5. September 2025, 6:03 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Die Vorstellung klingt verlockend: ein treuer Hund, der einen liebevoll anschaut, Nähe gibt, Trost spendet und für den man wichtig ist. Der einen aus dem Bett holt, auch an den schwersten Tagen. Für viele Menschen mit Depression ist der Gedanke an einen vierbeinigen Begleiter ein Hoffnungsschimmer. Doch ob ein Hund tatsächlich helfen kann, hängt stark von der individuellen Situation ab – und er ist keinesfalls eine „einfache Lösung“, sagen Experten.
„Hunde sind die beste Medizin“ – aber stimmt das wirklich?
„Hunde sind die beste Medizin“ – ein Satz, den man häufig hört. Doch sollten sich Menschen mit Depression tatsächlich einen Hund anschaffen? Hundepsychologe Marc Ebersbach mahnt hier zur Differenzierung. „Wenn wir nur von einer kurzen Phase sprechen – also bei einem grundsätzlich psychisch stabilen Menschen, der einmalig in eine Krise gerät –, dann kann ein Hund dabei durchaus eine Stütze sein.“
Hunde lenkten ab, zwängen dazu, mehrmals täglich nach draußen in die Natur zu gehen, und böten im besten Fall Nähe und die heilende Erfahrung bedingungsloser Akzeptanz. „Im Idealfall ist der Hund ein kleines Kuschelmonster, das einem zeigt: ‚Ich bin doch auch noch da.‘ Das tut vielen Menschen in einer Krise unglaublich gut“, so Ebersbach.
Wenn aus Verantwortung Belastung wird
Anders sei die Lage jedoch, wenn es sich nicht um eine vorübergehende Phase, sondern um eine psychische Erkrankung handle. Dann könne ein Vierbeiner zwar guttun, er könne jedoch auch zur Belastung werden. „Entscheidend ist, ob ich trotz meiner Herausforderungen in der Lage bin, einen stabilen Alltag für den Hund zu gewährleisten und Verantwortung zu übernehmen. Und zwar nicht nur als Pflicht, sondern auch mit Freude.“
Hunde bräuchten Rituale und gleichförmige Abläufe. Wer das mit Freude leisten könne, erhalte durch den Hund immer wieder neue Energie. „Wenn ich aber merke, dass diese Verantwortung zur Belastung wird, dann geht der Schuss nach hinten los – und der Hund tut mir in dieser Situation nicht gut, sondern wird zu einer zusätzlichen Verpflichtung.“
Auch interessant: Was macht eigentlich ein Hundepsychologe?
„In dieser Zeit hat der Hund komplett mitgelitten“
Auch Reality-TV-Star und Podcaster Lars Tönsfeuerborn kennt dieses Spannungsfeld zwischen Depressionen und dem Leben mit Hund, wie er 2023 in einem Interview mit PETBOOK berichtete. Tönsfeuerborn sprach damals offen über seine Depression und die wichtige Rolle, die sein Hund Gizmo in dieser Zeit für ihn spielte. „Wenn ich mich in diese Zeit zurückversetze, dann hat mir Gizmo eine Struktur im Leben gegeben. Ich war tagtäglich gezwungen, herauszugehen, ich konnte mich nicht nur einigeln. Und auch die Verantwortung, die mit einem Hund kommt, hat mir geholfen.“
Doch auch für ihn zeigte sich, wie sensibel Hunde auf die Probleme ihrer Halter reagieren. „Als ich in die Klinik musste, ist er in meiner WG geblieben und da konnte ich mich darauf verlassen, dass er in guten Händen ist. Aber in dieser Zeit hat der Hund komplett mitgelitten. Wir haben es einmal probiert, dass er bei einem Besuch in der Klinik mit dabei war. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert. Er hat zu Hause dann fünf Tage gekotzt.“
Fehlt es an Stabilität und Struktur, ist Hundehaltung keine gute Idee
Tönsfeuerborn erzählte, dass Gizmo in dieser Phase jede Nacht auf seinem Kopfkissen schlief und nur darauf wartete, dass er wieder nach Hause kam. „Mir hat dieser Hund in dieser schwierigen Phase sehr viel Halt gegeben. Ich würde aber Leuten, die Depressionen haben, nicht grundsätzlich raten, sich ein Haustier zu holen, denn das wäre auch das falsche Signal. Ein Tier bedeutet viel Verantwortung, und wenn du keine Kraft hast, dann solltest du dir das besser dreimal überlegen.“
Auch Psychologe Caner Aygün betont im Gespräch mit PETBOOK, dass man genau hinschauen müsse: „Depression ist ja nicht gleich Depression. Es gibt verschiedene Stufen, Varianten und Formen. Grundsätzlich gilt: Wenn man dem Tier kein Leid zufügt, also die Strukturen wie Füttern, Gassigehen und Pflege einhält, dann spricht nichts dagegen.“ Fehle es jedoch an Stabilität und Struktur im Alltag, sei eine Hundehaltung keine gute Idee. „Wenn man hingegen schon ein gewisses Strukturniveau hat, können Hund oder auch andere Haustiere ein unterstützender Faktor bei der Heilung oder Genesung von Depressionen sein.“
„Ein Hund kann Struktur geben und Zuneigung schenken“
Dabei könne ein Hund durchaus helfen, schwierige Zeiten zu überstehen: „Ein Hund kann Struktur geben und Zuneigung schenken. Wichtig ist aber: Man darf nicht nur aus egoistischen Gründen denken: ‚Ich hole mir einen Hund, weil es mir so schlecht geht.‘ Ein Hund ist ein Lebewesen, das selbst Empfindungen hat. Er nimmt wahr, wenn es dem Menschen nicht gut geht, und macht sich dann auch Sorgen.“
Für Menschen, die mit dem Gedanken spielen, sich trotz Depression ein Tier zuzulegen, empfiehlt Aygün einen Dreischritt: soziale Rücksprache, also Freunde oder Familie fragen, ob sie im Notfall einspringen können; fachliche Beratung bei Therapeuten oder Ärzten, um eine objektive Einschätzung zu erhalten; und schließlich eine ehrliche Selbsteinschätzung. „Am Ende sollte es immer eine Entscheidung sein, die verschiedene Perspektiven einbezieht – sowohl die eigene als auch die des sozialen Umfelds und des Fachpersonals.“
„Diese Art der Verantwortung kann für manche zur Belastung werden“
Hunde können also durchaus eine Stütze sein und ihre Halter durch eine schwere Zeit begleiten – doch was immer bleibt, ist die Sache mit der Verantwortung. „Diese Art der Verantwortung kann für manche zur Belastung werden“, betont Hundepsychologe Marc Ebersbach. Menschen hätten ihm berichtet, dass sie irgendwann merkten, dass es ihnen zu viel wurde. Manche hätten versucht, die Verantwortung mithilfe einer zweiten Person zu teilen, dennoch sei sie für einige in ihrer psychischen Verfassung zu groß gewesen. Seine Empfehlung sei deshalb klar: „Blicke zurück – und sei gnadenlos ehrlich zu dir selbst.“
Zudem warnt er, dass Hunde unter den psychischen Problemen ihrer Halter leiden können. „Hunde saugen die Stimmungen ihrer Bezugspersonen wie ein Schwamm auf“, erklärt er. In seinen Trainings habe er Hunde erlebt, bei denen ich tatsächlich eine Depression diagnostizieren konnte – stets spiegelte sich der Zustand der Halter, so der Hundepsychologe. Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, ein insgesamt trauriger Eindruck – all das könne auch Hunde betreffen. „Hunde sind extrem sensibel und nehmen solche Zustände besonders stark auf.“
„Ohne meinen Hund würde ich heute nicht mehr leben“
Als Ebersbach vor einigen Monaten ein Video zu diesem Thema veröffentlichte, sei das Feedback sehr unterschiedlich ausgefallen, erinnert er sich. Auffällig sei gewesen, dass viele Menschen geschrieben hätten: „Ohne meinen Hund würde ich heute nicht mehr leben.“ Hunde hätten sie vor einem Suizid bewahrt, hätten ihnen Struktur und Halt gegeben. „Das hat mich in dieser Intensität sehr überrascht“, sagt Marc Ebersbach.
Andere berichteten, dass der Hund ihnen guttue und das Beste sei, was ihnen je passiert sei. Es gab jedoch auch differenzierte Stimmen: Nicht jede Depression bedeute automatisch, dass ein Hund nicht versorgt werden könne. „Einige Menschen mit klinischer Depression haben mir geschrieben, dass sie seit Jahren medizinisch gut eingestellt sind. Dadurch sind sie in der Lage, sich zuverlässig und verantwortungsvoll um ihre Hunde zu kümmern – teilweise sogar um zwei. Die Tiere bekommen die Krankheit in dieser Form gar nicht mit.“ Entscheidend sei daher, ob jemand medizinisch stabil und in Behandlung sei oder nicht.
Leiden Hunde unter der Depression ihrer Halter?
Reality-TV-Star Lars Tönsfeuerborn über kranken Hund: „Ich werde den Abschied nicht künstlich hinauszögern“
Diese Frage sollten sich Menschen mit Depression vor der Anschaffung eines Hundes stellen
Ebersbach vermeidet in seinen Empfehlungen eindeutige Labels wie „Depression“ oder „klinische Depression“. Er schlägt vor, dass sich Menschen in diesem Kontext stattdessen fragen: „Warst du in den letzten fünf bis zehn Jahren in der Lage, psychisch stabil zu agieren? Warst du in der Lage, deinen Alltag zuverlässig und dauerhaft zu organisieren?”
Denn psychisch stabil zu sein, bedeutet nicht, niemals Schwankungen zu haben – diese sind nämlich normal. „Wir sprechen hier von Überzeichnungen, also wenn Menschen über Tage, Wochen oder sogar Monate in psychischen Tiefs verharren. Oder wenn sie über längere Zeit nicht in der Lage sind, ihren Alltag zu strukturieren.“
„Viele machen den Fehler, im Hier und Jetzt zu denken, wenn sie sich gerade stabil fühlen“
Entsprechend laute sein Credo für Menschen, die über die Anschaffung eines Hundes nachdenken: „Stell dir nicht die Frage ‚Werde ich das können?‘, sondern schau in deine Vergangenheit.“ Viele Menschen machten den Fehler, im Hier und Jetzt zu denken, wenn sie sich gerade stabil fühlten. „Ein Hund wird mir guttun, er wird mir helfen, und dann kann ich mein Leben besser bewältigen“, sei ein großer Trugschluss. Zwar könne ein Hund eine enorme Unterstützung sein – „aber er ist immer auch eine Verantwortung. Und dieser Verantwortung muss man dauerhaft gewachsen sein.“
Ebersbach räumt ein, dass es auch Kritik an seiner differenzierten Haltung gegeben habe. Eine kleine Minderheit von sogenannten „Hardlinern“ habe darauf bestanden, dass sich Menschen, die psychische Schwankungen oder depressive Stimmungen haben, auf keinen Fall einen Hund zulegen sollten. Doch dies seien Ausnahmen gewesen. „Die meisten Menschen sind sehr moderat und differenziert mit dem Thema umgegangen – und das hat mich gefreut.“