22. Januar 2026, 18:16 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Nicht jede Katze wurde gezielt gezüchtet. Einige wenige entwickelten sich ursprünglich allein durch Anpassung an ihre Umwelt. Doch obwohl sie als „natürliche Katzenrassen“ gelten, sind auch sie inzwischen durch Zucht vom Menschen verändert worden – teils erheblich. Was genau bedeutet also „natürlich“ bei Katzenrassen?
Die meisten Katzenrassen entstanden durch gezielte Zucht
Weltweit gibt es Schätzungen zufolge über 600 Millionen Katzen – aber weniger als zehn Prozent davon gehören zu einer bestimmten Rasse. Der Großteil der bekannten Katzenrassen ist das Ergebnis menschlicher Selektion. Zunächst entstanden die Britisch Kurzhaar und die Perserkatze im viktorianischen Zeitalter in England. Der Wunsch nach besonderen Merkmalen und Fellfarben war geboren und wird, wie bei Hunden, immer extremer.
Doch einige Rassen gelten als sogenannte natürliche Rassen. Sie stammen von Populationen ab, die sich über Jahrtausende hinweg ohne menschlichen Einfluss an ihre Umwelt angepasst haben. Dazu zählen beliebte Rassen wie Maine Coon, Sibirische Katze, Russisch Blau, Norwegische Waldkatze, Türkisch Van und Ägyptische Mau.
Liste der natürlichen Katzenrassen (ohne Zucht entstanden):
- Europäisch Kurzhaar
- Norwegische Waldkatze
- Sibirische Katze
- Türkisch Angora
- Türkisch Van
- Arabische Mau
- Asiatisch Kurzhaar
- Burmese (ursprünglicher Typ)
- Thai
- Korat
- Singapura
- Japanese Bobtail
- Kurilen Bobtail
- Ägyptische Mau
- Amerikanisch Kurzhaar
- Maine Coon
- Manx
- Cyprus Cat
- Aegean Cat
- American Curl
- Scottish Fold
- LaPerm
Umweltbedingungen als Entstehungsgrundlage
Diese natürlichen Katzenrassen entstanden unter ganz bestimmten, vor allem klimatischen Bedingungen. Die Norwegische Waldkatze hatte einen entscheidenden Vorteil, da sich ihr Fell an die harschen Bedingungen in der Nähe des Polarkreises angepasst hat. Durch die Weitergabe der vorteilhaften genetischen Information waren sie auf dem Weg, eine eigene Art der Hauskatze zu werden.
Auch im westlichen Russland führten kalte, schneereiche Winter dazu, dass sich kräftige, dickfellige Katzen durchsetzten – die Vorfahren der heutigen Sibirischen Katze. In Südostasien und entlang des Indischen Ozeans wiederum waren schlanke, kurzhaarige Katzen mit großen Ohren im Vorteil – der Ursprung der späteren Abessinierkatze. 1
Heute entfallen die Umweltfaktoren, die die ursprünglichen Rassen geformt haben. Eine Maine Coon lebt heute nicht nur im kühlen US-Bundesstaat Maine, sondern wird überall auf der Welt gern gehalten.
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Isolation und Mutation als Motor der Entwicklung
Manche natürliche Rassen entstanden aber auch durch geografische Isolation. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff „Gründereffekt“ bekannt: Eine bestimmte Genmutation, die in einer kleinen, abgeschotteten Population auftritt, kann sich ausbreiten – auch wenn sie keine Vorteile bringt. Auf der Isle of Man im Irischen Meer führte dies zur Entstehung der Manx-Katze, deren verkürzter Schwanz durch eine Mutation entstand. 2
Bei heute beliebten Rassen wie der Scottish Fold liegt das Problem jedoch tiefer als bei vielen anderen durch Mutation entstandenen Katzen. Die charakteristisch nach vorn gefalteten Ohren werden durch eine genetische Störung der Knorpel- und Knochenbildung verursacht (Osteochondrodysplasie). Diese Mutation betrifft nicht nur die Ohrknorpel, sondern den gesamten Bewegungsapparat. Betroffene Katzen entwickeln häufig bereits in jungen Jahren schmerzhafte Gelenkveränderungen, Verdickungen an Gliedmaßen und Schwanz, eingeschränkte Beweglichkeit sowie frühzeitige Arthrosen. Jede Scottish Fold mit gefalteten Ohren ist genetisch krank.
Die Scottish Fold und Manx sind damit Beispiele dafür, wie eine ursprünglich zufällige Mutation, die sich in einer kleinen Population etablieren konnte, durch menschliche Selektion gezielt verstärkt wurde – trotz der damit verbundenen Leiden. Während Isolation und Gründereffekte in der Natur wertfreie evolutive Prozesse sind, wird ihre bewusste Nutzung in der Zucht dann ethisch problematisch, wenn das gewünschte Merkmal untrennbar mit Krankheit und Schmerz verbunden ist.
Manche Katzenrassen sind auch in der Zucht ursprünglicher geblieben
Nicht alle natürlichen Rassen haben sich gleich weit von ihrem Ursprung entfernt. Die Sibirische Katze etwa gilt genetisch und äußerlich als relativ unverändert. Ein Grund: Züchter integrieren regelmäßig neue Tiere aus der Ursprungsregion – darunter Streuner und Hauskatzen – in ihre Programme.
Andere Rassen wurden deutlich stärker verändert. Die Russisch Blau zum Beispiel wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Siamkatzen gekreuzt, um das Aussterben zu verhindern. Seither gibt es verschiedene Zuchttypen, die sich teilweise deutlich vom ursprünglichen Erscheinungsbild unterscheiden.
Es lässt sich also sagen: Ja, es gibt sie – natürliche Katzenrassen. Doch wirklich ursprünglich sind sie nur noch selten. Die typischen Merkmale heutiger Maine Coons – große Körper, kantige Kiefer, Ohrbüschel und flauschiges Fell – erinnern zwar an die ursprünglichen Katzen des 19. Jahrhunderts. Doch diese Eigenschaften wurden gezielt erhalten – oder sogar noch verstärkt.