25. Juli 2025, 14:45 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Fast zwei Jahrzehnte lang galt sie als verschollen, nun ist sie zurück: Auf der Karibikinsel Barbados wurde die kleinste bekannte Schlange der Welt, Tetracheilostoma carlae, wiederentdeckt. Die Sensation gelang im Rahmen eines ökologischen Monitorings – und sorgt nicht nur bei Fachleuten für Begeisterung.
Warum die kleinste Schlange der Welt als ausgestorben galt
Tetracheilostoma carlae ist ein echtes Mysterium der Natur. Seit ihrer ersten dokumentierten Sichtung im Jahr 1889 sind nur wenige bestätigte Nachweise gelungen – zuletzt vor fast 20 Jahren. Aufgrund ihrer winzigen Größe und ihrer versteckten Lebensweise galt sie als „lost to science“, also als verschollen für die Wissenschaft. Auf der weltweiten Liste der über 4800 als verschollen geltenden Arten von Pflanzen, Tieren und Pilzen rangierte sie unter den prominentesten Kandidaten.
Ihr Verschwinden ist nicht überraschend: 98 Prozent der ursprünglichen Wälder auf Barbados wurden seit der Kolonialisierung vor über 500 Jahren für Landwirtschaft gerodet. Diesen Lebensraum braucht die winzige Schlange zum Überleben. 1
So wurde die Schlange wiederentdeckt
Die Wiederentdeckung gelang bereits am 20. März 2025 im Rahmen des Programms „Conserving Barbados’ Endemic Reptiles (CBER)“. Dieses wurde vom Umweltministerium von Barbados und der Naturschutzorganisation „Re:wild“ durchgeführt. Projektleiter Connor Blades und Justin Springer, Koordinator der internationalen Naturschutzorganisation „Re:Wild“, hatten mehr als ein Jahr nach einheimischen Reptilien gesucht. Auch gezielt nach Tetracheilostoma carlae, der kleinsten Schlange der Welt.
Der Fund selbst war beinahe beiläufig, wie „Re:Wild“ am 23. Juli in einer Pressemitteilung öffentlich machte. Beim Umdrehen eines Steins unter einer Baumwurzel witzelte Springer: „Ich rieche eine Schlankblindschlange (Gruppe an Schlangen, der Tetracheilostoma carlae zugeordnet wird, Anm. d. Red.)“ – und tatsächlich lag dort, neben einem Regenwurm, eine winzige, spaghetti-dünne Schlange. „Wenn man so lange sucht und nie etwas findet, ist man völlig überrascht, wenn es dann tatsächlich passiert“, erinnert sich Springer. Blades brachte das Tier zur Universität der Westindischen Inseln. Unter dem Mikroskop bestätigte sich der Verdacht: Es handelte sich um T. carlae. Die Art ist eindeutig an den blass orangefarbenen Rückenlinien, den seitlich sitzenden Augen und der charakteristischen Nasenschuppe zu identifizieren.
Warum der Fund so bedeutsam ist
Der Nachweis der kleinsten Schlange der Welt ist weit mehr als eine zoologische Kuriosität. „Das bedeutet, dass diese Art noch existiert – dass sie weiter zum Ökosystem unserer Insel beiträgt“, betonte Blades in der Pressemitteilung. Auch Springer sieht in der Wiederentdeckung ein wichtiges Signal: „Sie erinnert uns daran, dass die Wälder auf Barbados besonders und schützenswert sind – nicht nur für die Schlankblindschlangen, sondern für unsere gesamte Natur und unser kulturelles Erbe.“
Die Entdeckung gibt Hoffnung, dass weitere verschollen geglaubte Arten noch existieren – und motiviert zu verstärktem Schutz der letzten verbliebenen Naturflächen auf Barbados.
Was über die kleinste Schlange der Welt bekannt ist
Tetracheilostoma carlae wurde 2008 von dem Biologen Blair Hedges wissenschaftlich beschrieben. Erwachsene Tiere messen durchschnittlich knapp zehn Zentimeter, mit einem Durchmesser von etwa 2,5 Millimetern – kaum breiter als eine Spaghetti. Ihr Gewicht liegt bei gerade einmal 0,6 Gramm. Farblich zeigt sie sich dunkelbraun bis schwarz mit feinen, orange-gelben Linien entlang des Rückens. 2
Sie gehört zur Familie der Schlankblindschlangen (Leptotyphlopidae) und lebt versteckt im Boden. Vermutlich ernährt sie sich dort von Termiten und Ameisenlarven. Aufgrund ihrer Größe und Ähnlichkeit zu Regenwürmern wird sie leicht übersehen oder mit anderen, häufigeren Arten wie der invasiven Brahmanenblindschlange verwechselt. Diese äußere Ähnlichkeit machte auch den aktuellen Fund zunächst unklar – bis zur mikroskopischen Bestätigung.
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Ist die Schlange giftig?
Nein – Tetracheilostoma carlae ist vollkommen ungiftig. Wie andere Vertreter der Schlankblindschlangen lebt sie zurückgezogen unter der Erde und stellt keine Gefahr für Menschen dar. Ihre geringe Größe und ihre grabende Lebensweise machen sie eher zu einem unsichtbaren Bestandteil des Ökosystems als zu einem aktiven Räuber.
Wie viele Schlangen dieser Art gibt es noch?
Über die genaue Populationsgröße ist so gut wie nichts bekannt. Die Rote Liste der IUCN führt T. carlae als „vom Aussterben bedroht“ (Critically Endangered), doch konkrete Zahlen gibt es nicht. Alle bisherigen Sichtungen – fünf an der Zahl in über 135 Jahren – deuten auf eine extrem kleine und isolierte Population hin. Hinzu kommt, dass die Art nur ein einziges Ei pro Gelege legt, was die Fortpflanzung stark limitiert.
Blades ist deshalb besorgt: „Wenn die Dichte der Population sehr gering ist, mache ich mir Sorgen um ihre Fähigkeit, Partner zu finden – insbesondere wenn ihr Lebensraum weiter zerstört wird.“
Weitere Untersuchungen sollen nun klären, wie groß das verbleibende Verbreitungsgebiet ist und welche Maßnahmen zum Schutz der Art dringend erforderlich sind.