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Interview mit Psychotherapeutin

„Behält jedes Geheimnis für sich“ – wie Therapiehunde traumatisierten Kindern helfen

Mädchen in blauem Kleid mit Hund im Arm; Porträtfoto von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Josephin Scholz
Josephin Scholz ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (tiefenpsychologisch fundiert) an der Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Im Gespräch erklärt sie, welche Rolle Hunde in der Therapie von Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen spielen. Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

15. Oktober 2025, 11:19 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Wenn Kinder und Jugendliche Schlimmes erlebt haben, fällt es ihnen oft schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Ein Therapiehund kann dann mehr bewirken als viele Worte: Er schafft Nähe, Vertrauen – und öffnet die Tür zu Themen, über die sonst kaum jemand sprechen mag. PETBOOK hat mit Josephine Scholz, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin an der Traumaambulanz der Charité in Berlin, über die Rolle von Hunden in der Traumatherapie gesprochen.

„Ein Hund kann eine Brücke sein“

PETBOOK: Frau Scholz, welche Rolle können Hunde in der Therapie von Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen spielen – insbesondere bei posttraumatischen Belastungsstörungen?
Josephin Scholz: „Ich glaube, dass ein Hund sehr gut eine Art Brücke bilden kann. Bei Kindern und Jugendlichen mit Traumafolgestörungen haben wir ja oft das Problem, dass sie sich gar nicht richtig trauen, zu sprechen, sich anzuvertrauen oder überhaupt über Konfliktthemen zu reden. Und da kann ein Hund helfen, weil er einfach da ist – er sorgt dafür, dass man warm wird, dass da jemand im Raum ist, der eine gewisse Sicherheit ausstrahlt.
Man muss nicht ständig im Blickkontakt bleiben, das Kind kann den Hund anschauen, sich auf ihn konzentrieren – und unter diesen Umständen fällt es vielen deutlich leichter, auch über schwierige Themen zu sprechen.“

Wie entscheidet man, ab wann ein Therapiehund eingesetzt wird?
„Das hängt natürlich auch davon ab, wer im Team bereit ist, einen Hund zu Hause aufzunehmen und ihn als Therapiehund ausbilden zu lassen. An diesem Punkt stehe ich gerade. Wir haben aktuell noch keinen Hund bei uns im Team, aber in der Tagesklinik gibt es bereits einen.

Grundsätzlich würde ich sagen: In dem Bereich, in dem ich arbeite – also Kinderschutz und Traumafolgen – kann man einen Therapiehund eigentlich immer einsetzen. Es gibt so viele Vorteile. Ein Hund kann ein Stück weit Co-Regulation übernehmen, also helfen, dass sich die Kinder beruhigen, sich öffnen und letztlich auch über ihre Themen sprechen.“

„Schade, heute wollte ich dem Hund etwas ganz Trauriges erzählen“

Bleibt der Hund während der ganzen Therapie dabei oder nur für einzelne Sitzungen?
„In der Regel ist es so, dass der Hund nicht jeden Tag da ist. In der Tagesklinik kommt er zwischendurch mit, nimmt am Tagesgeschehen teil, aber es gibt auch Tage, an denen er Pause hat. Ich denke, bei uns in der Abteilung wäre das ähnlich.

Natürlich wäre es schön, wenn der Hund den Therapieprozess grundsätzlich begleitet. Eine Kollegin erzählte mir, dass ein Kind einmal ganz enttäuscht war, weil der Hund an dem Tag nicht da war – und das Kind sagte: ‚Schade, heute wollte ich dem Hund etwas ganz Trauriges erzählen.‘

Das hat nochmal gezeigt, wie wichtig der Hund im Therapiegeschehen ist. Es hat die Kollegin auch zum Nachdenken gebracht, ob es nicht sinnvoll ist, den Hund, wenn er einmal Teil des Prozesses war, möglichst regelmäßig mitzunehmen. Das ist natürlich immer eine Frage der Machbarkeit.“

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Der Hund behält jedes Geheimnis für sich

Viele Kinder mit Gewalterfahrungen haben Schwierigkeiten, Menschen zu vertrauen. Wie helfen Hunde dabei, Vertrauen und Selbstwertgefühl wieder aufzubauen?
„Der Hund ist einfach da – und er bewertet nicht. Er nimmt teil, schenkt Nähe, spendet Sicherheit, gibt ein Gefühl von Kontrolle. Und er behält jedes Geheimnis für sich.
Ich glaube, genau das macht Hunde so besonders im therapeutischen Prozess. Sie geben ein Gefühl von Geborgenheit, das man nicht erzwingen kann. Gerade für Kinder, die Schlimmes erlebt haben, ist das unglaublich wertvoll.“

Der Verein Vita e. V. Assistenzhunde, mit dem Sie zusammenarbeiten, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Was macht dieses Konzept so besonders?
„Die Hunde werden von klein auf sehr gut ausgebildet, und es wird auch geschaut, ob sie überhaupt geeignet sind. Das führt dazu, dass die Hunde sehr verlässlich und gut erzogen sind. Man sieht ja auch, wie ruhig und ausgeglichen sie im Einsatz sind. Dadurch können sie ein starker Partner an der Seite von Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen sein – jemand, der Halt gibt, ohne etwas zu fordern.“

Therapiehund auch zu Hause?

Wenn ein Hund in der Therapie so gut tut – wäre es dann auch sinnvoll, einen Therapiehund in die Familie zu integrieren?
„Mit Sicherheit wäre das für viele Kinder etwas Wundervolles. Aber die Frage ist, ob das realistisch ist – ob es in das Familiengeschehen passt. Hier in Berlin leben viele Familien auf engem Raum, die Eltern arbeiten, und ein Hund bedeutet natürlich Verantwortung.
Prinzipiell wäre es aber eine tolle Sache, und viele Kinder wünschen sich das ja auch. Wenn sie in der Therapie erleben, wie wertvoll der Kontakt zu einem Hund ist, möchten sie das natürlich gern auch zu Hause erleben.“

Was raten Sie Eltern, die sehen, dass ihrem Kind der Therapiehund guttut, sie selbst aber keinen Hund halten können?
„Man kann schauen, ob es Möglichkeiten gibt, dem Kind außerhalb der Therapie Hundekontakt zu ermöglichen. Zum Beispiel im Tierheim – viele bieten an bestimmten Tagen an, dass man mit den Hunden spazieren gehen oder sie füttern darf.

Natürlich sind das nicht immer Hunde, die so zugänglich sind wie gut ausgebildete Therapiehunde, aber es ist trotzdem eine wertvolle Erfahrung. Manche Kinder hängen auch Flyer aus oder fragen in der Nachbarschaft, ob sie mit einem Hund Gassi gehen dürfen.
Da muss man natürlich schauen, wie gut der Hund trainiert ist und ob das verantwortbar ist. Aber grundsätzlich ist jeder Kontakt zu einem Tier, der Vertrauen und Empathie stärkt, eine Bereicherung.“

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