Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Hundetrainerin bezieht Stellung

„Lieber 8 Stunden alleine zuhause als im Tierheim?“ Warum das Hunden nicht hilft

Ein neues Zuhause allein löst nicht jedes Problem. Entscheidend ist, ob der Alltag zum Hund passt
Ein neues Zuhause allein löst nicht jedes Problem. Entscheidend ist, ob der Alltag zum Hund passt Foto: Getty Images/damedeeso
Artikel teilen

6. Juli 2026, 16:56 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

„Lieber allein zu Hause als im Zwinger im Tierheim“ – dieses Argument klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar. Hundetrainerin und PETBOOK-Redakteurin Katharina Marioth erklärt, warum dieser Vergleich zu kurz greift und worauf es bei der Vermittlung eines Tierheimhundes wirklich ankommt.

Warum dieser Vergleich nicht funktioniert

Neulich ist mir auf Instagram ein Reel begegnet, das mich nicht mehr losgelassen hat. Die Botschaft: Ein klassischer 9-to-5-Job ist kein Ausschlusskriterium für die Adoption eines Tierheimhundes. Die Begründung klang auf den ersten Blick sogar einleuchtend: Lieber ist ein Hund mehrere Stunden am Tag allein in einem schönen, gemütlichen Zuhause, als den ganzen Tag im Zwinger eines Tierheims zu verbringen. Tausende Likes, Hunderte zustimmende Kommentare. Und ich verstehe, warum dieser Gedanke so viele Menschen erreicht. Er klingt vernünftig, er klingt mitfühlend und er nimmt Menschen, die gern einen Hund hätten, aber Vollzeit arbeiten, das schlechte Gewissen.

Trotzdem halte ich diesen Vergleich für einen der gefährlichsten, die mir in der Tierschutz-Debatte in letzter Zeit untergekommen sind. Denn er stellt die falsche Frage. 

Instagram Platzhalter
An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Ein Vergleich, der von Anfang an schief ist 

Wer Zwinger gegen Wohnzimmer aufrechnet, vergleicht zwei Zustände und tut so, als müsste man sich zwischen ihnen entscheiden. Das stimmt aber nicht. Die eigentliche Alternative zum Zwinger ist nicht „alleine zu Hause“, sondern „ein Zuhause, das zum Hund passt“. Und das kann eben auch bedeuten: kein Vollzeitjob, ein Dogwalker, eine Tagesbetreuung, ein Homeoffice-Tag mehr in der Woche oder schlicht ein anderes Tier, das besser zur Lebenssituation passt. 

Ich verstehe das Bedürfnis, Hunden im Tierheim schnell zu helfen. Ich sehe in meiner Arbeit als Verhaltensgutachterin regelmäßig, wie sehr die Enge eines Zwingers Hunden zusetzt – Frustration, Dauerstress, manchmal auch Verhaltensauffälligkeiten, die erst durch die Unterbringung entstehen.

Aber genau deshalb ist die Antwort nicht: „Dann nehmen wir eben in Kauf, dass er stattdessen stundenlang alleine in der Wohnung sitzt.“ Die Antwort muss sein: Wir schauen genau hin, welcher Hund zu welchem Alltag passt und verändern im Zweifel den Alltag, nicht nur den Ort. 

Alleinbleiben ist keine Frage der Kulisse, sondern des Trainings 

Ich habe an dieser Stelle schon einmal ausführlich erklärt, wie Hunde lernen, entspannt allein zu bleiben, Stichwort schrittweiser Aufbau, kurze Abwesenheiten, die langsam gesteigert werden, und ein Hund, der lernt, dass Alleinsein nichts Bedrohliches ist. Was in dieser Instagram-Debatte komplett untergeht: Ein schönes Zuhause ersetzt dieses Training nicht. Ein Hund, der zum ersten Mal in seinem Leben in einer Wohnung ist, hat noch keine Ahnung, dass der Mensch wiederkommt, dass Geräusche im Treppenhaus harmlos sind, dass die Decke im Flur nicht der einzige sichere Ort im Universum ist. 

Gerade bei Tierheimhunden kommt eine zweite Komponente dazu, die im Reel mit keinem Wort erwähnt wird: Viele dieser Hunde haben eine Vorgeschichte. Manche wurden abgegeben, manche ausgesetzt, manche kennen Menschen bislang vor allem als unberechenbaren Faktor.

Trennungsstress entsteht nicht, weil ein Hund „verwöhnt“ ist, sondern weil er gelernt hat, dass Verlassenwerden eine reale Möglichkeit ist. Diese Hunde brauchen in der Regel mehr Übergangszeit, mehr Geduld und häufiger fachliche Begleitung, bevor sie überhaupt in der Lage sind, mehrere Stunden entspannt alleine zu verbringen.

Nicht jeder Hund verträgt einen Acht-Stunden-Alltag

Was mich an der Pauschalisierung „9-5-Job ist okay, weil Zuhause besser als Zwinger“ besonders stört: Sie behandelt alle Hunde aus dem Tierheim wie eine homogene Gruppe. Das sind sie nicht. Ein ruhiger, erwachsener Hund mit stabiler Persönlichkeit kann tatsächlich gut mit einem Acht-Stunden-Tag klarkommen, wenn Spaziergänge, Auslastung und eine vernünftige Tagesstruktur drumherum stimmen. Ein junger Hund, ein ängstlicher Hund oder ein Hund mit unklarer Trennungshistorie kann bei genau demselben Tagesablauf in echte Not geraten. 

Deshalb ist die entscheidende Frage nie „Zwinger oder Wohnung“, sondern: Passt dieser konkrete Hund zu diesem konkreten Alltag? Das ist unbequemer als ein Reel, aber es ist die einzige Frage, die dem Tier tatsächlich hilft. Und genau diese Einzelfallprüfung ist der Job von guten Tierheimen und Pflegestellen.

Was seriöse Vermittlung leisten müsste und wo sie es oft nicht tut 

Hier will ich auch selbstkritisch sein, denn nicht jedes Tierheim macht diesen Job gut. Wenn Vermittlungsgespräche in fünf Minuten am Zwinger stattfinden, wenn niemand nach Tagesablauf, Arbeitszeiten oder Erfahrung fragt, wenn der Druck, freie Plätze zu schaffen, größer ist als der Anspruch, gute Vermittlungen zu machen – dann trägt das mit dazu bei, dass am Ende Hunde in Haushalten landen, die schlicht nicht zu ihnen passen. Das ist dann kein Erfolg für den Hund, das ist ein Problem, das nur verlagert wurde.

Gute Vermittlung bedeutet die ehrliche Einschätzung des Hundes, ehrliche Fragen an die Interessenten, ein Trainingsplan für die ersten Wochen und im Idealfall eine Probephase mit Rückmeldung. Wer als Interessent mit Vollzeitjob einen Hund adoptieren möchte, sollte aktiv nach genau diesen Punkten fragen und misstrauisch werden, wenn niemand sie stellt. Ein seriöses Tierheim wird niemals sagen: „Passt schon, hauptsache raus aus dem Zwinger.“ Es wird stattdessen gemeinsam mit Ihnen geschaut, ob ein trainingserfahrener, ruhiger Hund zu Ihrem Alltag passt, oder ob eher eine Tagesmutter, ein Zweithund im Haushalt oder ein anderes Tier die bessere Lösung ist. 

Woran Sie erkennen, ob ein Hund überhaupt bereit für Alleinsein ist 

Aus meiner Praxis heraus gibt es ein paar Anhaltspunkte, die bei der Einschätzung helfen – und die in der Instagram-Debatte komplett fehlen:

  • Wie hat der Hund im Tierheim oder in der Pflegestelle bereits auf kurze Abwesenheiten reagiert? Ruhiges Verhalten bei zehn oder zwanzig Minuten sagt mehr aus als jede Wohnungsgröße.
  • Gibt es Anzeichen von übermäßigem Anklammern an Bezugspersonen, ständigem Hinterherlaufen oder Panik beim Nähern in Richtung Ausgang? Das sind typische Vorboten von Trennungsstress, die man ernst nehmen sollte, bevor der Hund überhaupt einzieht.
  • Wie alt ist der Hund, und wie ausgeprägt ist sein Grundvertrauen in Menschen generell? Ein Hund, der Menschen insgesamt als verlässlich erlebt, tut sich mit dem Alleinsein naturgemäß leichter als einer, der noch grundsätzliches Vertrauen aufbauen muss. 

Diese Fragen lassen sich nicht in einem 30-Sekunden-Video beantworten, und sie lassen sich erst recht nicht mit dem Satz „Wohnung ist immer besser als Zwinger“ pauschal wegwischen. Sie erfordern Beobachtung, Zeit und im besten Fall die Einschätzung von Menschen, die den Hund über Wochen erlebt haben – Tierheimmitarbeitende, Pflegestellen oder Verhaltensberater. 

Mehr zum Thema

Was Sie stattdessen tun können, wenn Sie berufstätig sind 

Wenn Sie Vollzeit arbeiten und trotzdem einem Hund aus dem Tierheim ein Zuhause geben möchten, gibt es eine ganze Reihe realistischer Bausteine, die deutlich mehr bringen als der gute Vorsatz alleine. Ein strukturierter Trainingsplan für die ersten Wochen gehört unbedingt dazu, ebenso wie ein Puffer an Urlaubstagen direkt nach dem Einzug, damit der Hund sich in Ruhe eingewöhnen kann, bevor die ersten längeren Abwesenheiten anstehen.

Auch eine Mittagsbetreuung durch Nachbarn, Familie oder einen Hundesitter kann den Tag für den Hund erheblich verkürzen und entlastet gleichzeitig Sie. Wichtig ist außerdem ehrliches Feedback von der Vermittlungsstelle: Fragen Sie aktiv nach, wie sich der konkrete Hund bislang bei Abwesenheiten verhalten hat, und lassen Sie sich nicht mit einem pauschalen „Der wird das schon lernen“ abspeisen. 

Genauso wichtig ist die Bereitschaft, ehrlich zu sich selbst zu sein. Wenn sich nach den ersten Wochen zeigt, dass der Hund trotz Training deutlichen Stress zeigt, ist das kein persönliches Versagen. Eher ist es ein Signal, gemeinsam mit Fachleuten nach Alternativen zu suchen. Zum Beispiel eine intensivere Betreuung, eine Anpassung der Arbeitszeiten oder im Härtefall die ehrliche Erkenntnis, dass dieser Hund einen anderen Alltag braucht als den, den Sie bieten können.

Mein Fazit 

Ich will niemandem mit Vollzeitjob die Hundehaltung madig machen – im Gegenteil, viele der entspanntesten Hunde, die ich kenne, leben bei berufstätigen Menschen, die sich intensiv mit dem Thema Alleinbleiben auseinandergesetzt haben. Aber die Behauptung, ein 9-5-Job sei grundsätzlich unproblematisch, weil die Alternative angeblich der Zwinger ist, springt mir zu kurz. Sie ersetzt eine individuelle fachliche Einschätzung durch ein bequemes Gefühl von Mitgefühl. 

Wenn Sie also mit Vollzeitjob über die Adoption eines Tierheimhundes nachdenken: Tun Sie es. Aber tun Sie es mit offenen Augen, mit einem realistischen Trainingsplan fürs Alleinbleiben und mit der Bereitschaft, sich auf den Hund einzustellen, den Sie tatsächlich bekommen – nicht auf den, der ins Reel gepasst hätte. Ein Zuhause ist immer besser als ein Zwinger. Aber ein falsch vorbereitetes Zuhause löst das Problem des Hundes nicht, es verschiebt es nur an einen Ort, an dem es niemand mehr filmt. 

Zur Expertin

Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.