30. Oktober 2025, 17:24 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Inmitten der dramatischen Berichterstattung über Hurrikan Melissa kursieren derzeit auf Social Media verstörende Bilder – darunter Haie in überschwemmten Straßen oder Flugzeuge, die knapp über dem Auge des Sturms kreisen. Millionenfach geklickt, sehen viele dieser Videos täuschend echt aus. Doch sie haben eines gemeinsam: Sie sind komplett künstlich erstellt. Die Verbreitung solcher KI-generierter Inhalte wirft ernsthafte Fragen auf – nicht nur zur Glaubwürdigkeit, sondern auch zur öffentlichen Sicherheit. Außerdem schüren sie Angst vor sogenannten „Sharknados“. Eine Expertin erklärt in diesem PETBOOK-Artikel, wie wahrscheinlich ein solches Event ist.
Millionen Klicks für manipulierte KI-Clips
Seit der Hurrikan der Kategorie 5 am Dienstag, dem 28. Oktober 2025, auf Jamaika traf, verbreiten sich immer mehr täuschend echte KI-Videos auf Plattformen wie TikTok und Facebook. Viele erreichen Millionen Aufrufe, obwohl sie fiktive Szenarien zeigen, etwa Haie, die durch überflutete Straßen schwimmen, oder Schwimmbäder voller Raubfische.
Einige der Videos lassen sich leicht als KI-Inhalte identifizieren – sie tragen sichtbare Wasserzeichen von Tools wie OpenAIs Video-KI „Sora“ oder Googles Modell „VEO“. Doch viele andere wurden gezielt manipuliert: Die verräterischen Markierungen wurden abgeschnitten, verschwommen oder ganz entfernt – offenbar in der Absicht, Zuschauer zu täuschen.
TikTok löscht Inhalte – doch viele Videos bleiben online
Die Plattform TikTok versucht zwar, gegen die Flut an KI-Fälschungen vorzugehen – bislang mit begrenztem Erfolg. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hat das Unternehmen am Montag mehr als zwei Dutzend solcher Videos gelöscht. Trotzdem verbreiten sich viele weiterhin ungehindert und finden nach wie vor eine breite Zuschauerschaft. Das bereitet insbesondere den Behörden auf Jamaika Sorgen.
In einer Pressekonferenz am 27. Oktober betonte Jamaikas Informationsministerin Dana Morris Dixon laut AFP: „Ich bin in so vielen WhatsApp-Gruppen, und ich sehe all diese [KI-generierten] Videos. Viele davon sind gefälscht.“ Sie appellierte: „Und deshalb fordern wir Sie auf, bitte hören Sie auf die offiziellen Kanäle.“
Die Verbreitung solcher Inhalte kann also mehr als nur Verwirrung stiften – sie gefährdet im Ernstfall Menschenleben. Denn während Behörden um klare Kommunikation ringen, lenken gefälschte Sensationsvideos von wichtigen Warnhinweisen ab.
„Sharknado“ schürt Urängste
Denn viele Menschen haben bereits eine unbegründet große Angst vor Haien. Diese Angst wird von Filmen wie der „Weiße Hai“ oder den „Sharknado“-Trashfilmen weiter befeuert. Im Jahr 2013 flimmerte der erste Teil von „Sharknado“ über die TV-Bildschirme.
Ein Trashfilm, der schnell Kultstatus erreichte und eine so loyale Fangemeinde gewinnen konnte, dass noch fünf weitere Teile über den dramatischen Hai-Sturm – den man mit Motorsägen bekämpfen muss – gedreht wurden. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Ereignis eigentlich im realen Leben? PETBOOK hat eine Hai-Expertin befragt.
Haie werden bei schweren Stürmen an Land geschwemmt
Hai-Expertin Dr. Iris Ziegler von „Sharkproject International“ schätzt die Situation für PETBOOK ein. „Von Sharknado und ähnlichen Horrorfilmen gibt es leider mehr als man denken sollte. Tatsächlich kann es bei schweren Stürmen oder Tsunamis vorgekommen, dass Tiere aus den küstennahen Gewässern an den Strand gespült werden. Wie weit, hängt von vielen Faktoren ab, aber wohl eher strandnah. So wie bei ‚Sharknado‘ dargestellt aber sicher nicht.“
Es kam aber schon häufiger vor, dass Bullenhaie, die auch im Süßwasser leben, durch Stürme umgesiedelt wurden. 2017 berichteten mehrere Medien darüber, dass Bullenhaie nach einem tropischen Sturm in Australien an Land gespült wurden. Die Tiere wurden in Brackwasser und in Flutungsbecken entdeckt. 1 , 2
Außerdem berichtete unter anderem die „New York Times“ im September 2023 darüber, dass Bullenhaie viele Jahre in einem See auf einem Golfplatz gelebt hatten. Die Tiere wurden im Jahr 1996 durch Sturmfluten dort hineingespült. Dort lebten die Tiere 17 Jahre lang und ernährten sich von den Fischbeständen, oder Leckerbissen, die ihnen das Personal des Golfplatzes servierte. 3
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Bullenhai in Süßwasser „normales Phänomen“
Dr. Iris Ziegler erklärt PETBOOK, dass dies tatsächlich ein sehr „normales“ Phänomen sei, denn diese Haiart könne lange Zeit auch im Brackwasser oder zeitweise sogar im Süßwasser leben. „Das können nur wenige Haiarten und die Bullenhaie sind diesbezüglich die ‚Meister der Anpassung‘, weil sie ihren Salzhaushalt im Körper gemäß dem osmotischen Druck der Umgebung anpassen können.“
Das sei eine geniale Besonderheit der Natur, die es den Tieren ermögliche, zusätzliche Futterquellen/Lebensräume zu besetzen, weiß die Expertin PETBOOK zu berichten. Mehr zu diesem Thema lesen Sie in diesem Artikel: Einer der gefährlichsten Haie der Welt kann auch in Flüssen leben.
„Bitte nicht mit den Invasionsszenarien der Horrorfilme verwechseln“
Dr. Ziegler mahnt aber vor Panikmache, was die Wahrscheinlichkeit von Hai-Stürmen à la „Sharknado“ betrifft. „Das sollte man jetzt aber bitte nicht mit den Invasionsszenarien aus Horrorfilmen verwechseln“, findet sie. „Tatsächlich ist es andersherum und in Wahrheit sind wir Menschen die ‚Monster‘.“
Die Expertin berichtet PETBOOK weiter, dass jedes Jahr zwischen 63 und 273 Millionen Haie durch den Menschen – vor allem durch die Fischerei – sterben. „Unfälle mit Haien gibt es dagegen pro Jahr circa 10! Also wovor sollten wir wirklich Angst haben?“
Als weitaus dramatischer beschreibt die Expertin die Folgen des Haisterbens. „Denn ohne Haie brechen die Ökosysteme im Meer zusammen und ohne das Meer stirbt dieser Planet und wir alle.“ Bereits heute seien 37 Prozent aller bekannten Hai- und Rochenarten vom Aussterben bedroht und bei den Hochseehaien seien es sogar zwei Drittel aller bekannten Arten. „Außerdem haben wir in den letzten 50 Jahren über 70 Prozent der Haipopulationen verloren!“, betont Dr. Ziegler.
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Verlust von Haien ist der wahre Horror
Dr. Ziegler mahnt eindrücklich, dass dies die wahren „Horrorfakten“ seien. Zusätzlich zur Jagd würden Haie millionenfach als Beifang in der Fischerei auf andere Arten, wie Thunfisch und Schwertfisch und andere Hochseefischerei getötet. „Aber auch für die gute alte Scholle, Seezunge oder Dorsch.“
Vielleicht stellt sich daher in einigen Jahren nicht mehr die Frage, ob es wahrscheinlich ist, dass ein Hai-Sturm wie bei „Sharknado“ vorkommen könnte, sondern eher, ob es überhaupt noch Haie geben wird. „Aber das ist leider Realität und wenn wir jetzt nicht umgehend handeln und aufhören, Haie gezielt zu jagen, dann wird es schon in wenigen Jahrzehnten zu spät sein“, mahnt die Expertin. „Denn züchten kann man diese Haie nicht.“
So erkennen Sie gefälschte KI-Videos
Gerade in Krisenzeiten ist es daher entscheidend, Inhalte sorgfältig zu prüfen, bevor sie weiterverbreitet werden. Fachleute empfehlen dabei folgende Maßnahmen:
- Achten Sie auf sichtbare oder manipulierte Wasserzeichen – etwa unscharfe Ecken oder bearbeitete Bildbereiche, an denen ursprünglich ein Logo platziert war.
- Prüfen Sie die Quelle des Videos: Wer hat es veröffentlicht, und ist die Person oder Seite vertrauenswürdig?
- Lesen Sie Bildunterschriften kritisch: Formulierungen wie „unglaublich“ oder „man muss es gesehen haben“ sind typische Clickbait-Elemente.
- Vergleichen Sie den Inhalt mit aktuellen Berichten aus seriösen Nachrichtenquellen.
Mit einem wachsamen Auge lassen sich viele KI-Fakes von „Sharknados“ entlarven – und die Verbreitung von Fehlinformationen in ohnehin schwierigen Zeiten zumindest eindämmen.