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„Knochenbrecher“

Bis zu 25 Zentimeter! Dieser Vogel verschlingt Knochen im Ganzen

Bartgeier ernähren sich bis zu 85 Prozent von Knochen tierischer Überreste
Bartgeier ernähren sich bis zu 85 Prozent von Knochen tierischer Überreste Foto: Getty Images
Porträt Emily Reimann
PETBOOK-Redaktion

30. Oktober 2026, 13:58 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Helle, rot umrandete Augen, schwarzer Bart und Knochen als Leibspeise: Beim Bartgeier ist so einiges außergewöhnlich. Bis zu 85 Prozent seiner Nahrung bestehen aus Knochen. Warum dabei seine Nester sogar Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten erzählen, erfahren Sie hier bei PETBOOK.

Was fressen Bartgeier?

Beim Fressen macht der Bartgeier (Gypaetus barbatus) seinem Spitznamen „Knochenbrecher“ alle Ehre. Er ernährt sich ausschließlich von Aas, rund 85 Prozent seiner Nahrung bestehen aus Knochen. Diese sind überraschend nahrhaft und liefern unter anderem Protein, Fett und Mineralstoffe. Ein weiterer Vorteil an dieser außergewöhnlichen Ernährungsweise ist, dass Bartgeier kaum mit anderen Greifvögeln um Nahrung konkurrieren müssen.1

Besonders häufig nutzt er die Überreste mittelgroßer Huftiere wie Gämsen, Steinböcke oder Schafe. Im Frühjahr kommen unter den Schneedecken oft Tiere auf den Speiseplan, die den Winterschlaf nicht überlebt haben. Dabei Knochen von bis zu 25 Zentimetern Länge kann der Bartgeier einfach herunterschlucken. Größere Exemplare trägt er dagegen in die Luft und lässt sie auf Felsen fallen, bis sie in mundgerechte Stücke zerbrechen.

Verdauen kann der Bartgeier diese außergewöhnliche Kost dank seiner starken Magensäure mit einem pH-Wert von etwa 0,7. Auch sein weiter Schnabel und die robuste, elastische Speiseröhre sind perfekt auf große Knochen ausgelegt. Einen Haken hat die knochentrockene Ernährung allerdings: Sie liefert keine Flüssigkeit. Deshalb müssen Bartgeier vergleichsweise häufig trinken.

Größere Knochen lässt der Bartgeier auf Felsen fallen, um die zerbrochenen Stücke besser fressen zu können
Größere Knochen lässt der Bartgeier auf Felsen fallen, um die zerbrochenen Stücke besser fressen zu können Foto: Getty Images

Eine kuriose Ausnahme ist aus dem Mittelmeerraum bekannt: Dort wurden auch lebende Landschildkröten als Beute nachgewiesen. Ihren harten Panzer knackten die Bartgeier ähnlich wie große Knochen, indem sie die Tiere auf Felsen fallen ließen. Heute spielt diese Beute den vorliegenden Angaben zufolge jedoch keine nennenswerte Rolle mehr.

Warum sieht der Bartgeier so außergewöhnlich aus?

Wer einen Bartgeier über sich kreisen sieht, dürfte erst einmal beeindruckt sein: Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,9 Metern gehört er zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Und auch aus der Nähe gibt es einiges zu entdecken. Seinen Namen verdankt der Bartgeier den schwarzen, borstenartigen Federn über dem Schnabel, die wie ein kleiner Bart nach unten hängen.

Besonders kurios ist jedoch die Farbe seines Gefieders. Das Rostrot an Bauch, Brust und Nacken verpassen sich erwachsene Bartgeier nämlich selbst. Eigentlich sind diese Federn weiß. Durch Bäder in eisenoxidhaltigem Schlamm färben sie sich orange bis rötlich. Warum die Vögel dieses ungewöhnliche „Schönheitsbad“ nehmen, ist bis heute nicht vollständig geklärt.

Auch sein dicht befiederter Hals passt zu seiner ungewöhnlichen Lebensweise: Anders als viele andere Geier muss der Bartgeier seinen Hals beim Fressen nicht tief in Kadaver stecken. Schließlich hat er es vor allem auf die Knochen abgesehen.

Wo leben Bartgeier?

Bartgeier fühlen sich dort wohl, wo es felsig, bergig und schwer zugänglich ist. Ihren Horst richten sie hoch oben in steilen Felswänden ein. In den Alpen liegen die Brutplätze meist auf einer Höhe zwischen 1400 und 2400 Metern. Manchmal beziehen die Vögel auch verlassene Horste von Steinadlern.2

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Ursprünglich war der Bartgeier in den Gebirgsregionen Europas, Asiens und Afrikas verbreitet. In den Alpen wurde er jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet. Inzwischen lässt er sich auch in den bayerischen Alpen wieder regelmäßig beobachten. Auf der Suche nach Nahrung oder bei Erkundungsflügen ziehen vor allem junge Bartgeier aus den Zentralalpen durch die Region. Besonders häufig werden sie derzeit im Allgäu und im Nationalpark Berchtesgaden gesichtet.

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Sind Bartgeier gefährlich?

Drei Meter Spannweite und der Spitzname „Knochenbrecher“ klingen erst einmal ziemlich einschüchternd. Gefährlich wurde dem Bartgeier allerdings vor allem sein eigener Ruf: Früher nannte man ihn auch „Lämmergeier“, weil man glaubte, er würde Lämmer klauen. Tatsächlich ist der Bartgeier auf Aas und Knochen spezialisiert. Der Name „Knochenbrecher“ passt deshalb wesentlich besser: Große Knochen lässt er auf Felsen fallen, um sie anschließend fressen zu können.3

Was jahrhundertealte Bartgeier-Nester verraten

Ein Bartgeier-Nest kann viel mehr sein als nur ein Platz zum Brüten. Manche Horste gleichen regelrechten Zeitkapseln. Das zeigt eine 2025 veröffentlichte Studie, für die Forschende zwölf alte Bartgeier-Nester im Süden Spaniens untersuchten. Darin entdeckten sie ganze 2483 Überreste, darunter mehr als 2100 Knochen, aber auch Stoffe, Leder und von Menschen hergestellte Gegenstände.4

Erstaunliche Fundstücke aus alten Bartgeier-Nestern: Darunter befinden sich ein jahrhundertealter Schuh aus Pflanzenmaterial, Korbgeflecht, Schafleder und ein Armbrustbolzen
Erstaunliche Fundstücke aus alten Bartgeier-Nestern: Darunter befinden sich ein jahrhundertealter Schuh aus Pflanzenmaterial, Korbgeflecht, Schafleder und ein Armbrustbolzen Foto: Sergio Couto (A, B, D und F) und Lucía Agudo Pérez (C und E).

Besonders verblüffend: In einem Nest lag sogar ein alter Schuh aus Pflanzenmaterial. Die Datierung ergab, dass er aus dem späten 13. Jahrhundert stammt. Außerdem fanden die Forschenden unter anderem Teile alter Korbwaren, bemaltes Schafsleder und sogar einen Armbrustbolzen.

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Dass solche Fundstücke so lange erhalten bleiben können, liegt auch an den gut geschützten Nistplätzen der Bartgeier. In Felshöhlen und Felsnischen herrschen vergleichsweise stabile Bedingungen. Für die Forschung sind die alten Horste deshalb wie kleine natürliche Museen: Knochen und andere Überreste können Hinweise darauf liefern, welche Tiere früher in einer Region lebten, wovon sich Bartgeier ernährten und wie Menschen dort vor Jahrhunderten lebten.

Quellen

  1. lbv.de, „Bartgeier“ (aufgerufen am 30,10.2026) ↩︎
  2. nationalpark-berchtesgaden.de „Portrait Bartgeier - Kurz & bündig“ (aufgerufen 30.10.2026) ↩︎
  3. tierschutzverein-ahlen.de, „Bartgeier – Ausflug in den hohen Norden“ (aufgerufen 30.10.2026) ↩︎
  4. Margalida, A., Couto, S., Pinedo, S. O., Gil-Sánchez, J. M., Agudo Pérez, L., & Marín-Arroyo, A. B. (2025). The Bearded Vulture as an accumulator of historical remains: Insights for future ecological and biocultural studies. Ecology, 106(9), e70191. https://doi.org/10.1002/ecy.70191 ↩︎

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