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Boom mit Folgen

Ein Hund aus dem Auslandstierschutz? Das sollten Sie vorher wissen

Hundewelpen hinter Gitter
Immer mehr Hunde aus dem Ausland werden nach Deutschland vermittelt. Experten raten Interessenten, sich vor der Adoption umfassend zu informieren Foto: Getty Images
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Porträtaufnahme von Autorin Manuela Lieflaender mit Hund Elvis
Freie Autorin

10. Juni 2026, 17:09 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Tausende Hunde werden jedes Jahr aus dem Ausland nach Deutschland vermittelt. Welche Risiken und Herausforderungen dabei entstehen können, woran man seriöse Tierschutzvereine erkennt und warum viele Experten Kastrationsprojekte vor Ort für den nachhaltigeren Weg halten.

Auslandstierschutz boomt in Deutschland

Er schaut Sie mit großen Augen aus dem Handybildschirm an. Ein junger Mischling, irgendwo in Rumänien, angeblich kurz vor der Euthanasie. Der Verein drängt: Schnell entscheiden, sonst ist es zu spät. Wenige Wochen später ist das Tier in Ihrer Wohnung und weder Sie noch der Hund wissen so recht, was jetzt passieren soll. Dieses Szenario spielt sich in Deutschland tausendfach ab. Und es ist kein Einzelfall. Es ist die logische Folge eines Systems, das gut gemeint ist, aber oft schlecht gemacht. 

Der Auslandstierschutz boomt. Im Jahr 2020 kamen laut einer Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen mehr als 100.000 Hunde über Tierschutzvereine nach Deutschland – Tendenz steigend. Forscher konnten 764 Vereine identifizieren, die Tiere aus Süd- und Osteuropa vermitteln.1

Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, denn die Vereinslandschaft ist unübersichtlich und weist eine hohe Fluktuation auf. 

Ein Markt im Verborgenen 

Hinter diesem Boom steckt nicht nur Mitgefühl. Manche Organisationen haben unter dem Deckmantel des Tierschutzes ein profitables Geschäft entwickelt. Sie umgehen rechtliche Auflagen, verzichten auf TRACES-Bescheinigungen, das EU-weite Registrierungssystem für Tiertransporte. Oder schleusen Hunde über sogenannte Flugpatenschaften ins Land, bei denen Urlauber als private Tierhalter fungieren, um Kontrollmechanismen zu umgehen. Die häufigsten festgestellten Verstöße betreffen die erforderliche Dokumentation, aber auch tierschutzrechtliche Vergehen kommen vor. 

Der Deutsche Tierschutzbund ist klar, dass Hunde nur im Einzelfall nach Deutschland importiert werden sollten. Wer wirklich etwas für Straßentiere im Ausland tun will, sollte Kastrationsprojekte vor Ort unterstützen, anstatt den Markt für Importe zu befeuern.2

Diesen nachhaltigen Tierschutzgedanken vertritt auch der Verein Hunderettung Europa. „Durch Kastrationen wird die Anzahl der Straßentiere reduziert und das Töten in den Tötungsstationen verhindert“, erklärt der Verein auf seiner Website. Und: Die Tierschützer verzeichnen erste Erfolge: „Bei den bereits kastrierten Vierbeinern haben wir den Teufelskreis aus Leid und Tod durchbrochen!“ Nicht das Adoptieren ist also hilfreich, sondern das Spenden für Kastrationsprojekte.  

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Das Mitleidsprinzip und seine Tücken 

So lange wie mit den Auslandshunden viel Geld verdient wird, ist der Gedanke des nachhaltigen Tierschutz eher die Ausnahme als die Regel. Um schnell Geschäfte zu machen, arbeiten die Anbieter auf Vermittlungsplattformen und sozialen Medien mit emotionalen Bildern von abgemagerten Hunden und Countdown-Timern, um Interessenten unter Druck zu setzen. Sie sollen sich schnell für den Hund entscheiden, weil dieser ansonsten getötet werde – auf diese Weise wird sachliche Bewertung nahezu unmöglich gemacht. 

Der Genetik-Schock: warum ein Herdenschutz-Mix kein Stadthund ist 

Viele Adoptanten bestellen sich ihren Hund im Internet wie aus einem Katalog, ohne zu wissen, was sie genetisch überhaupt erwartet. Während aus Südeuropa häufig Jagdhunde importiert werden, gehören die Hunde aus Osteuropa (insbesondere Rumänien) laut der Graf-Studie (2025) genetisch oft zu den Herdenschutzhunden und Molossern. 

Hier liegt eine tickende Zeitbombe für den unbedarften Halter: 

  • Genetisches Erbe: Ein Kangal– oder Bukowina-Schäferhund-Mix wurde über Generationen darauf selektiert, eigenständig Territorien und Ressourcen gegen Eindringlinge zu verteidigen. 
  • Die Quittung im Alltag: Sobald diese Hunde erwachsen werden, schlägt das genetische Programm voll durch. Ein solcher Hund lässt sich nicht mit Leckerchen davon überzeugen, dass der Postbote oder der Besuch im Mehrfamilienhaus keine Bedrohung darstellen. Ein Kangal-Mix in einer deutschen Stadtwohnung ist schlichtweg ein Haltungsfehler mit Ansage. 

Die meisten Auslandshunde haben ein Leben geführt, das sich von dem eines deutschen Familienhundes fundamental unterscheidet. In Ländern wie Rumänien, Griechenland oder der Türkei gibt es Hunde, die seit Generationen auf der Straße leben. Anwohner füttern sie zwar, dennoch kennen die Tiere kein Zuhause im westlichen Sinne. Andere sind sogenannte „Besitzer-Hunde“ – sie laufen zwar frei, gehören aber jemandem. Diese Hunde sind in ihrem neuen Zuhause in Deutschland nicht etwa undankbar. Sie sind überfordert.

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Was die Wissenschaft sagt 

Die JLU Gießen belegt, dass die untersuchten Auslandshunde im Vergleich zu westeuropäischen Hunden deutliche Verhaltensunterschiede zeigten. Besonders häufig trat Angstverhalten gegenüber Fremden und der unbelebten Umwelt auf. Osteuropäische Hunde zeigten öfter Angst- und Aggressionsverhalten, südeuropäische Hunde aufgrund ihrer Rassemerkmale häufiger Jagdverhalten. 

Bei 6,7 Prozent der untersuchten Tiere wurden schwere Angststörungen festgestellt – Hunde, die laut der Studie kein artgerechtes Leben führen können. Und das, obwohl in der Befragung keine Halter erfasst wurden, die ihren Auslandshund bereits wieder abgegeben hatten. Die reale Problemlage dürfte also noch gravierender sein. 

Hinzu kommt ein ernstes gesundheitliches Risiko: 37,2 Prozent der untersuchten Hunde waren infiziert, etwa die Hälfte davon mit vektorübertragenen Erkrankungen wie Leishmaniose, Babesiose oder Ehrlichiose – Krankheiten, die in Deutschland kaum bekannt, aber schwer behandelbar und kostspielig sind. Trotzdem wurden vor der Einreise keine flächendeckenden Tests auf diese Infektionen durchgeführt. Und: Schnelltests, wie sie viele Vereine nutzen, können falsche Ergebnisse liefern.  

Laut der Studie klärten die Vereine rund ein Drittel der neuen Besitzer weder über das typische Verhalten von Auslandshunden noch über Infektionskrankheiten auf. Das ist kein Versehen – das ist ein strukturelles Versagen. 

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Was wirklich hilft: Tierschutz vor Ort 

Der Deutsche Tierschutzbund setzt auf das Prinzip „Fangen, Kastrieren, Freilassen“ (englisch: Trap, Neuter, Release – TNR). Mitarbeiter und Projekte der Organisation fangen Straßentiere ein, versorgen sie medizinisch, kastrieren und impfen sie und lassen die Hunde anschließend wieder an ihrem vertrauten Ort frei. Kranke Tiere werden behandelt. Nur in Ausnahmefällen, wenn ein Tier nach der Kastration nicht mehr freigelassen werden kann, wird eine Vermittlung ins Ausland erwogen. 

Der Tierschutzbund schreibt dazu auf seiner Website: „Dieser Ansatz ist die einzige Methode, die langfristig und tierschutzgerecht wirkt. Das bloße Töten von Straßentieren ist grausam und wirkungslos: Jeder Lebensraum bietet einer bestimmten Anzahl von Tieren Unterschlupf und Futter. Werden Tiere getötet, rücken andere nach. Werden sie kastriert, schrumpft die Population dauerhaft.“ 

Wenn es doch ein Auslandshund sein soll

Wer trotzdem einen Hund aus dem Ausland haben möchte, sollte sich ausschließlich an seriöse, gemeinnützige Vereine wenden. Der Deutsche Tierschutzbund hat dazu hilfreiche Kriterien entwickelt, wie Sie einen seriösen Auslandstierschutz-Verein erkennen:

  • Gemeinnützigkeit: Der Verein ist offiziell als gemeinnützig anerkannt und handelt nicht primär wirtschaftlich. Angaben hierzu befinden sich im Impressum.  
  • Transparente Website: Vollständiges Impressum, Angaben zum Vorstand, zur Satzung, zum Vermittlungsablauf und zu Reisekrankheiten. Fehlt das Impressum, ist das ein Warnsignal. 
  • Genehmigung nach § 11 TierSchG: Der Verein besitzt die gesetzlich vorgeschriebene Erlaubnis für den Tierimport – erkennbar an sachkundigen, vom Veterinäramt anerkannten Mitarbeitenden. 
  • Schwerpunkt auf Hilfe vor Ort: Der Verein betreibt Kastrationsaktionen und Aufklärungsarbeit – der Import ist Ausnahme, nicht Geschäftsmodell. 
  • Keine Flugpatenschaften: Urlauber, die Hunde im Handgepäck mitbringen, umgehen wichtige Gesundheits- und Transportvorschriften. 
  • Einhaltung aller Transport- und Importvorschriften: Gültige Tollwutimpfung, Mikrochip, EU-Heimtierausweis, TRACES-Anmeldung, tierärztliche Untersuchung maximal 48 Stunden vor Transport.
  • Keine Übergabe auf Parkplätzen: Seriöse Vereine vermitteln ausschließlich über Pflegestellen oder Tierheime – nie direkt am Flughafen oder an der Raststätte. 
  • Vollständige Gesundheitsuntersuchung: Blutbild und Reisekrankheitenprofil durch ein spezialisiertes Fremdlabor – kein Schnelltest. 
  • Quarantäne in Deutschland: Nach Ankunft kommt der Hund zunächst ins Tierheim, nicht sofort in eine Pflegestelle. 
  • Kennenlernen vor der Übernahme: Du hast die Möglichkeit, den Hund mehrfach persönlich zu treffen, bevor du dich entscheidest. 
  • Beratung und Nachbetreuung: Der Verein steht auch nach der Vermittlung für Fragen zur Verfügung und nimmt den Hund im Notfall zurück.  

Wer Straßentieren wirklich helfen will, spendet für Kastrationsprojekte vor Ort – nicht für den nächsten Transport nach Deutschland. 

Quellen

  1. Graf, J. (2025): Tierschutzhunde aus Süd- und Osteuropa – Evaluation der Vermittlung, des Transports und des Verhaltens von durch Tierschützern nach Deutschland verbrachten Hunden. JLU Gießen. ↩︎
  2. tierschutzbund.de, „Auslandstierschutz – Worauf muss ich achten, wenn ich einen Hund oder eine Katze aus dem Ausland adoptieren möchte?“ (aufgerufen am 10.06.2026) ↩︎

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