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Von „Owl Capone“ bis hin zum „Staircase“-Fall

Greifen Eulen wirklich Menschen an?

Eulen gelten eigentlich als friedliche Tiere. Im Jahr 2016 kam es in Oregon jedoch zu mehreren Angriffen auf Menschen
Eulen gelten eigentlich als friedliche Tiere. Im Jahr 2016 kam es in Oregon jedoch zu mehreren Angriffen auf Menschen Foto: Getty Images
Redakteurin

25. September 2026, 13:16 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

„Owl Capone“ machte 2016 in der US-Stadt Salem Schlagzeilen: Der Waldkauz griff immer wieder Jogger an und zwang die Behörden schließlich dazu, Warnschilder aufzustellen. Dass Eulen Menschen attackieren können, spielte sogar im berühmten Kriminalfall um Kathleen Peterson („The Staircase“) eine Rolle. PETBOOK hat bei Eulenexperte Stefan Brücher von der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e. V. (EGE) nachgefragt, was hinter solchen Angriffen steckt und wie häufig sie wirklich sind.

Wenn eine Eule zu „Owl Capone“ wird

Mehrfach schlug der Kauz im Bush’s Pasture Park in Salem zu, meist aus der Dunkelheit heraus und ohne Vorwarnung. Betroffene berichteten von Kratzern am Kopf und dem Schreck, im Vorbeilaufen plötzlich von etwas Unsichtbarem getroffen zu werden. Einer der Betroffenen, Dwight French, schilderte gegenüber lokalen Medien, wie er beim abendlichen Joggen von hinten am Kopf getroffen wurde und kleine Schnittwunden davontrug. Erst danach habe er realisiert, dass eine Eule für den Angriff verantwortlich war.

Auch im rund 80 Kilometer entfernten Portland gibt es seit Jahren wiederkehrende Berichte über Waldkäuze, die Menschen in Parks angreifen, etwa im dortigen Marquam Nature Park. Wegen der wiederholten Angriffe, mussten dort sogar Warnschilder aufgestellt werden.1,2

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Skeptisch reagiert Stefan Brücher, Eulenexperte bei der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e. V. (EGE), allerdings auf einen zentralen Punkt der Geschichte: den Zeitraum. „‚Über Monate hinweg‘ kommt mir etwas verdächtig vor“, sagt er gegenüber PETBOOK. Die meisten jungen Eulen könnten bereits mit acht Wochen fliegen und hätten mit etwa zehn Wochen schon einen deutlich größeren Aktionsradius. Dann würden die Eltern sie nicht mehr so intensiv verteidigen.

Allerdings verlassen Eulenküken ihr Nest oft schon, bevor sie überhaupt flugfähig sind. Sie sitzen dann auch mal auf dem Boden oder niedrig in Bäumen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Elterntiere genau solche Situationen als verteidigungswürdig einstufen.

Warum greifen Eulen Menschen überhaupt an?

Eulen zählen zu den Greifvögeln, die ihr Revier und vor allem ihren Nachwuchs sehr konsequent verteidigen. Ein Angriff auf einen Menschen ist dabei in aller Regel keine grundlose Aggression, sondern eine Verteidigungsreaktion.

Wer sich, meistens unwissentlich, einem Nest oder gerade flügge gewordenen Vögeln nähert, wird als Bedrohung wahrgenommen und attackiert. Besonders Waldkäuze fallen laut Brücher regelmäßig durch ein ähnliches Angriffsverhalten auf.

Das könne auch daran liegen, dass ihre Nistplätze oft sehr menschennah liegen. Stefan Brücher erklärt: „Bruten in Parkanlagen sind häufig, und gerade dort sind in den Dämmerungszeiten häufig joggende oder Rad fahrende Menschen unterwegs.“ Die Geschwindigkeit der Menschen wirke dabei auf die Eulen wie ein Verstärker der Bedrohung und verschärfe so das Verteidigungsverhalten.

Auch interessant: Was ist der Unterschied zwischen Uhu, Kauz und Eule?

Kommt das auch in Deutschland vor?

Auch hierzulande sind Eulen keineswegs grundsätzlich wehrlos oder scheu. Die EGE hat sich dabei besonders auf den Uhu spezialisiert, die größte heimische Eulenart. Ihre im Folgenden genannten Erfahrungswerte beziehen sich also konkret auf diese eine Art, nicht auf Eulen allgemein.

Bei der eigenen Arbeit der EGE kommt es nach Auskunft von Brücher so gut wie nie zu echten Angriffen. Seit 1980 dokumentiert die Gesellschaft die Bestandsentwicklung des Uhus in der Eifel und hat seither über 2.500 Mal Uhunester zur wissenschaftlichen Beringung der Küken besucht. Dabei kam es vereinzelt, etwa 10- bis 20-mal, zu Scheinangriffen.

Das bedeutet, dass Elterntiere nah heranflogen und lautstark warnten, ohne die Menschen tatsächlich zu berühren. In zwei Fällen drohten Uhuweibchen zusätzlich mit Radschlagen, Fauchen und Schnabelknappen. Zu echtem Körperkontakt kam es laut Brücher bei diesen Besuchen nie, weil sie stets bei hellem Tageslicht stattfanden.

Wann ist das Risiko am größten?

Die Brutzeit spielt laut ihm „die entscheidende Rolle“ für das Aggressionspotenzial gegenüber Menschen. In dieser Phase sind Elterntiere besonders wachsam und stufen selbst harmlose Passanten schneller als Bedrohung ein. Da Eulen überwiegend nachtaktiv sind, ereignen sich die meisten Zwischenfälle in der Dämmerung oder Nacht. Dieser Umstand macht die Attacken zusätzlich unberechenbar, weil Betroffene die Tiere meist erst nach dem Angriff überhaupt bemerken.

Besondere Umstände erhöhen das Risiko

Anders sieht es unter besonderen Umständen aus: In der Dämmerung oder bei Dunkelheit seien Uhus auch Menschen gegenüber deutlich mutiger. „Manche Tiere greifen zum Schutz ihrer Nachkommen auch Menschen tätlich an“, so Brücher. Dabei fliegen sie von hinten an und schlagen ihre Krallen im Vorbeifliegen in die Kopfhaut. Solche echten Angriffe wurden der EGE in 47 Jahren Arbeit nach eigenen Angaben rund fünfmal bekannt, meist in Situationen, in denen Menschen unbeabsichtigt sehr nah an Junguhus herangeraten waren.

Zu anderen heimischen Eulenarten wie dem Waldkauz, also der Art, um die es auch im Oregon-Fall geht, liegen der EGE keine eigenen Angriffszahlen vor. Die oben beschriebenen Verteidigungsmuster gelten laut Brücher aber grundsätzlich ähnlich.

Der Harry-Potter-Effekt: Wenn Eulen auf Menschen geprägt sind

Einen weiteren, weniger bekannten Grund für Angriffe auf Menschen nennt Brücher zusätzlich von Menschen aufgezogene Eulen. Wachsen solche Tiere ohne Artgenossen auf, entwickeln sie oft kein natürliches Verhalten und werden stattdessen auf den Menschen geprägt. Aus diesem Grund betrachten sie Menschen dann später als potenziellen Fortpflanzungspartner. Gelangen solche Tiere in die Freiheit, kann es laut ihm zu regelrechten „Landungsversuchen“ auf dem Kopf kommen, bei denen sich die Vögel mit den Krallen festzuhalten versuchen.

Dieses Verhalten ähnelt stark dem der äußerlich beschriebenen Verteidigungsattacken und wird damit leicht verwechselt. Solche verhaltensgestörten Eulen sind vor allem während des Harry-Potter-Booms mehrfach in Europa entstanden, als Eulen als Haustiere in Käfigen populär wurden.

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Wie sollte man sich verhalten, wenn eine Eule angreift?

Der wichtigste Rat von Brücher ist es, keine schnellen Bewegungen in Nestnähe, besonders nicht in der Dämmerung oder Dunkelheit, zu machen. Bemerkt man in einem Waldgebiet Anzeichen für ein Eulennest oder hört wiederholte, aufgeregte Rufe, ist es ratsam, den Bereich zügig zu verlassen. Bei einem tatsächlichen Angriff hilft es, den Kopf mit den Armen oder einer Kappe zu schützen, statt sich zur Wehr zu setzen. Ein Gegenangriff würde das Tier nur zusätzlich provozieren.

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Der mysteriöse Fall „The Staircase“

Wie ernst Eulen-Attacken theoretisch genommen werden können, zeigt ein deutlich älterer und weitaus dramatischerer Fall aus den USA, bekannt als „The Staircase“. Im Dezember 2001 wurde die US-Amerikanerin Kathleen Peterson tot am Fuß einer Treppe in ihrem Haus in Durham, North Carolina, gefunden. Sie hatte schwere Kopfverletzungen. Ihr Ehemann Michael Peterson wurde 2003 wegen Mordes verurteilt und der Fall wurde später durch eine bekannte Dokumentarserie und eine fiktionalisierte TV-Verfilmung weltberühmt.

Ein Freund der Familie und Anwalt entwickelte Jahre später eine ungewöhnliche Gegenthese, die als „Owl Theory“ bekannt wurde. Möglicherweise sei Kathleen Peterson draußen von einem Waldkauz attackiert worden. Sie sei blutend ins Haus zurückgekehrt, wo sie schließlich die Treppe hinunterstürzte und verblutete. Als mögliches Indiz führte er unter anderem kleine, federähnliche Fasern an, die in Kathleen Petersons Haaren gefunden worden sein sollen.3

Das Gericht prüfte diese Theorie nie offiziell, dafür kam es 2017 zu einer außergerichtlichen Einigung, in der Michael Peterson einem sogenannten Alford Plea zustimmte. Dabei erkennt der Angeklagte zwar an, dass die Beweislage der Anklage vermutlich für eine Verurteilung ausgereicht hätte, aber ein Schuldgeständnis legt er damit nicht ab. Peterson beteuert bis heute seine Unschuld. Zu einem neuen Prozess, in dem die „Owl Theory“ möglicherweise inhaltlich geprüft worden wäre, kam es jedoch nie.

Belegt ist die „Owl Theory“ nicht und entsprechend vorsichtig sollte man sie auch einordnen. Dass eine solche These überhaupt ernsthaft diskutiert wurde, zeigt aber, wie real das Verletzungspotenzial von Eulenangriffen auf den menschlichen Kopf offenbar eingeschätzt wird. Ein tödlicher Ausgang, wie ihn die Theorie nahelegt, wäre jedoch ein absoluter Ausnahmefall.

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Muss man sich Sorgen machen?

Trotz der Schlagzeilen aus Oregon und den Spekulationen um dem mysteriösen Fall um Kathleen Peterson bleiben Eulen-Attacken auf Menschen die große Ausnahme. Das zeigen auch die Erfahrungen der EGE nach fast fünf Jahrzehnten Feldarbeit. Nur eine Handvoll echter Angriffe stehen Tausenden unauffälligen Begegnungen gegenüber. Ein Fall wie „Owl Capone“ macht vor allem deshalb international Schlagzeilen, weil er so ungewöhnlich hartnäckig war und nicht etwa, weil aggressive Eulen die Regel wären.

Quellen

  1. ABC7 Chicago, „Hikers, joggers report being attacked by owls at Oregon parks" (aufgerufen am 23.09.2026) ↩︎
  2. Portland Monthly, „Oregon Barred Owl Attacks, by the Numbers" (aufgerufen am 23.09.2026) ↩︎
  3. 9th Street Journal, „Owls, wooden reindeer and the 'Staircase' murder: Inside Larry Pollard's quest to clear Michael Peterson" (aufgerufen am 23.09.2026) ↩︎

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