16. Oktober 2025, 5:47 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Sie schnarchen, sabbern, schnaufen – und werden trotzdem millionenfach gezüchtet. Qualzuchten wie Französische Bulldoggen, Mops & Co. gehören zu den beliebtesten Hunderassen Deutschlands. Doch was viele Halter niedlich finden, ist für die Tiere oft lebenslanges Leiden.
Mehrere aktuelle TV-Formate machen genau darauf aufmerksam: In einer „ARD“-Doku „Leiden auf vier Pfoten. Züchten wir unsere Haustiere kaputt?“ mit Tierschutzgrößen wie Dr. Mariana Peer und Dr. Achim Gruber geht es um das systematische Wegzüchten gesunder Merkmale und verdeckte Recherchen zu kaputtgezüchteten Zwergspitzen und „Frenchies“.
„MaiThink X“ auf „ZDF Neo“ erklärt die wissenschaftlichen und ethischen Hintergründe – und „Extra 3“ bringt das Thema satirisch auf den Punkt: Zwei KI-generierte Hunde lästern über „rumänische Zuwanderungshunde“, die ihnen die Herrchen wegnehmen, während die Französische Bulldogge hinterm Mikro kaum noch Luft bekommt. So makaber es klingt – diese Szenen zeigen, wie absurd und grausam unsere Zuchtideale geworden sind. Aber warum polarisieren Qualzuchten gerade so sehr? PETBOOK gibt einen Überblick.
Was Qualzucht wirklich bedeutet
„Qualzucht“ ist kein Schlagwort, sondern ein juristisch relevanter Begriff. Gemeint sind Tiere, die durch gezielte Zucht Merkmale tragen, die ihnen Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Dazu zählen Atemnot durch zu kurze Nasen (wie bei Möpsen oder Bulldoggen), Augenentzündungen durch übergroße Augäpfel (z. B. bei Perserkatzen) oder Gelenkprobleme durch übertriebene Körperformen (davon sind auch Nutztierrassen wie Rinder und Schweine betroffen).
Was viele nicht wissen: Auch Kaninchen, Zierfische oder bestimmte Katzenrassen wie die Scottish Fold (mit abgeknickten Ohren) leiden unter erblich bedingten Defekten. Die Tiere gelten als „niedlich“ – aber sie zahlen den Preis mit ihrem Wohlbefinden.
Warum das Thema gerade jetzt überall ist
Die Aufmerksamkeit rund um das Thema Qualzucht ist kein Zufall. Das geplante neue Tierschutzgesetz der Ampelregierung hätte eigentlich auch den sogenannten Qualzuchtparagrafen überarbeiten sollen – doch die Reform scheiterte kurz vor dem Abschluss. Damit blieb ein zentrales Gesetzesvorhaben auf der Strecke, das endlich klare Regeln für Züchter und Behörden schaffen sollte.
Während Deutschland politisch stockt, geht die Europäische Union inzwischen voran. In Brüssel wird derzeit konkret über ein EU-weites Verbot von Qualzuchten gesprochen (PETBOOK berichtete). Der Druck auf die Bundesregierung wächst – vor allem auf Silvia Breher, der neuen Bundestierschutzbeauftragten, und auf CSU-Agrarpolitiker Alois Rainer, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.
In der Tierschutz-Community ist der Ton längst schärfer geworden. Aktivisten, Tierärzte und Verbände fordern die beiden Politiker offen dazu auf, endlich Verantwortung zu übernehmen – und die längst überfällige Reform nicht erneut auf die lange Bank zu schieben. Parallel dazu liefern nun populäre Formate den emotionalen Hintergrund: Sie zeigen, wie groß das Leid betroffener Tiere ist – und dass es längst gesellschaftlicher Konsens sein sollte, dem ein Ende zu setzen.
Tiere angespriesen wie beim Teleshopping
Neben der Satire setzt „MaiThink X“ aber auch auf Nähe: Auf Instagram teilte das Team einen emotionalen Post zur Ankündigung der Folge, in dem prominente Tierliebhaber wie Detlef Steves, HandOfBlood, Aljosha Muttardi, Hundetrainer Martin Rütter und Veterinär Dr. Karim Montasser zu Wort kommen.
„Kurze Beine, große Kulleraugen, kleine Schnauzen: Was süß aussieht, ist oft mit Krankheiten oder sogar Qual verbunden. Dabei lieben Besitzer:innen ihre kleinen Vierbeiner.“
Die Botschaft: Liebe allein reicht nicht, wenn sie auf Kosten der Tiere geht. Entsprechend laut ist aktuell die öffentliche Debatte. In der Folge an sich zeigt Mai Thi Nguyen-Kim gemeinsam mit Martin Rütter, wie absurd der Handel mit überzüchteten Tieren geworden ist – in einer bitterbösen Teleshopping-Parodie.
Unter dem Motto „Zuckersüße Hundewelpen zu unschlagbaren Preisen!“ bieten die beiden vermeintlich „Qualitätshunde“ an. Dobermänner aus der „Welpengrube Hinkel“ – eine Anspielung an den Zuchtbetrieb „Welpenstube Winkel“, der von Tierschützern schon lange kritisch gesehen wird. Der ironische Untertitel dazu:
„In Qualzucht steckt eben QUALität mit drin.“
Die Reaktionen im Netz sind eindeutig: Zwischen Lachen und Entsetzen wurde klar, wie tief das Problem reicht – und dass Aufklärung heute auch Satire braucht, um Wirkung zu zeigen.
Absoluter Fehlstart für die neue Bundestierschutzbeauftragte
Was wurde eigentlich aus dem Affen von Michael Jackson?
„Damit muss Schluss sein!“ – Tierarzt Karim Montasser startet Petition
Tierarzt und Youtuber Karim Montasser geht sogar noch einen Schritt weiter. Der Veterinär erlebt das Leiden überzüchteter Tiere jeden Tag in seinem Arbeitsalltag. Und er sagt klar: „Damit muss Schluss sein!“
In seiner Petition: „Reformiert das Tierschutzgesetz, JETZT!“ erinnert er auch daran, dass die neue Bundestierschutzbeauftragte Silvia Breher angekündigt hat, sich für Tiere stark zu machen – eine Ankündigung, der nun Taten folgen müssen. Gemeinsam mit Tierschutzaktivistin Victoria Müller fordert er:
„Frau Breher, übernehmen Sie Verantwortung! Kämpfen Sie für eine Reform des Tierschutzgesetzes, um diese Qual zu beenden! Herr Landwirtschaftsminister Rainer, worauf warten Sie?“
Denn obwohl die Zucht mit Qualzuchtmerkmalen auf dem Papier verboten ist, fehlt in der Praxis jede rechtlich eindeutige Handhabe, um das Verbot auch wirklich durchzusetzen. Andere Länder wie Dänemark oder die Niederlande haben längst reagiert und klare Zuchtverbote eingeführt. Deutschland aber verharrt im Status quo.
Das sei nicht einmal der erste Vorstoß, erinnert Montasser. „Bereits im Koalitionsvertrag von 2018 wurde festgehalten, dass Qualzuchtmerkmale ein Problem darstellen. Das ist fast acht Jahre her!“ Auch diese Petition hat prominente Unterstützer wie Martin Rütter, Anna Reusch, Olli Schulz, Ines Anioli, Aljosha Muttardi und Nathan Goldblat.
Tierliebe darf nicht für Tierleiden sorgen
Wir alle lieben unsere Tiere – gerade deshalb ist es so schwer zu akzeptieren, dass viele von ihnen leiden, weil wir sie „schön“ gezüchtet haben. Doch wer Tiere wirklich liebt, sollte auch bereit sein, hinzusehen – und Konsequenzen zu ziehen. Die öffentliche Debatte über Qualzuchten nimmt Fahrt auf. Doch solange Nachfrage besteht, wird gezüchtet. Deshalb beginnt echter Tierschutz beim eigenen Handeln:
- Keine Tiere aus Qualzuchten kaufen – auch nicht „aus Mitleid“
- Bewusst adoptieren: Tierheime und Tierschutzvereine haben unzählige gesunde, tolle Hunde und Katzen
- Aufklären: Freunde und Familie informieren, warum „süß“ nicht gleich „gesund“ ist
Jede Kaufentscheidung ist ein Signal. Wer Tiere mit Atemnot, Gendefekten oder deformierten Körpern kauft, unterstützt ein System, das Leid produziert. Aber es gibt Hoffnung: Immer mehr Menschen beginnen, umzudenken. Dokus, Satire und prominente Tierschutz-Stimmen schaffen Bewusstsein – und Bewusstsein schafft Veränderung.