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Untersuchung in Colorado, USA

Klapperschlangen-Livestream – Wildtierkamera verändert Image unbeliebter Tiere

Zwei Klapperschlangen bei der Paarung
Auch Klapperschlangen können zu beliebten Video-Stars werden: Eine Untersuchung aus den USA zeigt, dass immer mehr Menschen die Tiere im Livestream verfolgen und so ihre Angst verlieren. Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

28. Oktober 2025, 11:22 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Schlangen gelten weltweit als eines der am meisten gefürchteten Tiere – doch eine innovative Wildtierkamera in Colorado könnte dieses Bild verändern. Ein Forschungsteam installierte einen Livestream an einem Klapperschlangendepot, das hunderte Tiere beherbergt. Die Reaktionen der Zuschauer waren überraschend: Viele verloren ihre Angst, entwickelten Mitgefühl – und beteiligten sich aktiv an der Forschung. Was steckt hinter dem Erfolg?

Wer hätte gedacht, dass Menschen nicht nur Videos mit niedlichen Katzen oder Hunden feiern, sondern sich auch für Klapperschlangen begeistern lassen? Normalerweise stehen diese Tiere nicht gerade ganz oben auf der Beliebtheitsskala – und das hat einen Grund: Gerade bei als „unbeliebt“ geltenden Arten wie Schlangen beeinflussen mediale Sensationsberichte und tief verankerte Ängste die öffentliche Wahrnehmung negativ.

Doch Studien zeigen, dass Naturerlebnisse – auch virtuelle – positive Effekte auf das Wohlbefinden und Umweltverhalten haben können. Während Livestreams bislang meist bei populären Arten wie Bären oder Vögeln eingesetzt wurden, sind sie bei stark stigmatisierten Tieren wie Klapperschlangen kaum genutzt worden. Mit dem Projekt „RattleCam“ (zu Deutsch „Klapper-Kamera“) wollten Wissenschaftler aus Colorado, USA, das ändern.

Hunderte Schlangen sorgen bei Zuschauern für Begeisterung

Bereits seit 2021 streamte ein Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Owen Bachhuber (California Polytechnic State University) ein kleines Schlangendepot in Kalifornien. Doch erst der technisch deutlich aufgerüstete Colorado-Stream ermöglichte die dauerhafte und weltweite Beobachtung eines sogenannten „Mega-Dens“, also eines Großdepots mit hunderten Schlangen im US-Bundesstaat Colorado. Das klingt für die meisten erst einmal nach Gruselfaktor. Doch bei den Zuschauern kamen die Bilder scheinbar gut an. Die Ergebnisse der umfassenden Studie wurden im Fachjournal „Frontiers in Amphibian and Reptile Science“ veröffentlicht und zeigen: Wildtierkameras mit Livestreaming könnten ein wirkungsvolles Mittel zur Umweltbildung sein. 1

Zuschauer aus der ganzen Welt verfolgten die Schlangen im Livestream

Die Studie beschreibt erstmals detailliert, wie ein vollständig autarker Livestream für Wildtiere technisch umgesetzt werden kann – vom Modell der Wildtierkamera über die Energieversorgung bis zur Fernsteuerung. Der gewählte Standort war ein Mega-Depot von Prärie-Klapperschlangen (Crotalus viridis) auf einer privaten Ranch in Colorado.

Die Tiere verlassen im Frühjahr ihr Winterversteck, während schwangere Weibchen im Depot verbleiben, um im Spätsommer ihre Jungen zu gebären. Eine Axis Q6225-LE PTZ-Kamera übertrug zwischen dem 15. Mai und 5. November 2024 rund um die Uhr Livebilder auf YouTube. Die gesamte Anlage – inklusive Solarpanels, Akkus und Schutzvorrichtungen – wurde speziell für extreme Wetterbedingungen und autarken Betrieb konzipiert.

Ein Team von Studenten und Freiwilligen steuerte die Kamera fern und moderierte tagsüber den Live-Chat, wodurch Zuschauer weltweit aktiv eingebunden wurden. Das Projekt wurde von der Cal Poly IACUC und der Colorado Parks and Wildlife Behörde genehmigt.

Über 1,6 Millionen Aufrufe und viele positive Kommentare

Die Ergebnisse sind vielschichtig – und eindrucksvoll. Während der siebenmonatigen Laufzeit sahen sich Menschen aus 122 Ländern den Livestream an. Die Zahl der Abonnenten auf dem YouTube-Kanal „Project RattleCam“ stieg von 813 (Mai 2024) auf 14.576 (November 2024). Insgesamt wurde der Stream über 1,6 Millionen Mal aufgerufen, mit einer Gesamtsehzeit von über 175.000 Stunden.

Zwei gezielte Medienkampagnen (im Juli und August 2024) führten zu starken Anstiegen bei Zuschauerzahlen und Abonnenten. Besonders wichtig: Viele Zuschauer beteiligten sich aktiv als „Community Scientists“. Sie meldeten Sichtungen, halfen bei der Identifikation einzelner Tiere – 23 Schlangen wurden durch ein öffentliches „Name-a-Snake“-Programm individuell benannt – und diskutierten respektvoll im Chat.

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„Ihr habt geholfen, mein Mitgefühl zu wecken“

Zahlreiche Kommentare zeigten, dass die Zuschauer durch den Stream ihre Angst vor Schlangen verloren und stattdessen Respekt und Faszination entwickelten. Auch Zoos in den USA integrierten den Livestream in ihre Bildungsangebote und berichteten von positiven Reaktionen des Publikums.

Das wissenschaftliche Fachmagazin „Phys.org“ zitiert einige Kommentare der Nutzer wie folgt (sinngemäß übersetzt):

Ich habe hier beim Beobachten wirklich etwas gelernt, denn eigentlich fürchte ich mich sogar schon vor Würmern! Aber ich wusste nie, wie aufmerksam diese Mütter auf ihre Babys achten … unglaublich.

Früher dachte ich, es sei in Ordnung, diese Schlangen zu verletzen. Ich fühle mich so schrecklich, dass ich das jemals gedacht habe. Gott sei Dank habe ich nie eine verletzt. Ihr habt geholfen, mein Mitgefühl zu wecken und wach zu bleiben.

Ich habe mein ganzes Leben lang keine Schlangen gemocht (ich bin nicht mehr jung)! und ich bin auf diesen Kanal gestoßen und jetzt schaue ich nur noch zu (ich LIEBE das Video, in dem sich eine von ihnen häutet)!

Wildtierkameras können Einstellung zu Tieren verändern

Die Studie zeigt eindrücklich, wie technologische Innovationen wie Livestreams über Wildtierkameras nicht nur wissenschaftliche Daten liefern, sondern auch gesellschaftliche Einstellungen verändern können. Gerade bei negativ bewerteten Tierarten wie Schlangen ist es schwer, Empathie zu erzeugen – das Projekt Colorado RattleCam hat es dennoch geschafft.

Die Möglichkeit, Schlangen bei der Geburt und beim Sozialverhalten in Echtzeit zu beobachten, stärkte das Mitgefühl der Zuschauer und veränderte deren Perspektive. Das Projekt verbindet Umweltbildung, Community Science und Öffentlichkeitsarbeit auf einzigartige Weise. Besonders für Menschen mit eingeschränktem Zugang zur Natur – etwa in Großstädten oder mit körperlichen Einschränkungen – bieten solche Livestreams eine realitätsnahe Alternative, die sowohl emotional als auch informativ wirkt. Auch aus technischer Sicht ist das Projekt wegweisend: Die ausführlich dokumentierte Umsetzung liefert erstmals eine Blaupause für den Bau ähnlicher Wildtierkameras weltweit.

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Systemkosten beliefen sich auf etwa 12.000 US-Dollar

Die Studie ist die erste ihrer Art, die eine autarke Wildtierkamera technisch umfassend dokumentiert und ihren Einsatz evaluiert. Sie liefert wertvolle Impulse für Umweltpädagogik und Forschung. Gleichzeitig zeigen sich auch die Grenzen der Methode: Die Systemkosten beliefen sich auf etwa 12.000 US-Dollar, was die Umsetzung für viele Institutionen erschwert.

Der Livestream erfordert zudem eine stabile Mobilfunkverbindung oder satellitengestützte Alternativen – beides ist nicht überall gegeben. Auch waren während extremer Wetterlagen technische Probleme und Ausfälle zu beobachten. Eine systematische Auswertung der Wahrnehmungsveränderungen bei Zuschauern war nicht Teil der Studie, sodass Aussagen zu Wirkung und Nachhaltigkeit der Einstellungsänderungen nur anekdotisch bleiben. Auch könnte die Kamerabewegung einzelne Tiere (z. B. Vögel) beeinflussen – ein Aspekt, der weiterer Forschung bedarf.

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Studie einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie moderne Technologien das Verhältnis zwischen Mensch und Natur positiv beeinflussen können.

Fazit: Wildtierkameras mit Livestreams können helfen, tief verankerte Ängste und Vorurteile abzubauen

Die Studie und das Projekt RattleCam belegen: Livestreams aus der Wildnis können weit mehr als schöne Bilder liefern. Sie ermöglichen wissenschaftliche Beobachtung, fördern aktive Beteiligung der Öffentlichkeit und helfen, tief verankerte Ängste und Vorurteile abzubauen – sogar gegenüber so stark stigmatisierten Tieren wie Klapperschlangen. Die Technik ist komplex, aber reproduzierbar, und das pädagogische Potenzial immens.

Für Bildungsinstitutionen, Zoos und Forschungseinrichtungen eröffnen sich neue Wege, um Naturerleben in digitale Räume zu bringen. Künftige Studien sollten systematisch untersuchen, wie Livestreams Einstellungen beeinflussen – das Projekt Colorado RattleCam hat dafür bereits wichtige Grundlagen gelegt.

Quellen

  1. Bachhuber, O. M., Roberts, M. C., Singer, R. M., Brewster, D. R., Brewster, R. A., Dunham, K. K., Boback, S. M. and Taylor E. N. (2025) „Using livestreaming technology to connect the public with secretive and maligned animals“. Front. Amphib. Reptile Sci. 3:1599382. doi: 10.3389/famrs.2025.1599382 ↩︎

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