5. November 2025, 5:47 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Viele Hundehalter hoffen, dass eine Kastration Verhaltensprobleme wie Leinenaggression oder Jagdtrieb mindern kann. Eine repräsentative Umfrage von 1.117 Hundehaltern durch Diplom-Psychologin Dr. Jessica Schwamborn zeigt jedoch: Kastrierte Hunde sind weder ruhiger noch verträglicher – im Gegenteil, sie reagieren oft ängstlicher auf Geräusche wie Silvesterböller.
Als Hundehalter haben wir häufig den Eindruck, dass wir auf unseren Gassirunden von leinenaggressiven Hunden umzingelt sind. Begegnen wir kastrierten Hunden, fühlen wir uns sicherer. Berechtigt oder nicht? Die Marktforscherin und Diplom-Psychologin Dr. Jessica Schwamborn befragte in einer repräsentativen Umfrage 1.117 Hundehalter in Deutschland, welche Verhaltensprobleme sie am meisten belasten und welche Rolle die Kastration bei Verhaltensproblemen spielt. Im Fokus standen dabei beispielsweise Leinenaggression, Jagdtrieb oder Angst an Silvester. Die Ergebnisse überraschen.
Für Großteil ist Pöbeln an der Leine eines der Hauptprobleme
„Ziel meiner Befragung war, herauszufinden, was Hundehalter im Alltag mit ihren Hunden am meisten bewegt“, erklärt Dr. Jessica Schwamborn PETBOOK. Die Hunde der Befragten waren etwa zu gleichen Teilen Rüden und Hündinnen. „Dafür habe ich in etwa gleich viele Rüden- und Hündinnen-Besitzer ausgewählt. Es sind sehr viele unterschiedliche Rassen genauso wie Mischlinge vertreten. Darunter Chihuahuas, Labrador Retriever, Golden Retriever, Berner Sennenhunde, Havaneser, Australian Sheperds und andere.“
Die Diplom-Psychologin legte Wert darauf, nicht nur „hundeverrückte“ Menschen zu befragen, sondern auch solche, für die der Hund zwar Teil der Familie ist, „aber einfach so mitläuft.“ Die 1.117 Teilnehmer füllten umfangreiche Fragebögen aus. Während sie selbst davon ausging, dass für den Großteil der Hundebesitzer das Pöbeln an der Leine eines der Hauptprobleme ist, zeichnete die Studie ein anderes Bild.
Diese Verhaltensprobleme nannten Hundehalter am häufigsten
„Es gaben tatsächlich nur 19 Prozent der Halter an, dass ihr Hund regelmäßig an der Leine ausrastet. Dabei gab es weder Unterschiede zwischen Rüden und Hündinnen noch zwischen kastrierten und unkastrierten Tieren. Weitere 30 Prozent erleben das gelegentlich, also beispielsweise dann, wenn der ‚Erzfeind‘ den Weg kreuzt.“
Am häufigsten nannten Hundehalter diese Verhaltensprobleme:
- Territorialität (41 Prozent)
- Silvesterangst (40 Prozent)
- Jagdtrieb (30 Prozent)
- Leine pöbeln (19 Prozent)
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Kastrierte Hunde zeigen häufiger Geräuschangst
Die Territorialität ist bei Hündinnen und Rüden in dieser Studie gleich ausgeprägt. Besonders überrascht hat die Forscherin die hohe Prozentzahl der Hunde, für die Silvesterböller ein gravierendes Problem sind. Wieder sind Rüden und Hündinnen gleichermaßen betroffen. Auffällig: Kastrierte Hunde zeigen häufiger Geräuschangst als ihre unkastrierten Artgenossen.
Dr. Jessica Schwamborn kennt das Problem Silvesterböller aus eigener Erfahrung. „Für meinen dreizehnjährigen Pudelmix-Rüden arbeite ich inzwischen mit einer Softbox. Das ist eine weiche Box aus Stoff, die ihm als Höhle dient. Die Box habe ich in den Wochen vor Silvester positiv besetzt, indem er in der Box Leckereien bekommen hat.
Wenn ich ihm kurz vor der Böllerei einen Kauknochen in die Box lege, benagt er diesen und ist beruhigt. Ich lasse die Box geöffnet, um ihm nicht das Gefühl zu geben, eingesperrt zu sein.“ Sie gibt zu bedenken, dass dies eine individuelle Lösung sei, die längst nicht für jeden Hund geeignet ist.
Kastration: Kein Wundermittel gegen Pöbeln und Jagdtrieb
Ein zentraler Punkt der Befragung war das Thema Kastration und dessen Zusammenhang auf das Hundeverhalten. Die Ergebnisse widerlegen gängige Mythen:
- Angst und Silvester: Kastrierte Hunde sind laut den Haltern häufiger ängstlich, was sich auch in der Silvesterangst widerspiegelt. Bei Rüden könnte das fehlende Testosteron, das auch als „Mutmach-Hormon“ gilt, eine Rolle spielen.
- Jagdtrieb: Bei kastrierten Hunden ist der Jagdtrieb deutlich höher. Dr. Schwamborn erklärt, dass der Wegfall des Sexualtriebs Kapazitäten für andere Triebe freisetzen kann.
- Kein Unterschied bei Pöbeln und Verträglichkeit: Entgegen der Hoffnung mancher Halter pöbeln kastrierte Hunde genauso häufig an der Leine und sind insgesamt nicht verträglicher als unkastrierte Artgenossen. Allerdings können die Gründe für Pöbelei bei kastrierten Hunden aus einer anderen Motivation heraus entstehen, beispielsweise aus Angst.
Aus diesen Ergebnissen leitet Dr. Jessica Schwamborn ab, dass eine Kastration keine Lösung für Verhaltensprobleme wie Jagdverhalten oder Leinenpöbeln ist. Halter sollten ihren Hunden Zeit zum Reifen geben, da gerade große Rassen oft erst zwischen zwei und vier Jahren erwachsen sind. „Man darf auch nicht vergessen, dass eine Kastration, die medizinisch nicht notwendig ist, laut Tierschutzgesetz verboten ist. Ich rate jedem, der seinen Hund wegen Verhaltensproblemen kastrieren lassen möchte, zunächst den Rat eines verhaltensmedizischen Tierarztes einzuholen.“
Die repräsentative Umfrage mit dem Namen „Rudelreport“ ist in Zusammenarbeit mit dem Fachmagazin für Zoofachhandel und Heimtier-Branche „pet“ entstanden.