13. April 2026, 12:44 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ein aggressiver Mäusebussard sorgt derzeit in Belgien für Aufsehen: Mehr als 25 Menschen soll der Greifvogel bereits attackiert haben – Behörden raten sogar dazu, einen Regenschirm als Schutz mitzunehmen.1 Solche Vorfälle wirken dramatisch, sind aber selten. PETBOOK hat mit NABU-Vogelexperte Martin Rümmler gesprochen, der erklärt, warum Bussarde überhaupt Menschen angreifen, wann das Risiko besonders hoch ist und wie man sich im Ernstfall richtig verhält.
Warum greifen Mäusebussarde Menschen an?
Auch wenn solche Vorfälle spektakulär klingen, ordnet der NABU-Wildvogel-Experte Martin Rümmler die Situation deutlich ein: „Dieses Verhalten ist vergleichsweise sehr selten, wenn man die Häufigkeit und weite Verbreitung von Mäusebussarden betrachtet.“
Aggressive Begegnungen mit Greifvögeln haben laut Rümmler fast immer einen klaren Auslöser: die Brutzeit. „Es hat vor allem mit der Fortpflanzungszeit zu tun, in der Revier und Brut verteidigt werden“, erklärt der Experte.
Gerade dann treffen zwei Interessen aufeinander: der Schutz des Nachwuchses und das eigene Risiko. „Für Elterntiere ist es immer eine Abwägung zwischen Investitionskosten und Risiken sowie dem möglichen Erfolg einer Verhaltensweise“, so Rümmler. Im Klartext: Ein Bussard entscheidet situativ, ob sich ein Angriff lohnt – selbst wenn er sich dabei potenziell selbst in Gefahr bringt.
Dass Greifvögel dabei durchaus mutig sind, ist bekannt. Mäusebussarde verteidigen ihr Revier nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen deutlich größere Arten. „Es ist bekannt, dass sie sich mit anderen auch größeren Greifvögeln wie Seeadlern anlegen“, sagt Rümmler.
Nicht jeder Bussard ist gleich aggressiv
Doch nicht alle Tiere zeigen dieses Verhalten. „Auch bei Vögeln gibt es unterschiedliche Persönlichkeitsausprägungen“, erklärt Rümmler. Manche Individuen seien schlicht mutiger und weniger scheu als andere.
Hinzu kommen mögliche hormonelle Einflüsse. Bei anderen Vogelarten wurde beobachtet, dass vor allem Männchen häufiger attackieren – möglicherweise durch einen erhöhten Testosteronspiegel. Zudem treten aggressive Verhaltensweisen oft kurz vor dem Ausfliegen der Jungtiere besonders häufig auf.
Warum solche Angriffe oft in Städten passieren
Auch in Deutschland kommt es immer mal wieder zu Angriffen von Mäusebussarden. Zuletzt wurde im Mai letzten Jahres ein Radfahrer in Metzingen angegriffen, wie der „SWR“ berichtete. Etwa zur selben Zeit kam es auch in der Bauerschaft Barsen in Hamm-Bockum-Hövel zu mehreren Attacken auf Spaziergänger und Jogger, wie das Online-Portal des „Westfälischen Anzeigers“ informierte.
Viele der Fälle ereignen sich in oder nahe besiedelter Gebiete. „Risikogebiete sind meist Parks oder Waldstücke unmittelbar in Siedlungen“, sagt Rümmler. Dort überschneiden sich die Lebensräume von Mensch und Tier besonders stark.
Zudem ziehen Städte Greifvögel zunehmend an. „Es gibt mehr Nahrung, mehr Schutz und mehr potenzielle Brutstätten“, erklärt der Experte. Essensreste, weniger Feinde und geeignete Nistplätze machen urbane Räume attraktiv – erhöhen aber gleichzeitig das Konfliktpotenzial.
Regenschirm als Schutz – sinnvoll oder übertrieben?
Der ungewöhnliche Tipp der Behörden, einen Regenschirm mitzunehmen, hat tatsächlich eine fachliche Grundlage: „Ein aufgespannter Regenschirm bietet sicher Schutz vor einem physischen Kontakt bei Scheinangriffen“, bestätigt Rümmler. Gleichzeitig könne die ungewohnte Form des Schirms abschreckend wirken. Selbst geschlossen und über den Kopf gehalten, könne er helfen: Angriffe würden dann eher auf den Schirm als auf den Kopf zielen.
Denn genau dort setzen die Vögel an. „Da meist der Kopf als höchster Punkt adressiert wird, kann das Tragen eines Hutes die Möglichkeit von Verletzungen verringern“, ergänzt der Experte.
Wie man sich bei Angriffen richtig verhält
Wichtig ist vor allem eines: Ruhe bewahren und Abstand halten. „Sind derartige Fälle bekannt, sollten Sie das bereffende Gebiet für einige Zeit meiden“, rät Rümmler. Warnschilder könnten helfen, Spaziergänger rechtzeitig zu sensibilisieren.
Viele Angriffe seien ohnehin sogenannte Scheinangriffe. „Oft kommt es zu keinem direkten Kontakt“, so der Experte. Dennoch können sie erschreckend wirken – und in seltenen Fällen auch zu leichten Verletzungen führen.
Aktiv gegen das Tier vorzugehen, ist dagegen keine gute Idee. „Ich würde nicht dazu raten, das Tier abzuwehren oder gar ihm nachzustellen“, betont Rümmler. Das sei nicht nur riskant, sondern auch rechtlich problematisch.
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Gewöhnung an Menschen kann Verhalten verstärken
Ein weiterer Faktor: die sogenannte Habituation, also die Gewöhnung an den Menschen.
Wenn Vögel wiederholt keine negative Erfahrung mit Menschen machen, verlieren sie die Scheu. „Das kann theoretisch dazu führen, dass die Tiere Menschen nicht als gefährlichen Gegner wahrnehmen, durch den sie einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt sind“, erklärt Rümmler.
Gerade im aktuellen Fall könnte das eine Rolle spielen: Der Bussard soll zuvor von Menschen gefüttert worden sein – ein Umstand, der problematisches Verhalten begünstigen kann, wie auch Rümmler bestätigt: „Es ist möglich, dass der betreffende Bussard durch menschliche Fütterung und den daraus resultierenden Gewöhnungseffekt die Scheu vor Menschen verloren hat. Mit der Folge, dass er nicht nur zutraulicher ist als gewöhnlich, sondern möglicherweise auch mutiger gegenüber Menschen hinsichtlich verteidigender Verhaltensweisen.“
Müssen wir uns Sorgen machen?
Trotz der dramatischen Schlagzeilen gibt der Experte Entwarnung: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass solche Verhaltensweisen zunehmen.“ Zwar könne die zunehmende Urbanisierung zu mehr Mensch-Tier-Kontakten führen – doch ernsthafte Gefahren für die Bevölkerung sieht er nicht.
Sein Fazit fällt klar aus: „Mit großer Wahrscheinlichkeit braucht sich niemand Sorgen um unsere zukünftige Sicherheit in Parks und Stadtwäldern zu machen.“
Der „Dinanter Bussard“ bleibt damit ein spektakulärer Einzelfall – der vor allem eines zeigt: Selbst vermeintlich vertraute Wildtiere folgen ihren eigenen Regeln, besonders wenn es um den Schutz ihres Nachwuchses geht.