25. März 2026, 15:51 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Viele Hundehalter kennen das schlechte Gewissen: Die Arbeit ruft, Termine stehen an – und der Hund bleibt mehrere Stunden allein zu Hause. Doch wie lange ist das überhaupt in Ordnung? Gibt es eine gesetzliche Grenze? Und woran erkennt man, ob der eigene Hund wirklich entspannt bleibt – oder innerlich leidet? Über diese Fragen sprach PETBOOK mit der Hundetrainerin Katharina Marioth. Sie erklärt, warum starre Zeitangaben wenig bringen, welche Warnsignale Halter ernst nehmen sollten – und weshalb ein Zweithund das Problem meist nicht löst.
Das besagt die gesetzliche Regelung
Wie lange kann ein Hund eigentlich allein bleiben? Eine scheinbar einfache Frage – auf die es laut Hundetrainerin Katharina Marioth keine einfache Antwort gibt. „Man kann es nicht pauschal sagen“, stellt sie gleich zu Beginn klar. Wenn überhaupt, dann gebe es nur eine sehr grobe Orientierung: „Bis zum nächsten sanitären Druck.“ Also so lange, bis der Hund sich lösen muss.
Tatsächlich existiert eine gesetzliche Regelung. Diese spricht von vier bis sechs Stunden, danach solle der Hund wieder „befreit“ werden. Doch Marioth sieht solche Zeitangaben kritisch. Wie solle das kontrolliert werden? Wer protokolliere das? Und wer setze es im Zweifel durch? Für sie ist entscheidend, nicht stur auf eine Uhr zu schauen, sondern individuell hinzusehen. Sie plädiert dafür, „partnerschaftlich ranzugehen und den Hund in Anführungsstrichen zu fragen: Wie lange kannst du es denn schon?“
„Der denkt einfach noch, der stirbt, wenn der allein gelassen wird“
Dabei spielen Alter und Gesundheitszustand eine zentrale Rolle. Je jünger ein Hund ist, desto weniger kann er allein bleiben – und je älter er wird, ebenfalls. Ein Welpe dürfe nicht einfach sich selbst überlassen werden. „Das muss ganz, ganz sauber auftrainiert werden, Schritt für Schritt“, betont Marioth. Für einen jungen Hund könne sich das Alleinsein existenziell bedrohlich anfühlen – „der denkt einfach noch, der stirbt, wenn der allein gelassen wird“.
Aber auch bei Senioren sei Vorsicht geboten. Lässt die Blasenmuskulatur nach, kommen altersbedingte Magen-Darm-Probleme, Schmerzen oder gar eine beginnende Demenz hinzu, sei längeres Alleinbleiben für sie „ein absolutes No-Go“. In solchen Fällen helfe auch die gesetzliche Vier-bis-sechs-Stunden-Regel wenig.
Entscheidend ist das Stresslevel
Ob ein Hund gut allein bleiben kann, zeigt er vor allem durch Entspannung. Bleibt er ruhig auf seinem Platz liegen, wenn sein Mensch sich anzieht, rollt sich vielleicht sogar ein und döst weiter, sei das ein gutes Zeichen. Ebenso, wenn man nach Hause kommt und die Wohnung so vorfindet, wie man sie verlassen hat.
Ganz anders sehe es aus, wenn Möbel zerstört, Türen zerkratzt oder Gegenstände zerkaut seien. Die oft als lustig dargestellten Social-Media-Videos von „explodierten“ Sofas seien alles andere als harmlos. Solche Zerstörung sei keine Boshaftigkeit, sondern ein Ausdruck von „unglaublich viel Stress“.
Auch Jaulen oder anhaltendes Bellen, von Nachbarn berichtet, deuteten auf Probleme hin. Ebenso, wenn ein eigentlich gesunder, erwachsener Hund sich regelmäßig in der Wohnung löst. Ein einzelnes Malheur könne passieren – häufen sich solche Vorfälle, „sollte ich mir Gedanken machen“, so Marioth.
Hund ist zum allein bleiben nicht geschaffen
Regelmäßig acht Stunden oder länger allein zu bleiben, hält sie für problematisch. „Der Hund leidet, ganz platt gesagt. Dafür ist der Hund nicht geschaffen.“ Natürlich wisse sie, dass sich Lebensumstände ändern können: Trennungen, Jobwechsel, das Ende von Homeoffice-Regelungen. Doch dann brauche es Lösungen.
Ihr Wunsch: das Umfeld einbeziehen. Nachbarn, Freunde oder Familie könnten helfen, mittags eine Gassirunde zu übernehmen. Vielleicht lasse sich mit dem Arbeitgeber eine längere Mittagspause vereinbaren. Auch eine gute Hundebetreuung oder eine kleine Dogwalking-Gruppe könne eine Option sein.
Diese Rassen haben es schwerer, allein zu bleiben
Zwei bis drei Stunden Alleinsein könnten für viele Hunde hingegen sogar wohltuend sein. Manche genössen es regelrecht, „mal in Ruhe gelassen zu werden und mal in Ruhe schlafen und dösen zu dürfen“. Aber acht oder neun Stunden sollten die absolute Ausnahme bleiben – „wie Silvester, einmal im Jahr“, nicht der Alltag. Denn der Hund sei ein soziales Lebewesen. Er brauche Sozialkontakt, Bewegung und Interaktion – nicht nur die Möglichkeit, sich zu lösen.
Auch die Rasse kann eine Rolle spielen – wenn auch keine starre. „Ja und nein“, antwortet Marioth auf die Frage, ob manche Hunde grundsätzlich besser allein bleiben können als andere. Eigenständig gezüchtete Hunde, etwa viele Jagdhunde oder Herdenschutzhunde, kämen häufig etwas besser damit zurecht – vorausgesetzt, Auslastung und Rahmenbedingungen stimmten.
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Darum fällt es vielen Hunden so schwer, allein zu bleiben
Ein zweiter Hund ist keine Lösung
Sehr arbeits- und menschenbezogene Rassen hingegen hätten oft größere Schwierigkeiten. Australian Shepherds, Border Collies oder Belgische Schäferhunde seien „meistens nicht so ganz prädestiniert“, lange allein zu bleiben. Auch viele Gesellschaftshunde, insbesondere Pudel und Pudel-Mixe, täten sich erfahrungsgemäß schwerer. Allerdings betont Marioth, dass es immer Ausnahmen gebe. Viel hänge von Aufzucht und Vorerfahrungen ab. Hunde mit traumatischen Erlebnissen rund ums Alleinsein oder viele Tierschutzhunde, die sich sehr eng an ihren Menschen binden, könnten besondere Herausforderungen mitbringen.
Ein verbreiteter Gedanke lautet: Dann holen wir eben einen zweiten Hund, damit der erste nicht mehr allein ist. Doch so einfach sei es nicht. „Wenn das funktionieren würde, wären die Tierheime deutlich leerer“, sagt Marioth. Ein zweiter Hund ersetze den Menschen als wichtigen Sozialpartner nicht automatisch.
Trennungsangst oder mangelndes Training?
Entscheidend sei außerdem die Unterscheidung zwischen echter Trennungsangst und mangelndem Training. Bei einer ausgeprägten Angstproblematik könne unter Umständen sogar eine medikamentöse Unterstützung in Zusammenarbeit mit Tierärzten nötig sein. Habe der Hund hingegen schlicht nie gelernt, allein zu bleiben, sei es vor allem eine Trainingsfrage. In beiden Fällen gilt: Ein Zweithund löst das Grundproblem nicht automatisch.
Am Ende bleibt für Marioth vor allem eines wichtig: Nicht die Uhr, sondern der Hund selbst sollte den Maßstab setzen.
Das gesamte Interview mit Hundetrainerin Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.