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Meinung

Absoluter Fehlstart für die neue Bundestierschutzbeauftragte

Alois Rainer und Silvia Breher im Bundestag
Parlamentarische Staatssekretärin Silvia Breher (CDU) und Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat Alois Rainer (CSU) kennen sich gut. Ob die neue Bundestierschutzbeauftragte den Minister allerdings auch in Tierschutzfragen so berät, wie ihre Vorgängerin Ariane Kari es getan hätte, bezweifeln einige. Foto: picture alliance / dts-Agentur
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

12. August 2025, 17:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Manchmal sagen Bilder mehr als Worte. Und manchmal verraten sie unangenehme Wahrheiten. So geschehen beim jüngsten PR-Auftritt von Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU). Unter dem Hashtag #Heimat ließ er weiße Tauben in den Himmel steigen – als symbolischen Akt, der angeblich für ländliche Identität stehen soll, aber doch eher ein Fehlstart für die neue Tierschutzbeauftragte ist. Für PETBOOK-Redakteurin Louisa Stoeffler steht dies aber eher dafür, dass Tierschutz im BMLEH nach dem Aus für Ariane Kari in Zukunft mit Füßen getreten wird.

Ein Symbol der Friedfertigkeit – oder Kampfansage gegen Tierschutz?

Aber was da unter Applaus in die Luft flatterte, war vor allem eins: ein Paradebeispiel für Symbolpolitik, die echten Tierschutz verrät und banalisiert. Zwar gab es nach Kommentaren aus der Tierschutzcommunity eine Ergänzung zum Post: „Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Der verantwortungsvolle Umgang mit Tieren ist euch und uns wichtig. Und genauso geht es selbstverständlich den Eigentümerinnen und Eigentümern der Brieftauben.“ Demnach handele es sich ausschließlich um Tiere aus der nahen Umgebung, die nach 15 Minuten ihren Schlag wieder erreicht hätten. Dass diese Ergänzung jedoch nicht direkt, sondern nachträglich eingefügt wurde, zeigt: Tierschutz wurde bei dieser Aktion initial nicht mitgedacht.

Weiße Tauben – das klingt erst mal nach Frieden, Freiheit, Romantik. Tatsächlich aber gelten gezüchtete Brieftauben und weiße Hochzeitstauben in Tierschutzkreisen als hochproblematisch: Sie werden oft unter Stressbedingungen transportiert, verlieren durch Zuchtselektion ihre Orientierung, sind Fressfeinden hilflos ausgeliefert und verenden nicht selten elend in fremden Städten. Wer sich wirklich für Tiere interessiert, würde solche Vögel nicht als Showelement missbrauchen.

Doch genau das ist passiert. Unter dem Label „Heimat“ – einem dehnbaren, populistisch aufgeladenen Begriff – wurde ein völlig unsensibler Akt in die Öffentlichkeit getragen, als sei dies auch ein Auftakt für eine neue Ära des Tierschutzes. Allerdings zeigt es auch die Richtlinie, die für die neue Bundestierschutzbeauftragte nur als Fehlstart bezeichnet werden kann.

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Tierschutzproblematik von Friedenstauben

Besonders bitter wird dieser Fehltritt durch den Kontext: CDU-Politikerin Silvia Breher folgt auf Dr. Ariane Kari, der ersten Bundestierschutzbeauftragten Deutschlands. Kari war eine ausgewiesene Fachfrau mit juristischer und ethischer Expertise, ungebunden an parteipolitische Interessen. Ihre Absetzung kam ohne klare Begründung, ihre fachliche Arbeit hängt in der Luft, wurde kaum gewürdigt. Stattdessen folgt ihr nun eine CDU-Politikerin mit engem Draht zur Agrarlobby – ausgerechnet in einer Zeit, in der Tierschutzfragen in der Landwirtschaft dringender denn je sind.

Breher bringt juristische Erfahrung mit, das stimmt. Aber sie hat sich bislang nicht als profilierte Stimme im Tierschutz hervorgetan – im Gegenteil: Ihre Nähe zu tierhaltenden Wirtschaftsinteressen wirft bei Tierschützern Fragen auf. So kommentiert unter anderem Thomas Schröder, Tierschutzbund-Präsident, die Personalie: „Die Ernennung von Silvia Breher als Bundestierschutzbeauftragte löst bei uns maximale Verwunderung aus.“

Denn nach bisheriger Amtsbeschreibung solle die Bundestierschutzbeauftragte unabhängig beraten. „Die Parlamentarische Staatssekretärin ist qua Amt zuständig für Tierschutz. Frau Breher wird wohl kaum mit sich selbst beraten können“, so Schröder weiter. Eine vorherige Beratung zu der tierschutzrelevanten Praktik, Tauben in die Luft steigen zu lassen, scheint hier nicht erfolgt. Politische Vereinbarkeit und parteiliche Nähe erscheinen eher als eine Erklärung für den Kurswechsel im BMLEH.

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Der Tierschutz wird zur Bühne für politische Inszenierung

Es geht nicht nur um weiße Tauben. Es geht um das Signal, das hier ausgesendet wird. Tierschutz ist kein nettes Beiwerk für Sonntagsreden oder Fotoaktionen auf dem Land. Tierschutz ist Grundrecht, Verfassungsauftrag – und tief verbunden mit den großen Fragen unserer Zeit: Massentierhaltung, Artensterben, Klimakrise, industrielle Landwirtschaft.

Dass dieser Anspruch durch eine Showgeste unter dem Label „Heimat“ ersetzt wird, ist nicht nur peinlich. Es ist gefährlich. Denn es verdeckt die strukturelle Gewalt, die tagtäglich Millionen Tiere in Deutschland erleben. Und in der schon Kleinkinder kein Erbarmen mit Stadttauben zeigen und sie ohne Grund scheuchen und nach ihnen stampfen. Aber auch in den Ställen, für die der Bundesagrarminister politisch Verantwortung trägt.

Auch Dr. Karim Montasser, bekannt als „Der YouTube-Tierarzt“ hat in seinem Instagram-Video eine klare Meinung zu den Vorgängen geäußert: „Was macht ihr da?“, kommentiert der Veterinär fassungslos.

Montasser verweist weiter auf eine Richtlinie des Bundesrates, welche besagt: „Der Brauch, Tauben bei Hochzeiten oder anderen Anlässen auffliegen zu lassen, führt zu länger anhaltenden erheblichen Schmerzen oder Leiden bei den Tauben oder gar zu deren Tod.“

Das Auffliegenlassen weißer Tauben an Hochzeiten diene lediglich der Unterhaltung und sei ein lukratives Geschäft für die Anbietenden. Und weiter: „Durch derartige Praktiken nehmen die Stadttaubenpopulationen stetig zu, was die Taubensituation in den Städten verschärft.“ 1

Fazit: Kein Frieden – nicht nur für die Tauben

Wir wissen nicht, ob die neue Bundestierschutzbeauftragte den Minister im Nachhinein beraten hat, dass Tauben in die Luft zu werfen nicht die beste Tierschutzpraktik ist. Auch die Zukunft des Amtes ist nun klar: Die Tierschutzbeauftragte bleibt vorerst erhalten. Aber unter welchen Umständen? Dieser Post jedenfalls scheint wegweisend für den Wind zu sein, der nun im Ministerium weht. Ein klassischer Fehlstart für den Tierschutz.

Quellen

  1. Bundesrat, Drucksache 256/1/24, PDF. ↩︎

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