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Wie aus einem Sci-Fi-Film

Kein Gehirn, kein Herz, aber lebendig – das Rätsel der „Zombie“-Seegurke

Eine Seegurke der Art Psolus fabricii
Diese Seegurke ist wie ein Zombie: abgetrenntes Gewebe lebt ohne Herz und Gehirn weiter Foto: FredD CC BY-SA 4.0
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28. Mai 2026, 17:13 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Die „Zombie“-Seegurke klingt wie eine Kreatur aus einem Science-Fiction-Film: abgetrennte Körperteile, die weiterleben, heilen und sogar auf Berührungen reagieren. Doch genau das beobachteten Forscher tatsächlich am Meeresboden. Gewebestücke der Seegurke Psolus fabricii blieben über Jahre biologisch aktiv – ganz ohne Herz, Gehirn oder vollständigen Körper. Was zunächst wie ein biologischer Horrorfilm wirkt, könnte der Wissenschaft völlig neue Einblicke in Heilung und Regeneration liefern. PETBOOK erklärt, was hinter der ungewöhnlichen Entdeckung steckt und warum die „Zombie“-Seegurke Forscher weltweit so fasziniert.

Abgeschnitten – und trotzdem lebendig

Normalerweise ist ein abgetrenntes Körperteil ein Fall für den Verfall. Selbst Tiere mit erstaunlichen Regenerationsfähigkeiten – etwa Eidechsen oder Seesterne – verlieren zwar Schwänze oder Arme, doch die abgetrennten Stücke sterben anschließend meist schnell ab. Bei der Kaltwasser-Seegurke Psolus fabricii scheint das völlig anders zu sein.

Ein Forschungsteam um Sara Jobson und Annie Mercier entdeckte etwas, das selbst die Wissenschaftler überraschte: Abgeschnittene Gewebestücke der Seegurke lebten jahrelang weiter. Und nicht nur das – sie heilten ihre Wunden, nahmen Nährstoffe auf, bauten ihr Gewebe um und reagierten sogar noch auf Berührungen. Was klingt wie eine Mischung aus Frankenstein und Zombie-Film, spielte sich tatsächlich am Meeresboden ab.1

Die Wunden heilten einfach von selbst

Untersucht wurden Röhrenfüße, Tentakel und Teile der Körperwand. Die Forscher lagerten die Gewebe nicht in sterilen Hightech-Laboren oder Speziallösungen, sondern schlicht in natürlichem Meerwasser voller Bakterien – einer Umgebung, in der empfindliches Gewebe normalerweise rasch zerfällt. Doch das passierte nicht.

Vor allem die Röhrenfüße verblüfften das Team. Diese kleinen Haftfortsätze funktionieren für die Seegurke gewissermaßen wie eine Mischung aus Füßen und Händen. Sie helfen ihr, sich festzuhalten, zu klettern und sich fortzubewegen. Direkt nach dem Abtrennen waren die Gewebestücke auch stark verletzt. Trotzdem setzte schon nach kurzer Zeit eine Art biologisches Reparaturprogramm ein.

Die beschädigten Teile wurden von der Seegurke abgestoßen, die Wundränder zogen sich zusammen und nach etwa sechs Tagen waren die Verletzungen vollständig verschlossen. Zunächst schrumpften die abgetrennten Röhrenfüße etwas – vermutlich eine Stressreaktion auf die Verletzung. Später jedoch, begannen die Gewebe wieder zu wachsen. Nach einigen Monaten waren manche Stücke sogar größer als direkt nach dem Abtrennen.

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Zombie-Gewebe: Bewegung trotz fehlendem Körper

Die Gewebestücke lagen nicht einfach nur „tot“ herum. Sie zeigten klare Zeichen von Aktivität, blieben also biologisch aktiv. Die Forscher fanden Hinweise auf Zellteilung, Immunreaktionen und sogar Stoffwechselprozesse. Immunzellen wanderten gezielt zu verletzten Stellen, räumten beschädigtes Material auf und schützten das Gewebe offenbar vor Keimen aus dem Meerwasser. Gleichzeitig veränderte sich die innere Struktur der Explantate. Muskelgewebe verschwand nach und nach, während stabiles Bindegewebe zunahm.

Besonders erstaunlich: Die Gewebeteile nahmen weiterhin Nährstoffe aus ihrer Umgebung auf. Die Forscher zeigten, dass sie Aminosäuren direkt aus dem Meerwasser absorbierten – wichtige Bausteine für Energie und Reparatur.

Auffällig waren auch die abgetrennten Tentakel der Seegurke. Obwohl sie keinen vollständigen Körper, kein Herz und kein Gehirn mehr hatten, reagierten sie weiterhin auf Berührungen. Die Tentakel konnten sich entsprechend ausstrecken und wieder zusammenziehen.

Die Studie zeigt zwar nicht, dass die Tentakel ein eigenständiges Lebewesen waren oder bewusst handelten. Sie zeigt aber, dass das abgetrennte Gewebe überraschend lange aktiv bleiben kann. Es bewegt sich, reagiert auf Reize und seine Nervensignale funktionieren weiterhin.

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Andere Arten konnten das nicht

Die Forscher wollten wissen, ob auch andere Stachelhäuter so lange überleben können. Deshalb untersuchten sie zusätzlich Gewebe von Seesternen, Seeigeln, Schlangensternen und anderen Seegurkenarten.

Zunächst sah vieles erstaunlich ähnlich aus: Die Wunden schlossen sich, beschädigtes Gewebe wurde entfernt und Immunzellen wanderten zu den verletzten Stellen. Doch auf lange Sicht zeigte sich ein klarer Unterschied. Kein anderes Gewebe blieb dauerhaft so stabil. Am längsten hielten noch bestimmte Röhrenfüße eines Seesterns durch – etwa 104 Tage. Die Gewebe der „Zombie“-Seegurke dagegen blieben sogar über Jahre biologisch aktiv.

Wirklich „unsterblich“?

Die Forscher nennen die abgetrennten Gewebestücke „LiPfe“ – eine Abkürzung für „living immortal P. fabricii explants“. Übersetzt bedeutet das etwa: „lebende unsterbliche Gewebe“. Ganz so eindeutig ist das aber nicht. Mit „immortal“ meinen die Forschenden nicht, dass die Gewebe wirklich biologisch unsterblich sind.

Die Gewebe wurden über mehr als drei Jahre beobachtet. In dieser Zeit blieben sie weiterhin aktiv, heilten Verletzungen, zeigten Zellaktivität und erhielten ihre Struktur. Ob sie tatsächlich ohne Gehirn und ohne Herz unbegrenzt weiterleben könnten, ist unklar.

Fakt ist, dass diese Entdeckung zeigt, wie wenig wir über die biologischen Fähigkeiten vieler Meerestiere bisher wissen. Gleichzeitig könnten die Erkenntnisse helfen, besser zu verstehen, wie Gewebe sich selbst repariert, altert oder extremen Stress überlebt. Langfristig hoffen Forscher sogar auf neue Erkenntnisse für die Humanmedizin und Regenerationsforschung.

Quellen

  1. Jobson, S., Montgomery, E. M., Hamel, J.-F., Sipler, R. E. und Mercier, A. (2026) „Natural tissue immortality: Indefinite survival of sea cucumber explants“. Science Advances. https://doi.org/10.1126/sciadv.aeb1394 ↩︎

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