11. November 2025, 14:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Videos, in denen Hunde ganze Wohnzimmer verwüsten, Sofas zerreißen oder Wände anknabbern, kursieren in den sozialen Medien zu Tausenden. Oft werden sie mit lachenden Emojis und Schlagzeilen wie „Fünf Minuten allein!“ geteilt. Doch für die betroffenen Tiere ist das alles andere als lustig. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, warum unsere Vierbeiner beim Alleinsein Wohnungen zerlegen – und wie man Trennungsangst richtig trainiert.
„Im ersten Moment mag das ja witzig aussehen, wenn das Sofa aussieht, als wäre es explodiert“, sagt Hundetrainerin Katharina Marioth. „Aber für den Hund steckt da massiver Stress dahinter.“
Solche Szenen seien meist ein deutliches Zeichen von Trennungsangst. „Wenn Hunde Dinge zerstören, durch Türen beißen oder Wände aufkratzen, sprechen wir fast immer von Stressreaktionen – und zwar in Abwesenheit des Menschen“, erklärt sie. Bei älteren Hunden könne auch Demenz eine Rolle spielen: „Manche vergessen schlicht, wo sie sind, sobald sie allein sind. Auch das erzeugt Angst und Verwirrung.“
Warum Zerstörung nichts mit Rache zu tun hat
Viele Halter glauben, der Hund würde aus Wut oder Trotz handeln, wenn er das Sofa zerfetzt oder Schuhe zerkaut. Ein Irrtum, betont Marioth: „Wenn Hunde Möbel zerstören, dann ist das Stressabbau. Sie müssen irgendwohin mit ihrem Druck und suchen sich etwas, das nach ihnen riecht oder sich gut anfühlt.“
Das Verhalten könne unterschiedlich stark ausgeprägt sein. „Wenn ein Hund ‚nur‘ den Sessel auseinander nimmt, zeigt das immerhin, dass er noch in der Lage ist, den Stress umzulenken“, so Marioth. „Aber sobald wir Panikverhalten sehen – Buddeln durch Wände, Beißen durch Türen oder Böden –, dann muss ein Verhaltensspezialist ran. Das gehört nicht mehr in Laienhände.“
In Extremfällen könne auch eine tierärztliche Begleitung mit Verhaltenstherapie und gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung notwendig sein.
Warum die Box keine Lösung ist
Viele Halter reagieren reflexartig, wenn ihr Hund allein zu Hause etwas zerstört: Sie sperren ihn kurzerhand in eine Hundebox. Doch das ist laut Marioth keine Lösung. „Wir dürfen das als Trainer gar nicht mehr empfehlen“, erklärt sie. „Wenn die Ursache Trennungsangst ist, wird der Stress dadurch nur noch größer.“
Stattdessen müsse ein kleinschrittiges Training aufgebaut werden – professionell begleitet und gut geplant. „Wichtig ist, dass der Hund in der Trainingsphase überhaupt nicht allein bleibt“, sagt Marioth. „Das heißt: Freunde, Familie, vielleicht der Arbeitgeber oder eine Hundetagesstätte müssen mithelfen.“
Diese Managementphase dauere meist vier bis sechs Wochen. In dieser Zeit werde parallel das eigentliche Alleinbleib-Training aufgebaut – in winzigen Schritten, beginnend mit Sekunden und immer wiederkehrenden Ritualen.
Erste Hilfe bei Trennungsangst
- Hund nie abrupt allein lassen, sondern Anwesenheit in winzigen Schritten abbauen.
- Rituale schaffen: fester Abschiedssatz, gleichbleibende Routine.
- Keine Strafe nach Zerstörung! Der Hund handelt aus Angst, nicht aus Trotz.
- Hilfsmittel nutzen: leise Musik, Pheromonhalsbänder oder Nahrungsergänzungen können unterstützen.
- Bei starken Symptomen (Zittern, Winseln, Zerstörungswut) unbedingt Trainer oder Tierarzt mit Verhaltenserfahrung hinzuziehen.
Wie man Welpen richtig ans Alleinsein gewöhnt
Gerade bei jungen Hunden werde das Alleinbleiben oft falsch angegangen, sagt Marioth. „Ich bekomme häufig Anrufe von Menschen, die sagen: ‚Ich habe drei Wochen Zeit, dann muss ich wieder arbeiten – mein Welpe muss bis dahin sechs Stunden allein bleiben können.‘ Und da sage ich ganz klar: Nein. Das lehne ich kategorisch ab. Das ist zu schnell, zu viel.“
Für Welpen sei das Alleinsein zunächst unnatürlich. Zerstören sie in dieser Phase Dinge, etwa Tischbeine oder Schuhe, habe das meist nichts mit Trennungsangst, sondern mit Zahnung oder Erkundungsverhalten zu tun. „Das passiert oft auch in Anwesenheit des Besitzers“, erklärt Marioth. „Da geht’s mehr um: ‚Oh, das fühlt sich gut an, da kann ich mal draufbeißen.‘“
Wichtig sei in jedem Fall, dass der Hund einen sicheren Rückzugsort kennt. „Wenn er von klein auf eine Box, Höhle oder einen geschützten Platz hat, den er als sicher empfindet, kann das helfen.“ Sie betont jedoch: „Die Box darf niemals zum Einsperren genutzt werden – sondern muss offen bleiben, damit der Hund selbst entscheidet, ob er hineinmöchte.“
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Die kritischen ersten 30 Minuten
Besonders entscheidend seien laut Marioth die ersten Minuten des Alleinbleibens. „Unsere Geruchskonzentration sinkt in den ersten 30 Minuten exponentiell. Danach bleibt sie über längere Zeit relativ konstant“, erklärt sie. Für den Hund bedeutet das: Diese erste halbe Stunde ist die emotional schwierigste Phase, in der er realisiert, dass sein Mensch nicht da ist.
Deshalb müsse dieser Zeitraum im Training besonders sorgfältig aufgebaut werden – mit positiven Erfahrungen, klaren Routinen und kleinschrittigen Übungen. „Man kann das zusätzlich mit Musik oder vertrauten Geräuschen unterstützen. Ein gleichbleibender Klangteppich hilft manchen Hunden enorm, sich zu beruhigen.“
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„Der Hund hat nichts anderes getan, als das, was er gelernt hatte“
Zum Schluss erzählt Marioth noch eine Anekdote aus ihrer Praxis. „Ein Kunde rief mich an, weil sein Hund das komplette Auto zerlegt hatte, während er kurz einkaufen war.“
Zunächst vermutete sie eine klassische Trennungsangst – bis der Halter erklärte, was er sonst tat, wenn er den Hund allein ließ: „Er versteckte immer eine Socke mit drei Leckerlis irgendwo im Haus, damit der Hund sie suchen konnte.“ Dieses Mal, im Auto, hatte er die Socke vergessen.
„Der Hund hat also nichts anderes getan, als das, was er gelernt hatte – er hat das Auto auseinandergenommen, um die versteckte Socke zu finden“, erzählt Marioth lachend. „Das zeigt wunderbar, wie wichtig Routine und Kontext beim Training sind. Hunde machen keine Racheakte – sie handeln nach Erfahrung und Emotion.“
Das gesamte Interview mit Hundetrainerin Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.
