22. Dezember 2025, 17:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Haben Tiere Gedanken und Gefühle – so wie wir? Eine weltweite Studie liefert faszinierende Antworten. Von Ecuador bis Japan glauben Kinder und Erwachsene mehrheitlich, dass Tiere denken und fühlen können. Doch ein zentrales Merkmal bleibt für Menschen reserviert: das „menschliche Denken“. Diese weit verbreitete Überzeugung könnte unsere Beziehung zu Tieren stärker prägen, als uns bewusst ist – von der Haustier- bis zur Massentierhaltung.
Dass Tiere fühlen, scheint unbestreitbar
Die Frage, ob Tiere denken und fühlen können, ist nicht nur philosophisch relevant – sie hat direkte Auswirkungen auf unseren Umgang mit Tieren. In westlichen Kulturen ist die Vorstellung vom „einzigartig menschlichen Geist“ tief verwurzelt. Während Grundgefühle wie Angst oder Freude oft auch Tieren zugeschrieben werden, werden komplexe geistige Fähigkeiten – etwa planvolles Denken oder moralisches Urteilsvermögen – meist nur dem Menschen zugetraut.
Frühere Studien zeigen, dass diese Unterscheidung kulturell geprägt ist und schon im Kindesalter entsteht. Dennoch mangelte es bislang an vergleichenden Untersuchungen über mehrere Kulturen hinweg. Diese Studie jedoch wollte genau dies ändern. Wie entwickeln sich Vorstellungen über tierisches Denken und Fühlen weltweit – und wie stark sind sie kulturell geprägt?
Im Zentrum der Studie standen daher zwei Fragen: 1) Haben Tiere Gedanken und Gefühle? 2) Sind diese Gedanken und Gefühle menschlich oder grundsätzlich anders? Befragt wurden 1025 Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 17 Jahren sowie 190 Erwachsene aus 33 Gemeinschaften weltweit. Um kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen, wurden die Interviews von lokalen Forschern in der jeweiligen Landessprache durchgeführt. Die Fragen waren offen formuliert, um kindliche Intuitionen zu erfassen. Die Studie wurde von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Leipzig unter der Leitung von Karri Neldner und Daniel Haun im Rahmen des Projekts „Children and Nature (CaN)“ durchgeführt. Sie wird im renommierten „Journal of Environmental Psychology“ in der Ausgabe für Februar 2026 veröffentlicht, ist aber zuvor schon online verfügbar.
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Kulturelle Unterschiede zeigen sich schon früh
Untersucht wurden mehr als 1200 Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus 33 urbanen und ländlichen Gemeinschaften in 15 Ländern – von Deutschland bis Namibia, von Indonesien bis Peru. Es ist die erste Studie dieser Art, die so viele Kulturen und Altersgruppen systematisch vergleicht.
Die meisten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen glauben, dass Tiere Gedanken und Gefühle haben. Für durchschnittlich 10,8-jährige Kinder betrug die geschätzte Wahrscheinlichkeit, „Ja“ zu antworten, 88 % für Gedanken und 97 % für Gefühle. Erwachsene zeigten mit über 94 % Zustimmung ein noch höheres Niveau.
Unterschiede gab es jedoch bei der Frage nach der Ähnlichkeit mit dem menschlichen Geist. Gedanken von Tieren wurden in allen Kulturen als grundsätzlich anders wahrgenommen – bereits bei den jüngsten Kindern. Nur 9 % der Kinder beschrieben tierische Gedanken als „menschlich“. Im Gegensatz dazu sagten 65 %, dass Tiere Gefühle haben wie Menschen.
Dabei unterschieden sich die Antworten in Bezug auf Gefühle je nach Kultur deutlich stärker. Kinder aus urbanen Gemeinschaften waren insgesamt eher bereit, Tieren mentale Fähigkeiten zuzuschreiben, als Kinder vom Land. Interessanterweise kehrte sich dieses Muster bei Erwachsenen um: Erwachsene aus ländlichen Gebieten sahen Tiere häufiger als geistig ähnlich zum Menschen an.
Von menschlicher Einzigartigkeit überzeugt
Die Studie zeigt: Der Glaube an die menschliche Einzigartigkeit scheint kulturübergreifend zu bestehen. Das könnte erklären, warum Tiere trotz wachsender Erkenntnisse über ihre Intelligenz und Emotionen oft noch immer als „anders“ oder „weniger wertvoll“ betrachtet werden.
Besonders das Denken wird als Grenze gesehen: Gefühle dürfen Tiere haben, Gedanken lieber nicht. Diese Unterscheidung hat Konsequenzen: Tiere, denen keine tiefergehenden Gedanken zugesprochen werden, erfahren seltener Mitgefühl, moralischen Schutz oder rechtliche Anerkennung. Umgekehrt könnten Gefühle eine Brücke zum Mitgefühl schlagen – ein Ansatz, den Bildung, Tierschutz und Umweltpolitik künftig stärker nutzen könnten.
Trotz der kulturellen Breite und methodischen Sorgfalt gibt es Einschränkungen bei der Studie. Die Zahl der Erwachsenen war pro Ort begrenzt (meist unter zehn), und die Interviews erfolgten durch verschiedene lokale Partner, was zu leichten methodischen Unterschieden geführt haben könnte. Zudem wurde nicht zwischen Tierarten unterschieden – ein Kind dachte möglicherweise an Hunde, ein anderes an Schlangen. Kritisch anzumerken ist auch, dass Begriffe wie „Gedanken“ und „Gefühle“ nicht in allen Sprachen dieselbe Bedeutung haben – was durch sorgfältige Übersetzungen abgemildert, aber nicht vollständig eliminiert wurde. 1
Verschiedene Kulturen denken gar nicht so anders über Tiere wie gedacht
„Gerade aus kulturwissenschaftlicher und tierethischer Perspektive ist diese Studie besonders faszinierend. Lange bin ich davon ausgegangen, dass die Abwertung von Tieren – die Vorstellung, sie seien weniger wertvoll oder uns grundsätzlich unterlegen – vor allem im Laufe der Erziehung erlernt wird und dass Kinder Tieren zunächst mit größerer Empathie begegnen. Die Ergebnisse legen jedoch eine andere Lesart nahe: Kinder weltweit sind sich schon sehr früh der Andersartigkeit von Tieren bewusst – nicht im Sinne einer Abwertung, sondern als intuitive Grenzziehung zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Sein.
Dass Tiere fühlen, scheint für Kinder wie Erwachsene nahezu selbstverständlich zu sein. Doch gerade das Denken bleibt dem Menschen vorbehalten – und zwar kulturübergreifend und erstaunlich stabil über die Altersgruppen hinweg. Empathie für Tiere ist demnach nicht automatisch gegeben, sondern muss offenbar aktiv weitergegeben, erklärt und vorgelebt werden. Tierschutz, so ließe sich schlussfolgern, entsteht nicht allein aus kindlicher Nähe zur Natur, sondern aus kultureller Vermittlung: durch Eltern, Bildung und gesellschaftliche Narrative.“