10. November 2025, 14:28 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ein Hund als Lebensretter, als täglicher Motivator, als seelische Stütze? Für viele klingt das nach der perfekten Lösung in schweren Zeiten. Doch was, wenn der tierische Begleiter zur Überforderung wird? Hundepsychologe Marc Ebersbach kennt die feine Grenze zwischen hilfreicher Struktur und zusätzlicher Last – und erklärt, warum ein Hund bei psychischen Problemen nicht immer die richtige Entscheidung ist.
„Hunde sind die beste Medizin“ aber stimmt das wirklich?
PETBOOK: „Hunde sind die beste Medizin“. Das ist ein Satz, den man immer wieder hört. Doch sollten sich Menschen mit Depression wirklich einen Hund holen?
Marc Ebersbach: „Da müssen wir differenzieren. Wenn wir nur von einer kurzen Phase sprechen – also bei einem grundsätzlich psychisch stabilen Menschen, der einmalig in eine Krise gerät –, dann kann ein Hund dabei durchaus eine Stütze sein. Ich kenne das aus meinem eigenen Leben: Der Hund lenkt einen ab, zwingt einen, drei- bis viermal am Tag Gassi zu gehen, schenkt einem im Idealfall Nähe und die heilende Erfahrung bedingungsloser Akzeptanz. Im besten Fall ist er ein kleines Kuschelmonster, das einem zeigt: ‚Ich bin doch auch noch da.‘ Und das tut Menschen in einer Krise unglaublich gut.
Wenn wir aber nicht von einer Phase, sondern von einer psychischen Erkrankung sprechen, muss man differenzieren. Dann kann der Hund einerseits guttun – aber er kann auch zur Belastung werden. Entscheidend ist, ob ich trotz meiner Probleme in der Lage bin, einen stabilen Alltag für den Hund zu gewährleisten und Verantwortung zu übernehmen. Und zwar nicht nur als Pflicht, sondern auch mit Freude.
Denn Hunde brauchen Rituale und gleichförmige Abläufe. Wenn ich das mit Freude leisten kann, dann ist der Hund eine wunderbare Unterstützung, die immer wieder neue Energie schenkt. Wenn ich aber merke, dass diese Verantwortung zur Belastung wird, dann geht der Schuss nach hinten los – und der Hund tut mir in dieser Situation nicht gut, sondern wird zu einer zusätzlichen Verpflichtung.“
Auch interessant: Was macht eigentlich ein Hundepsychologe?
„Hunde brauchen Disziplin – gerade im Alltag“
Also können Hunde durchaus eine Stütze sein und Halter gut durch eine schwere Zeit begleiten?
„Ja, durchaus – aber er ist eben auch eine Verantwortung, die für manche zur Belastung werden kann. Das haben mir auch einige Leute geschrieben: Sie haben gemerkt, dass es ihnen irgendwann zu viel wurde. Manche haben das über eine zweite Person gelöst, die sie gebeten haben, sich mitzukümmern. Trotzdem haben sie festgestellt, dass die Verantwortung in ihrer psychischen Verfassung teilweise zu groß war.
Denn Hundehaltung bedeutet absolute Disziplin, gerade in den Kleinigkeiten: regelmäßig mit dem Hund rausgehen, ihn füttern, frisches Wasser bereitstellen, mehrmals am Tag, den Napf sauber halten, reagieren, wenn er krank ist. Und zwar sofort und nicht irgendwann, wenn es dir besser geht. Diese Verantwortung ist kontinuierlich da. Und es ist völlig menschlich zu sagen: ‚Unter meiner Belastung kann ich das nicht leisten.‘ Nur sollte man dann eben auch ehrlich zu sich selbst sein.“
Welchen Rat hast du für betroffene Personen, die mit der Idee spielen, sich einen Hund zu holen?
„Mein Rat: Schau in die Vergangenheit, nicht in die Zukunft. Denn vorausschauend zu sagen ‚Ich glaube, das werde ich schaffen‘ ist wenig wert. Viele überschätzen sich in einem guten Moment – und am Ende leidet der Hund.“
Ein Hund spürt jede Stimmung
Deshalb ist meine Empfehlung: Blicke zurück – und sei gnadenlos ehrlich zu dir selbst. Warst du in den letzten fünf oder zehn Jahren alltagsstabil? Hat dein Umfeld deine Probleme im Prinzip gar nicht bemerkt, weil du sie im Griff hattest – sei es durch Medikamente, Therapie oder eigene Stärke?“
Können Hunde unter der psychischen Verfassung ihrer Halter leiden? Können sie durch die psychischen Probleme ihrer Halter selbst Probleme entwickeln?
„Absolut. Hunde saugen die Stimmungen ihrer Bezugspersonen wie ein Schwamm auf. Bei mir im Training waren Hunde, bei denen ich tatsächlich eine Depression diagnostizieren konnte. Und wenn ich dann die Halterin oder den Halter befragt habe, wurde klar: Auch sie litten unter einer Depression. Das überträgt sich direkt auf die Hunde. Sie entwickeln ähnliche Symptome wie ihre Menschen: Lustlosigkeit, sie wollen nicht mehr raus, sie wirken traurig, antriebslos. Hunde sind extrem sensibel und nehmen solche Zustände besonders stark auf.
Hinzu kommt, dass Menschen in einer Krise oft nicht mehr das leisten können, was Hunde im Alltag brauchen: regelmäßige Spaziergänge, Beschäftigung, soziale Interaktion. Auch darunter leiden die Tiere, weil sie nicht verstehen können, warum sich das Verhalten ihrer Menschen verändert.“
„Viele sagen: Ohne meinen Hund würde ich nicht mehr leben“
Vor einigen Monaten hast du auch ein Video zu diesem Thema gemacht. Wie war das Feedback darauf?
„Das war sehr unterschiedlich. Auffällig war vor allem, dass viele Leute geschrieben haben: ‚Ohne meinen Hund würde ich heute nicht mehr leben.‘ Sie haben ihre Hunde als Lebensretter beschrieben, die sie vor einem Suizid bewahrt haben. Das hat mich in dieser Intensität sehr überrascht. Andere haben berichtet, dass ihnen der Hund guttut, dass er Strukturen in den Alltag bringt und einfach das Beste ist, was ihnen je passiert ist.
Es gab aber auch Stimmen, die differenziert haben. Nur weil man eine Depression hat, bedeutet das nicht automatisch, dass man sich nicht um einen Hund kümmern kann. Einige Menschen mit klinischer Depression haben mir geschrieben, dass sie seit Jahren medizinisch gut eingestellt sind. Dadurch sind sie in der Lage, sich zuverlässig und verantwortungsvoll um ihre Hunde zu kümmern – teilweise sogar um zwei. Die Tiere bekommen die Krankheit in dieser Form gar nicht mit.
Diese Menschen wollten ausdrücklich betonen, dass man unterscheiden muss: Ist jemand medizinisch stabil und in Behandlung – oder eben nicht? Denn davon kann es abhängen, wie sehr sich eine psychische Erkrankung auf den Hund und seine Versorgung auswirkt.“
Sollten sich Menschen mit Depression wirklich einen Hund anschaffen?
Warum sterben Hunde aus einem Haushalt oft kurz nacheinander?
„Nicht nach vorne schauen – sondern zurück“
Von welcher Schwere von psychischen Problemen gehst du denn in deinem Video und deinen Empfehlungen aus?
Meine Empfehlung in meinem Video war, das Thema nicht sofort mit Labels wie Depression, klinische Depression oder depressive Stimmung zu versehen. Stattdessen sollte man sich selbst fragen:
- Warst du in den letzten fünf bis zehn Jahren in der Lage, psychisch stabil zu agieren?
- Warst du in der Lage, deinen Alltag zuverlässig und dauerhaft zu organisieren?
Das sind die entscheidenden Aspekte. Und natürlich bedeutet psychisch stabil zu sein nicht, dass man niemals Schwankungen hat. Es gehört zum Leben dazu, dass man mal bessere und mal schlechtere Phasen erlebt. Davon reden wir nicht.
Wir sprechen von Überzeichnungen: Also wenn Menschen über Tage, Wochen oder sogar Monate in psychischen Tiefs verharren. Oder wenn sie über längere Zeit nicht in der Lage sind, ihren Alltag zu strukturieren.
Okay. Verstehe.
„Deshalb sage ich: Stell dir nicht die Frage ‚Werde ich das können?‘, sondern schau in deine Vergangenheit. Denn viele denken im Hier und Jetzt, wenn sie sich gerade stabil fühlen: ‚Ein Hund wird mir guttun, er wird mir helfen, und dann kann ich mein Leben besser bewältigen.‘ Das ist aber ein großer Trugschluss. Ein Hund kann zwar eine enorme Unterstützung sein – aber er ist immer auch eine Verantwortung. Und dieser Verantwortung muss man dauerhaft gewachsen sein.“
„Nur eine kleine Minderheit war strikt dagegen“
Noch mal zurück zum Feedback. Ich kann mir vorstellen, dass es sicher auch sehr ablehnende Kommentare gab, oder?
„Ja, die gab es. Es war aber nur eine kleine Minderheit von Hardlinern, die sehr hart kommentiert hat. Ich habe im Video ja differenziert und gesagt: Unter welchen Bedingungen würde ich es empfehlen, und unter welchen Bedingungen nicht.
Diese Hardliner haben dann darunter geschrieben: ‚Nein, in keinem Fall sollte sich ein Mensch, der überhaupt psychische Schwankungen oder depressive Stimmungen hat, einen Hund zulegen.‘ Das war aber wirklich nur eine Minderheit. Die meisten Menschen sind sehr moderat und sehr differenziert mit dem Thema umgegangen – und das hat mich gefreut.“
