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Affe „Punch“ berührte Millionen

Warum Tiere ihre Jungen verstoßen

Affenbaby sitzt alleine
Wenn Tiere Jungen verstoßen, stecken oft Stress oder Unerfahrenheit dahinter Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

28. Februar 2026, 12:27 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Ein Affenbaby klammert sich verzweifelt an ein Stofftier, während die eigene Mutter es nicht annimmt – Millionen Menschen reagieren erschüttert auf die Bilder von Makake Punch. Schnell steht eine Frage im Raum: Wie kann eine Mutter ihr Junges verstoßen? PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider erklärt, warum dieses Verhalten im Tierreich kein Zeichen von Grausamkeit ist, sondern oft einer klaren biologischen Logik folgt – und weshalb wir bei aller Empathie vorsichtig sein sollten, tierisches Verhalten vorschnell zu vermenschlichen.

Das Sinnbild von Einsamkeit

„Hang in there, Punch!“ – dieser Satz geht derzeit millionenfach durch die sozialen Medien. Gemeint ist ein kleiner Japanmakake, der in einem Zoo nahe Tokio geboren und kurz darauf von seiner Mutter nicht angenommen wurde. Videos zeigen ihn, wie er sich an einen Stoff-Orang-Utan klammert, während andere Makaken ihn durch das Gehege jagen oder grob behandeln. Für viele ist er das Sinnbild von Einsamkeit – aber auch von Widerstandskraft.1

Was besonders berührt: Affenbabys klammern sich normalerweise direkt nach der Geburt an das Fell ihrer Mutter. So bauen sie Muskeln auf und bekommen Sicherheit. Punch hatte diese Möglichkeit nicht. Pfleger versuchten es zunächst mit zusammengerollten Handtüchern – doch er entschied sich für ein Plüschtier. Inzwischen gibt es auch Aufnahmen, in denen ein anderer Affe ihn putzt. Ein vorsichtiges Zeichen, dass er seinen Platz in der Gruppe vielleicht doch noch findet.

Aber warum kommt es überhaupt dazu, dass eine Mutter ihr Jungtier verstößt?

Warum verstoßen Tiere ihre Jungen?

So hart es klingt: Im Tierreich geht es nicht um Moral, sondern um Überleben. Eine Mutter investiert enorme Energie in Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht. Wenn Ressourcen knapp sind oder die Bedingungen schlecht, muss sie – biologisch betrachtet – entscheiden, wo sich diese Investition „lohnt“. Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern ein instinktives, evolutionär gewachsenes Verhalten.2

Typische Gründe können sein:

  • Unerfahrenheit: Erstgebärende sind häufiger überfordert. Auch bei Punch war die Mutter zum ersten Mal Mutter.
  • Stress: Laut Zooangaben fiel die Geburt in eine Phase extremer Sommerhitze – ein erheblicher Belastungsfaktor.3
  • Gesundheitliche Probleme der Mutter: Schmerzen, Entzündungen oder Unterernährung können dazu führen, dass die Versorgung nicht möglich ist.
  • Schwäche oder Krankheit des Jungtiers: In der Natur konzentrieren Mütter ihre Ressourcen oft auf die stärkeren Nachkommen.
  • Mehrlinge: Große Pandas ziehen beispielsweise meist nur eines von zwei Jungtieren auf, weil sie schlicht nicht genug Milch für beide haben.

Aus evolutionsbiologischer Sicht dient dieses Verhalten der Arterhaltung. Eine geschwächte Mutter, die unter extremen Bedingungen versucht, alle Jungtiere durchzubringen, riskiert im schlimmsten Fall ihr eigenes Überleben – und damit zukünftige Fortpflanzung.

Das bedeutet nicht, dass Tiere „gefühllos“ sind. Aber ihre Prioritäten folgen anderen Regeln als unsere. Das geht so weit, dass manche Tiere ihre Jungen sogar fressen, wenn es die Not erfordert.

Werden Jungtiere verstoßen, weil man sie berührt hat?

Ein Mythos hält sich hartnäckig: Wenn ein Mensch ein Jungtier anfasst, nimmt die Mutter es nicht mehr an. Vor allem in Zusammenhang mit Vögeln hört und liest man diese Behauptung. Doch das stimmt so pauschal nicht.

Vögel besitzen meist nur einen schwach ausgeprägten Geruchssinn. Und auch bei vielen Säugetieren reicht menschlicher Geruch allein nicht aus, um die Mutter-Kind-Bindung zu zerstören. Fachleute kennen keine Tierart, die ihr Junges ausschließlich wegen menschlicher Berührung verstößt.

Wenn es nach Eingriffen tatsächlich zur Ablehnung kommt, liegen die Ursachen mehrheitlich woanders: Das Jungtier war zu lange getrennt, die Situation bedeutete enormen Stress oder die Mutter war ohnehin an ihrer Belastungsgrenze.

Ausnahme Rehkitze

Eine Ausnahme sind Kitze und Hasen. Haftet menschlicher Geruch am Nachwuchs, verstoßen Ricke oder Häsin ihr Junges – und es muss verhungern, wie Torsten Reinwald, Pressesprecher des Deutschen Jagdverbandes (DJV) auf der Webseite des DJV erklärt. Aus diesem Grund nutzen Tierschützer bei der Rettung von Rehkitzen Handschuhe und Gras, in das sie das Jungtier wickeln, wenn sie es behandeln.

Verstoßen oder vorübergehend verlassen?

Nicht jedes Jungtier, das allein ist, ist automatisch verstoßen worden. Rehkitze liegen stundenlang reglos im Gras, während die Mutter frisst. Hasenmütter säugen ihre Jungen nur ein- bis zweimal täglich. Auch viele Vogelarten verlassen zeitweise das Nest.

Der Grund ist simpel: Würde die Mutter dauerhaft beim Nachwuchs bleiben, würde sie Fressfeinde direkt dorthin führen. Bevor man also beherzt eingreift, sollte man ein Jungtier über einen längeren Zeitraum beobachten. Nur wenn das Tier offensichtlich geschwächt wirkt oder verletzt ist, sollte man Fachleute kontaktieren.

Auch bei Punch wurde das Verhalten der anderen Makaken schnell als „Mobbing“ bezeichnet. Primatologen betonen jedoch: In streng hierarchischen Makaken-Gruppen gehören Rangordnungs-Interaktionen zum normalen Sozialverhalten. Ohne Mutter fehlt Punch allerdings ein wichtiger sozialer Schutz und Lernpartner.4

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Sollte man verstoßenen Jungtieren helfen?

Unser Impuls ist klar: Natürlich wollen wir helfen. Und ja – in manchen Fällen rettet menschliches Eingreifen Leben. Doch meist sind solche Fälle komplexer, als sie anfangs scheinen.

Wildtiere haben hochspezialisierte Bedürfnisse:

  • artspezifische Nahrung
  • soziale Lernprozesse
  • Bindung an Artgenossen

Handaufzuchten können problematisch sein. Studien zeigen etwa, dass von Menschen aufgezogene Menschenaffen häufiger Verhaltensauffälligkeiten entwickeln und später selbst Schwierigkeiten bei der Jungenaufzucht haben.5

Deshalb gilt in der Natur:

  • Abstand halten
  • Situation beobachten und einschätzen
  • im Zweifel Wildtierstation oder die Tierrettung kontaktieren

Unüberlegtes Mitnehmen oder Füttern kann mehr schaden als nutzen. Im Fall von Punch versucht der Zoo, ihn behutsam in die Gruppe zu integrieren, was teilweise bereits gelungen ist.6

Fazit

Der kleine Punch rührt uns, weil wir uns in ihm wiedererkennen. Weil wir Trost, Nähe und Schutz als zutiefst menschliche Bedürfnisse verstehen – und sie bei ihm zu sehen glauben. Doch wenn Tiermütter ihre Jungen verstoßen, geschieht das in der Regel nicht aus Grausamkeit. Es ist ein biologischer Mechanismus, der unter bestimmten Bedingungen greift.

Das heißt nicht, dass uns solche Bilder kaltlassen müssen. Aber es hilft, sie einzuordnen.

Quellen

  1. zeit.de, „Wie ein kleiner Affe zum Meme-Phänomen wird“ (aufgerufen am 27.02.2026) ↩︎
  2. thedodo.com, „When Captive Animals Abandon Their Babies, This Dog Steps In“ (aufgerufen am 27.02.2026) ↩︎
  3. peta.de, „Tierbabys im Zoo: Verstoßene Tierkinder und Handaufzuchten“ (aufgerufen am 27.02.2026) ↩︎
  4. theguardian.com, „The tragedy of Punch the monkey: why do mother animals abandon their offspring?“ (aufgerufen am 27.02.2026) ↩︎
  5. huntsmanwildlife.com, „"Abandoned" Baby Animals - Intervening or Interfering“ (aufgerufen am 27.02.2026) ↩︎
  6. nationalgeographic.com, „How to tell if a wild baby animal needs your help—and what to do about it“ (aufgerufen am 27.02.2026) ↩︎ ↩︎

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