meiner gesamten Arbeit habe ich allerdings noch keinen hoffnungslosen Fall erlebt – allerdings Menschen, die völlig falsche Methoden angewendet haben.“
Wenn aus Ruhe Hektik und Aggresivität wird
Gibt es Anzeichen, an denen Halterinnen und Halter erkennen können, dass ihr Hund unter ihrem Umgang leidet?
„Ja. Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn sich ein Hund plötzlich verändert.
Er zieht sich zurück, erschrickt schneller, duckt sich bei Bewegungen des Menschen, meidet Blickkontakt oder reagiert auffällig empfindlich auf Stimme und Körpersprache seines Menschen.
Auch neu auftretende Geräuschängste, ständiges Pfotenlecken, zunehmendes Vermeidungsverhalten oder die Weigerung, das Haus zu verlassen, können Hinweise sein.
Oft steckt dahinter gar keine bewusste Härte. Häufig sind es auch Hektik, Unklarheit oder ständige Anspannung des Menschen, die den Hund dauerhaft belasten. Diese Hunde werden oft hektischer, aggressiver oder wirken plötzlich ungewöhnlich still und angepasst.
Ein gutes Beispiel ist auch die Leinenführigkeit. Viele Hunde laufen nach dem Training zwar wie gewünscht dicht am Menschen, bewegen sich dabei aber steif, verkrampft und unnatürlich. Zu einer fachlich korrekt aufgebauten Leinenführigkeit gehört deshalb immer auch ein lockeres, natürliches Gangbild.
Grundsätzlich beobachte ich derzeit in der Hundecommunity eine Überbewertung des „ruhigen Hundes“. Ruhe wird häufig mit Entspannung verwechselt. Dabei kann Ruhe ebenso Rückzug oder erlernte Hilflosigkeit bedeuten. Von außen sieht beides ähnlich aus – für den Hund ist es ein gewaltiger Unterschied.“
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Laute Maßnahmen oder weniger Strafe? – das sind die Erziehungstrends bei Social Media
Welche Erziehungsmethoden oder aktuellen Trends sehen Sie besonders kritisch, obwohl sie noch weit verbreitet sind?
„Ich beobachte derzeit eine deutliche Rückkehr strafender Methoden. Besonders kritisch sehe ich den Einsatz von Schreckreizen, etwa Blechschüsseln oder andere plötzliche Reize, die Verhalten sofort unterbrechen sollen. Das wirkt auf Social Media oft spektakulär. Der Hund hört augenblicklich auf. Aber nicht, weil er etwas gelernt hat, sondern weil er erschrocken ist.
Solche Videos erzeugen Millionen Aufrufe. Niemand filmt jedoch denselben Hund einige Monate später, wenn er plötzlich Angst vor Geräuschen entwickelt, sich nicht mehr vor die Tür traut oder die Bindung zum Halter verliert.
Gleichzeitig hat auch die rein positive Szene die Diskussion teilweise ideologisch überzogen. Wer behauptet, jedes schwere Verhaltensproblem lasse sich ausschließlich über positive Motivation lösen, hilft den betroffenen Hunden ebenfalls nicht.
Genau das nutzen viele Trainer, die harte Strafen rechtfertigen. Sie sagen: „Die Kekswerfer lösen solche Fälle doch gar nicht.“ Und damit haben sie oft sogar recht. Doch auch die Hardliner sind nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Hier kritisieren die Falschen, denn häufig fehlt ihnen jedes Verständnis dafür, was ihre Methoden im Nervensystem des Hundes auslösen und wie gefährlich das enden kann.
Zwischen diesen Extremen arbeiten viele hervorragende Trainerinnen und Trainer. Doch Differenzierung ist in sozialen Medien leise. Extreme sind laut. Die Lautesten werden oft mit den Besten verwechselt.
Daher wurde es Zeit für ein Buch, das aufklärt und Methoden vorstellt, die sich auch bei sehr herausfordernden Fällen als wirksam erwiesen haben – allerdings ohne dem Hund zu schaden. “
„Kann mein Hund überhaupt leisten, was ich gerade von ihm erwarte?“
Was würden Sie Hundehaltern raten, die ihren Hund erziehen möchten, ohne ihm unbeabsichtigt psychisch oder körperlich zu schaden?
„Beachte nicht nur das äußere Verhalten deines Hundes. Stell dir zuerst die Frage: Kann mein Hund überhaupt leisten, was ich gerade von ihm erwarte? Ist sein Nervensystem unter Belastung noch lernfähig oder ist er bereits so gestresst, ängstlich oder überfordert, dass er für Anweisungen des Menschen gerade kaum noch erreichbar ist?
Viele Hunde haben ein grundsätzlich überlastetes Nervensystem, die können eigentlich gerade überhaupt nicht mehr lernen. Andere haben Schwierigkeiten mit der nervlichen Belastung am konkreten Reiz klarzukommen. Das sind häufig die Hunde, über die Halter sagen: „Bis zu einem bestimmten Punkt konnte ich noch an dem anderen Hund vorbeigehen, dann ist er mir doch über die Füße gelaufen.“ Die Spannung war zu groß, weil der Hund noch nicht gelernt hatte, damit umzugehen.
Gutes Verhaltenstraining besteht deshalb aus drei Phasen: Zuerst wird das Nervensystem entlastet. Dann lernt der Hund, die Belastung am konkreten Reiz zu regulieren. Erst danach wird am sichtbaren Verhalten gearbeitet. In meinem Buch erkläre ich, wie ich mit diesem Konzept selbst Fälle löse, die andere bereits aufgegeben haben, und welche Methoden sich für den eigenen Hund anbieten.
Viele Halter drehen sich im Kreis, weil sie diese vorherige Entlastung des Hundes überspringen. Doch auf eine volle Festplatte lassen sich keine neuen Programme aufspielen. Das gilt auch für Hunde.
Erst wenn das Nervensystem wieder aufnahmefähig ist, lohnt es sich, an Orientierung, Alternativverhalten und, wenn nötig, an angemessenen Korrekturen zu arbeiten.
Das braucht etwas Zeit. Doch die Geduld lohnt sich. Sei kritisch bei Trainern, die auffällig schnelle Erfolge versprechen. Wer zu schnelle Lösungen verkauft, verkauft oft nur neue Probleme.“

