13. Oktober 2025, 14:37 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
„Mit Aidan habe ich gelernt, wieder jemand zu sein“ – dies ist nur einer der Sätze, die an diesem Abend zeigen: Hunde können Menschen zu einem neuen Leben verhelfen. Und genau darum geht es bei dem Verein Vita e. V. Assistenzhunde, der am 11. Oktober 2025 anlässlich seines 25-jährigen Bestehens ein Charity-Dinner im Adlon Kempinski Berlin veranstaltete.
Die Mission von Vita e. V. Assistenzhunde ist es, Menschen mit Behinderung durch speziell ausgebildete Hunde zu mehr Selbstständigkeit, Sicherheit und Lebensqualität zu verhelfen. Das Dinner war dabei fast nebensächlich, denn die Stars des Abends waren die Mensch-Hunde-Teams und ihre Geschichten. Fernsehmoderatorin Laura Wontorra leitete die Podiumsdiskussion zum Thema „Welches Potenzial stellt die Mensch-Hund-Beziehung in der sich wandelnden Gesellschaft dar? Wie können Nähe, Vertrauen und Verlässlichkeit zwischen Mensch und Hund Halt geben und mentale Gesundheit stärken?“
„Der Hund rückt in den Vordergrund, der Rollstuhl in den Hintergrund“
Seit der Gründung im Jahr 2000 stellt Vita e. V. Assistenzhunde Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigung einen Helfer auf vier Pfoten zur Seite. Doch heute – 25 Jahre später – scheint das Thema wichtiger denn je. „Es gibt eine Kälte, die zu spüren ist“, leitet Tatjana Kreidler, Gründerin und 1. Vorsitzende des Vereins den Abend ein. Die Welt habe sich verändert. Umso mehr lohne es sich, für das Positive zu kämpfen – und Hunde spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Die Helfer auf vier Pfoten sind mehr als Assistenten, die etwas vom Boden aufheben oder beim Öffnen von Schubladen im Haushalt helfen. „Ein Hund kann oft mehr erreichen als ein Mensch. Er öffnet Herzen und bringt Leichtigkeit in schwierige Situationen“, wie Kreidler bereits im vergangenen Jahr im PETBOOK-Interview ausführte.
Doch das Wichtigste sei: „Sie öffnen Türen – und zwar zur Gesellschaft“. Durch den Hund rücken die Menschen vom Rand der Gesellschaft wieder mitten ins Leben. „Der Hund rückt in den Vordergrund, der Rollstuhl in den Hintergrund“, führt Frieda aus. Die 24-Jährige bezeichnet sich selbst als „Vita-Urgestein“, denn sie wird seit 16 Jahren vom Verein betreut. Haydn ist bereits ihr zweiter Assistenzhund.
„Nur wenn es dem Hund gutgeht, geht es auch dem Menschen gut“
„Ich war früher unfassbar ängstlich“, erzählt Frieda. Vor allem hatte sie Angst vor großen Tieren. Einen Assistenzhund – und dann noch einen Golden Retriever? Das wollte sie alles gar nicht. Doch der Vierbeiner wurde schnell zum besten Freund und Seelentröster. Frieda wurde in der Schule viel gemobbt. „Ich wusste, wenn ich nach Hause komme, ist immer jemand da“. Aber nicht nur die Hunde – auch der Verein selbst – spielt für die Betroffenen eine entscheidende Rolle, wie Frieda betont: „Vita war für mich ein Ort, wo ich sein konnte, wie ich bin.“
Genau dieses ganzheitliche Konzept ist Tatjana Kreidler wichtig. Wer einmal bei Vita Assistenzhunde aufgenommen wird, erhält sein Leben lang Betreuung. So entsteht schnell ein familiäres Gefühl. Dabei legt Kreidler Wert darauf, dass die Hunde nicht ausgebeutet werden. „Nur wenn es dem Hund gutgeht, geht es auch dem Menschen gut“, betont sie.
„Bei Hunden kann man einfach nackt sein“
Hunde können oft genau dort Türen öffnen, wo sie anderen Menschen verschlossen bleiben würden. Josephine Scholz ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in der Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie arbeitet dabei vor allem mit Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen. „An diese Kinder war nicht mehr heranzukommen, ihr Vertrauen in die Welt ist verloren“, schildert Scholz in der Gesprächsrunde am Abend. Doch als sie ihre Hündin Cindy mitbrachte, kam wieder Freude in den Raum.
„Bei Hunden kann man einfach nackt sein – also sein, wie man ist“, fasst Schirmherrin Dunja Hayali den Effekt zusammen, den die Vierbeiner auf Menschen ausüben. Zudem ziehen sie die Menschen wieder in den Alltag. So war es auch bei Frida. Im Gegensatz zu Vita-Urgestein und Namensvetterin Frieda ist die Jugendliche erst seit drei Jahren Teil der Vita-Teams. Bevor ihr Assistenzhund Bryan zur Seite stand, hatte sie starke Panikattacken und ging nicht mehr vor die Tür. Mit Bryan fand sie wieder zurück ins Leben, denn er musste wie jeder Vierbeiner täglich ausgeführt werden.
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„Ich bin mir sicher, dass ich heute hier nicht sitzen würde, ohne meinen Hund“
Allein vor hunderten Menschen auf einer Bühne zu sitzen und ihre Geschichte zu erzählen, wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen, wie Frida erzählt. „Ich bin mir sicher, dass ich heute hier nicht sitzen würde, ohne meinen Hund“, sagt sie. Mittlerweile hat Frida ihren Abschluss gemacht und studiert Psychologie.
Es gebe heute unfassbar viele Menschen, die an Einsamkeit und Depressionen leiden, und immer öfter seien auch Kinder betroffen, wie Carmen Borsche deutlich macht. Sie ist für das Nestlé Purina-Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Der weltweit führende Tiernahrungshersteller unterstützt den Verein nahezu seit Anbeginn und ist „Herzenspartner“ von Vita e. V. Assistenzhunde „Die Hunde ermöglichen Menschen wieder das Menschsein“, sagt Borsche. Doch auch wir als Gesellschaft müssten aufstehen und darüber sprechen.
„Dazu sind nur Hunde in der Lage“
Auch Kreidler wünscht sich, dass sich die Gesellschaft wieder mehr öffne und dass mehr Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, solche Hunde bekommen. Momentan bildet der Verein um die sechs Hunde im Jahr aus. Das klingt wenig, doch hinter der Ausbildung steckt ein enormer Aufwand. Nicht alle Welpen sind geeignet – und bevor sie überhaupt mit der Ausbildung starten können, verbringen sie zwei Jahre in einer Gastfamilie.
Wer die Ausbildung besteht, wird mit seinem potenziellen Menschen zusammengebracht. Dafür verbringen die Hund-Mensch-Teams sechs Wochen Zeit miteinander. Insgesamt entstehen so Kosten von 58.000 Euro pro Hund – alles finanziert durch Spenden, denn eine Bezahlung durch die Krankenkassen gibt es in Deutschland nicht. Doch die Vita-Teams zeigen, wie wichtig der Einfluss von Assistenzhunden auf das Leben von Menschen mit Behinderung, aber auch von Menschen mit psychischen Erkrankungen sein kann. Jugendlichenpsychotherapeutin Josephine Scholz ist sich sicher: „Dazu sind nur Hunde in der Lage“.