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Tierischer Rekord

Schon gewusst? Diese Schnecke hat 40.000 Zähne

Collage aus Weinbergschnecke beim Fressen und Nahaufnahme der Raspelzunge (Radula)
Kaum jemand würde vermuten, dass Schnecken Zähne haben. Diese sind winzig, aber sehr effektiv, um Nahrung regelrecht abzuraspeln. Foto: picture-alliance / OKAPIA KG, Germany | Kjell B. Sandved | Stephan Mentzner (Kreis)
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

9. Januar 2026, 10:57 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten

Die wenigsten wissen wahrscheinlich, dass Schnecken Zähne haben – und das nicht wenig. Damit können sie nicht nur Nahrung abraspeln, sondern mit enormer Kraft regelrecht schneiden. PETBOOK erklärt, warum die heimische Weinbergschnecke dabei ganz besondere Leistungen verbringt.

Warum haben Schnecken Zähne?

Zähne bei Schnecken – das klingt im ersten Moment überraschend. Schließlich haben die meisten Menschen dabei ein Bild von weichem Körper, Schleimspur und zartem Salatblatt im Kopf. Doch Schnecken sind wahre Fress-Spezialisten. Ihre „Zähne“ brauchen sie, um Nahrung abzuraspeln, zu zerkleinern und aufzunehmen. Anders als wir kauen sie nicht, sondern arbeiten mit einem hochspezialisierten Mundwerkzeug: der sogenannten Raspelzunge, wissenschaftlich Radula genannt.1

Diese Radula ist ein zentrales Erfolgsgeheimnis der Schnecken. Sie erlaubt es ihnen, ganz unterschiedliche Nahrungsquellen zu nutzen – von zarten Pflanzen über Algenbeläge bis zu harten Schwämmen oder Muscheln bei marinen Arten. Genau diese Anpassungsfähigkeit hat Schnecken zu einer der artenreichsten Tiergruppen der Erde gemacht.

So funktioniert die Raspelzunge der Schnecke

Die Radula ist keine Zunge im klassischen Sinn, sondern ein bewegliches Chitinband, das mit Tausenden winziger Zähnchen besetzt ist. Diese Zähnchen stehen in Längs- und Querreihen und bilden eine Art biologisches Schleifpapier. Beim Fressen schiebt die Schnecke die Radula aus dem Mund nach vorn, drückt sie gegen die Nahrung und zieht sie wieder zurück – dabei wird das Futter abgerieben, abgeschabt oder sogar regelrecht geschnitten.

Unterstützt wird das Ganze durch einen festen „Kiefer“ im Mundraum, gegen den die Nahrung gepresst wird. So kann eine Weinbergschnecke selbst ein knackiges Salatblatt oder eine Karotte erstaunlich effizient zerlegen. Da sich die Zähnchen ständig abnutzen, wächst die Radula von hinten kontinuierlich nach – bei manchen Landschnecken sogar mehrere Zahnreihen pro Tag. Ein perfektes, biologisches Fließband.

Auch interessant: Darf man Schnecken wirklich nicht am Gehäuse hochnehmen?

Weinbergschnecke hat 40.000 Zähne mit erstaunlicher Leistung

Die heimische Weinbergschnecke (Helix pomatia) bringt es auf rund 40.000 Zähne. Doch nicht nur die Menge ist beeindruckend, sondern auch die Leistung dieser Mini-Zähne.

Ein Forschungsteam der Universitäten Hamburg und Kiel hat die Raspelzunge der Gefleckten Weinbergschnecke (Cornu aspersum) genau untersucht und dabei Erstaunliches festgestellt: Auf die Spitzen der einzelnen Zähnchen wirken beim Fressen Kräfte von umgerechnet bis zu 4700 bar. Zum Vergleich: Eine Espressomaschine arbeitet mit etwa zehn bar, industrielles Wasserstrahlschneiden mit mehreren tausend bar.2

Dabei sind die Zähne der Weinbergschnecke gar nicht extrem hart – ihre Materialeigenschaften ähneln eher Holz. Der Trick liegt in der Kombination aus Bewegung, Reibung und der schieren Anzahl der Zähnchen. Gemeinsam entfalten sie eine Wirkung, die man diesem unscheinbaren Gartentier niemals zutrauen würde.3

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Rekordhalterin! Diese Schnecke hat die meisten Zähne der Welt

So beeindruckend die Weinbergschnecke auch ist – den absoluten Zahnrekord hält eine andere Art: die Schirmschnecke (Umbraculum umbraculum), eine große Meeresschnecke aus tropischen Gewässern. Über ihr Leben hinweg produziert sie unglaubliche bis zu 750.000 Zähne.4

Zwar trägt sie nicht alle gleichzeitig im Mund, denn auch ihre Radula wird permanent erneuert. Diese Zahnflut braucht sie, um harte Nahrung wie Schwämme, Muscheln und andere feste Meeresorganismen abzuraspeln. Unter dem Mikroskop wirkt das Innere ihres Mundes wie ein dichter Wald aus Dornen – ein Anblick, der eher an Science-Fiction als an ein Weichtier erinnert.5

Zum Vergleich: Das landlebende Tier mit den meisten Zähnen, ein Gecko aus Madagaskar, kommt „nur“ auf gut 300. Schnecken spielen also in einer ganz eigenen Liga.

Fazit: Schneckenzähne sind biomechanisches Wunder

Die Weinbergschnecke ist weit mehr als ein Nützling und Gartenhelfer, der Nacktschneckeneier frisst. Mit ihrer hochentwickelten Raspelzunge, Zehntausenden Zähnen und enormer mechanischer Kraft ist sie ein kleines biomechanisches Wunder. Ihre Zähne zeigen eindrucksvoll, wie raffiniert Evolution funktionieren kann – leise, langsam, aber äußerst effektiv.

Wer das nächste Mal eine Weinbergschnecke im Garten entdeckt, sieht sie vielleicht mit anderen Augen: nicht als schleimiges Kriechtier, sondern als faszinierendes Wildtier mit einem der erstaunlichsten Gebisse unserer heimischen Tierwelt. Und wer Glück hat, kann nach einem Sommerregen sogar das Raspeln der Schneckenzungen hören, denn dann kommen die Tiere in großer Zahl heraus und beginnen, Nahrung aufzunehmen.

Quellen

  1. spektrum.de“, „Radula“ (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  2. „uni-hamburg.de“, „Forschungsteam untersucht die Raspelzunge der Gefleckten Weinbergschnecke“ (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  3. lubw.baden-wuerttemberg.de, „Weinbergschnecke“ (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  4. livescience.com“, „What Is the Toothiest Animal on Earth?“ (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  5. guinnessworldrecords.com“, „Most teeth (lifetime)“ (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎

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