30. Juni 2026, 13:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Seit Wochen werden in Deutschland ungewöhnlich viele Gänsegeier gesichtet – von Bayern bis Schleswig-Holstein. Gleichzeitig laufen in den Alpen seit Jahren Programme zur Wiederansiedlung des Bartgeiers. Doch haben Geier tatsächlich ein Comeback in Deutschland? Und müssen sich Menschen oder Haustiere Sorgen machen? PETBOOK hat bei NABU-Vogelexperten Martin Rümmler nachgefragt.
Außergewöhnlich viele Gänsegeier in Deutschland
Der aktuelle Einflug der Gänsegeier ist selbst für Experten ungewöhnlich. Während in den vergangenen Jahren meist einzelne Tiere oder kleine Gruppen beobachtet wurden, sind derzeit mehr als ein Dutzend Gänsegeier nahezu zeitgleich in Deutschland unterwegs. Sichtungen gab es unter anderem im Karwendelgebirge bei Mittenwald, am Ammersee, im Raum Stuttgart, am hessischen Edersee, in Sachsen und Thüringen, bei Hannover, in Brandenburg sowie in Schleswig-Holstein.
„Der aktuelle Einflug ist auffällig, weil zeitgleich über ein Dutzend Tiere an vielen Orten von Süd- bis Norddeutschland gesichtet wurden“, erklärt NABU-Vogelexperte Martin Rümmler auf Anfrage von PETBOOK. Zwar seien Einflüge von Gänsegeiern im Frühjahr und Sommer grundsätzlich bekannt, normalerweise handle es sich dabei jedoch lediglich um einzelne Tiere oder kleine Gruppen.
Nach Einschätzung Rümmlers befinden sich die Vögel nicht auf der Suche nach einem neuen Lebensraum in Deutschland. Vielmehr seien es vor allem junge Gänsegeier, die vor ihrer Geschlechtsreife auf ausgedehnte Erkundungstouren gehen. Erst mit fünf bis sechs Jahren beginnen sie zu brüten.
Begünstigt werden diese weiten Flüge durch günstige Wetterbedingungen. Als hervorragende Gleitflieger nutzen Gänsegeier starke Thermik und können sich über Hunderte Kilometer tragen lassen. Zudem können sie durch die vorherrschenden Windrichtungen aus ihren Brutgebieten in Spanien und Frankreich bis nach Deutschland verdriftet werden. Hinzu kommt laut Rümmler, dass junge Geier in ihren Heimatgebieten häufig älteren Brutvögeln bei der Nahrungssuche unterlegen sind. Weil Tierkadaver als Nahrungsquelle zudem knapper werden, weichen manche Tiere zeitweise in weit entfernte Regionen aus.
Sind Gänsegeier gefährlich?
Der Anblick der bis zu 2,60 Meter spannenden Flügel kann einschüchternd wirken. Tatsächlich gelten Gänsegeier jedoch als hochspezialisierte Aasfresser. Anders als Adler oder andere Greifvögel sind sie keine aktiven Jäger. Sie verfügen weder über kräftige Greiffänge noch über die Jagdtechnik, um lebende Beutetiere zu erlegen.
Deshalb müssen sich Halter von Katzen, kleinen Hunden oder Kaninchen keine Sorgen machen. „Gänsegeier sind auf Aas spezialisiert und vermeiden die aktive Jagd“, sagt Rümmler. Anders als Adler seien sie keine sogenannten Grifftöter. Das Verletzungsrisiko einer aktiven Jagd wäre für die Tiere zu hoch und stünde in keinem Verhältnis zum möglichen Energiegewinn.
Für Aufsehen sorgten allerdings zwei Vorfälle in Niedersachsen, bei denen ein Gänsegeier Jungstörche in ihren Nestern tötete und fraß. Nach Einschätzung des NABU-Vogelexperten handelt es sich dabei um einen Ausnahmefall. Vermutlich sei ein einzelner hungriger und körperlich geschwächter Vogel dafür verantwortlich gewesen. Jungstörche seien in ihren Nestern besonders leicht erreichbar und zeigten in den ersten Lebenswochen einen sogenannten Todstellreflex (Akinese), der sie vor vielen Beutegreifern schützt – gegenüber einem Geier jedoch zum Nachteil werden kann. Rümmler hält es zwar für möglich, dass einzelne Gänsegeier ein solches Verhalten in Notsituationen wiederholen, ein typisches Verhalten der Art sei dies jedoch nicht.
Wiederansiedlungsprojekt in Berchtesgaden
Im Juni 2021 hat der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) damit begonnen, Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden auszuwildern. Den Anfang machten die beiden Weibchen Bavaria und Wally: Sie kamen aus einem spanischen Zuchtprogramm und wurden von den Tierschützern an eine schwer zugängliche Felswand in den bayerischen Alpen gebracht. 2022 folgten Dagmar und Recka, 2023 kamen Sisi und Nepomuk dazu. Zuletzt kamen die beiden jungen Männchen Wiggerl und Vinzenz ins Geier-Revier: Sie wurden Ende Mai 2024 im Beisein von Ministerpräsident Markus Söder freigelassen.1
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Bartgeier sind beeindruckende Tiere. Sie besitzen eine maximale Flügelspannweite von knapp drei Metern und zählen damit zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Früher wurden sie auch Lämmergeier genannt, da man vermutete, sie würden Lämmer töten und verspeisen. Heute weiß man, dass Bartgeier fast ausschließlich Aas fressen. Sie sind echte Nahrungsspezialisten und vertilgen größtenteils die Knochen verendeter Tiere. Lediglich die Jungvögel benötigen Muskelfleisch, um gesund heranwachsen zu können.
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Geier in Deutschland: Missverstanden und gejagt
Geiern wie dem Bartgeier kommt in der Natur eine wichtige Aufgabe zu. Als Aasfresser sind sie so etwas wie die „Müllabfuhr“ des Tierreichs: Sie beseitigen Kadaver und verhindern damit die Ausbreitung von Krankheitserregern. Davon profitiert auch der Mensch. Dennoch haftete ihnen lange Zeit der Ruf eines rücksichtslosen Killers an: Bereits im Alten Testament wurden Geier als „unreine Tiere“ geschmäht und selbst der bedeutende britische Naturforscher Charles Darwin nannte Geier in seinen Notizen „ekelerregend“.2
Obwohl Bartgeier in der Regel selbst keine Tiere töten und mit Aas vorliebnehmen, gibt es noch heute Menschen, die diese streng geschützten Vögel strikt ablehnen und sogar jagen. Immer wieder werden Geier abgeschossen oder sterben durch ausgelegte Giftköder.
Werden Geier dauerhaft nach Deutschland zurückkehren?
Regelmäßigere Besuche von Gänsegeiern dürften nach Einschätzung von Martin Rümmler auch künftig zum Sommerbild in Deutschland gehören. Begünstigt werden könnten sie unter anderem durch die Klimakrise, günstige Wetterbedingungen und wachsende Brutpopulationen in Europa. Eine dauerhafte Ansiedlung hält der NABU-Vogelexperte jedoch derzeit für unwahrscheinlich. Der wichtigste Grund: In Deutschland werden Tierkadaver in der Regel schnell beseitigt, sodass den Aasfressern eine ausreichende Nahrungsgrundlage fehlt.
Beim Bartgeier ist die Entwicklung eine andere. Dank der Wiederansiedlungsprojekte wächst die Population in den Alpen langsam wieder. Schätzungen zufolge leben dort inzwischen rund 220 bis 250 Tiere. Auch junge Bartgeier unternehmen weite Erkundungsflüge – der in Berchtesgaden ausgewilderte Jungvogel Vinzenz flog 2025 sogar bis in die Niederlande. Wie Rümmler erklärt, sind Bartgeier insgesamt jedoch deutlich seltener als Gänsegeier. Deshalb werden sie außerhalb der Alpen wesentlich seltener beobachtet.
Die aktuellen Sichtungen zeigen dennoch, dass sich die Geierbestände in Europa langsam erholen. Während Gänsegeier Deutschland vorerst vor allem auf ihren Erkundungsflügen besuchen, könnte der Bartgeier dank der Wiederansiedlungsprojekte langfristig wieder dauerhaft in den Alpen heimisch werden.