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Von Hamster bis Spinne

Warum Kannibalismus im Tierreich keine Ausnahme ist

Gottesanbeterin
Gottesanbeterinnen sind ein bekanntes Beispiel für sexuellen Kannibalismus im Tierreich, denn oft frisst das Weibchen nach der Paarung das Männchen auf. Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

19. Februar 2026, 6:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Kannibalismus ist für uns Menschen ein Tabu-Thema. Viele reagieren daher irritiert, wenn sie hören, dass Tiere ihre eigenen Artgenossen fressen. Doch im Tierreich ist Kannibalismus weit verbreitet – und in vielen Fällen sogar evolutionär sinnvoll. PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider erklärt, warum Fische ihre Geschwister schon im Mutterleib fressen, weshalb selbst Pflanzenfresser wie Kaninchen manchmal zu Aas greifen und warum dieses Verhalten nichts mit „Grausamkeit“ zu tun hat.

Was zählt als Kannibalismus?

Biologisch ist die Definition klar: Kannibalismus bedeutet, dass ein Tier ein Individuum derselben Art frisst. Ein Hecht, der eine Forelle frisst, ist ein Räuber. Frisst er jedoch einen kleineren Hecht, spricht man von Kannibalismus.1

Fachlich wird zwischen zwei Formen unterschieden:2

  • Aktiver Kannibalismus: Das Tier jagt und tötet gezielt einen Artgenossen, um ihn zu fressen.
  • Passiver Kannibalismus: Ein Tier frisst einen bereits toten Artgenossen – also Aas.

Daneben gibt es besondere Ausprägungen, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen:

  • Sexueller Kannibalismus (etwa bei Spinnen oder Gottesanbeterinnen)
  • Kainismus (Geschwistertötung, meist unter Jungtieren)
  • Infantizid (Tötung von Jungtieren)
  • Intrauteriner Kannibalismus (wenn Embryonen bereits im Mutterleib ihre Geschwister fressen)

Wichtig ist: All diese Formen sind keine „Fehlentwicklungen“ oder Verhaltensstörungen, sondern in vielen Fällen evolutionär erklärbar.

Welche Tiere betreiben Kannibalismus?

Kurz gesagt: oft mehr, als man denkt. Ich habe mich hier auf eine grobe Auswahl mit besonders interessanten Beispielen beschränkt.3

Fische – Kannibalismus als „Alltag“

Vor allem bei Fischen ist Kannibalismus weit verbreitet. Bei Hechten oder Flussbarschen werden große Teile der Jungtiere von älteren Artgenossen gefressen. Das klingt dramatisch – ist aber Teil der natürlichen Bestandsregulation.

Besonders spektakulär ist der intrauterine Kannibalismus bei Sandtigerhaien: Mehrere Embryonen entwickeln sich im Mutterleib, doch die zuerst geschlüpften Jungtiere fressen ihre Geschwister. Am Ende kommt pro Gebärmutter meist nur ein kräftiger Jungfisch zur Welt – mit deutlich besseren Überlebenschancen.4

Amphibien – wenn aus Kaulquappen Räuber werden

Bei bestimmten Schaufelfußkröten entwickeln manche Kaulquappen unter engen Bedingungen kräftigere Kiefer und werden zu Kannibalen. Der Vorteil: Sie wachsen schneller und schaffen es eher, sich zu verwandeln, bevor ihr Gewässer austrocknet.

Reptilien und Vögel – Konkurrenz im eigenen Nest

Auch Schlangen, Warane oder Alligatoren fressen gelegentlich kleinere Artgenossen. Daher wird etwa Schlangenhaltern empfohlen, Nachwuchs möglichst bald zu trennen. Ist eines der Geschwistertiere etwas kleiner, ist die Gefahr groß, dass es einfach als Beute identifiziert und gefressen wird.

Bei Vögeln ist vor allem der sogenannte Kainismus bekannt: Beim Bartgeier etwa attackiert das erstgeschlüpfte Küken sein jüngeres Geschwister. Besonders bei Nahrungsmangel überlebt so zumindest ein Jungtier sicher.

Auch viele Säugetiere betreiben Kannibalismus

Selbst bei Säugetieren kommt Kannibalismus vor. Löwenmännchen töten Jungtiere, die nicht von ihnen stammen. Dadurch werden die Weibchen schneller wieder paarungsbereit – ein klarer reproduktiver Vorteil.5

Auch bei Nagetieren oder Eisbären kann es bei Nahrungsmangel vorkommen, dass Jungtiere getötet und gefressen werden. So fressen viele Hamster ihre Jungtiere, wenn die Bedingungen nicht stimmen. Vor allem Hamster, die in unpassenden Gehegen gehalten werden, können dieses Verhalten zeigen.

Und selbst vermeintliche Pflanzenfresser überraschen: So wurden Schneeschuhhasen im kanadischen Winter dabei beobachtet, Kadaver – auch die eigene Art – zu fressen. Protein ist in extremen Wintern eben eine wertvolle Ressource.6

Warum fressen manche Tiere ihre Artgenossen?

So hart es klingt: In den meisten Fällen ist die Antwort schlicht Überleben.

1. Nahrungsmangel

Wenn Ressourcen knapp sind, wird ein Artgenosse zur verfügbaren Energiequelle. Das ist keine „Grausamkeit“, sondern Energiemanagement.

2. Konkurrenzreduktion

Weniger Konkurrenten bedeuten mehr Nahrung und bessere Chancen für den eigenen Nachwuchs. Bei Schwarzschwanz-Präriehunden etwa töten Weibchen mitunter die Jungen naher Verwandter – um die Überlebenschancen der eigenen Jungtiere zu erhöhen.

3. Populationskontrolle

Computermodelle zeigen: Wenn mehr Jungtiere geboren werden, als versorgt werden können, kann das Fressen einiger Nachkommen dazu führen, dass zumindest ein Teil überlebt – statt dass alle verhungern.7

4. Fortpflanzungsvorteile

Beim sexuellen Kannibalismus profitieren Weibchen von zusätzlichen Nährstoffen. Bei der Australischen Rotrückenspinne zeigen Studien sogar, dass gefressene Männchen mehr Nachkommen zeugen als jene, die entkommen.

5. Energie zurückgewinnen

Bei manchen Schlangen fressen Mütter ihren toten Nachwuchs – vermutlich um investierte Energie zurückzugewinnen und schneller erneut reproduktionsfähig zu sein.

Gibt es auch Tiere, die immer Kannibalen sind?

„Immer“ ist in der Biologie ein großes Wort. Einige Arten – etwa viele Raubfische oder bestimmte Spinnen – zeigen Kannibalismus sehr regelmäßig. Doch meist ist das Verhalten situationsabhängig. Es tritt vor allem bei hoher Populationsdichte, Stress oder Nahrungsmangel auf.

Selbst der intrauterine Kannibalismus der Haie ist kein Zufallsprodukt, sondern eine klar etablierte Fortpflanzungsstrategie. Da sie nur im Mutterleib und vor der eigentlichen Geburt stattfindet, kann man also nicht sagen, dass diese Haie von Natur aus Kannibalen seien.

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Gibt es Kannibalismus unter Haustieren?

Ja – allerdings meist unter besonderen Umständen. Bei Mäusen oder Hamstern kann es vorkommen, dass Muttertiere ihren Nachwuchs fressen. Häufige Auslöser sind Stress, Störungen am Nest, Erkrankungen der Jungtiere oder Nahrungsmangel.8

Auch bei Hunden oder Katzen kann es in Ausnahmefällen dazu kommen, dass Jungtiere gefressen werden. Viel öfter jedoch kommt es vor, dass Elterntiere ihr Jungen töten oder schwer verletzen. So gibt es immer mal wieder Vorfälle, bei denen Mutterkatzen statt der Nabelschnur dem Kätzchen den Schwanz oder ein Bein abbeißen. Das sind aber seltene Ausnahmefälle.

Auch bei Aquarienfischen ist Kannibalismus nicht ungewöhnlich – vor allem bei Arten ohne ausgeprägte Brutpflege.

In der intensiven Tierhaltung können Stress und hohe Besatzdichten problematisches Verhalten fördern, etwa Schwanzbeißen bei Schweinen oder Federpicken bei Hühnern. Hier handelt es sich jedoch meist um stressbedingte Fehlentwicklungen unter unnatürlichen Bedingungen. Unter artgerechten Haltungsbedingungen ist Kannibalismus bei Haustieren eher die Ausnahme.

Fazit: Drastische, aber effektive Überlebensstrategie

Kannibalismus im Tierreich ist kein Ausdruck von Bosheit oder eine Verhaltensstörung. Er ist eine Strategie. Eine manchmal drastische – aber oft effektive.

Ob zur Sicherung von Energie, zur Reduktion von Konkurrenz oder zur Verbesserung des Fortpflanzungserfolgs: Hinter dem Verhalten steckt in den meisten Fällen ein klarer evolutionärer Nutzen.

Quellen

  1. spektrum.de, „Kannibalismus“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  2. grin.com, „Kannibalismus im Tierreich. Warum Tiere ihre Artgenossen verzehren“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  3. tierwelt.ch, „Wenn sich Tiere zum Fressen gern haben“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  4. nationalgeographic.de, „5 tierische Kannibalen“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  5. spektrum.de, „Scheinfriede im Löwenrudel“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  6. nationalgeographic.de, „Kamerafalle offenbart: Hasen sind Fleischfresser und Kannibalen“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  7. welt.de, „Kannibalismus hat einen praktischen Hintergrund“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎
  8. bionity.com, „Kannibalismus“ (aufgerufen am 18.02.2026) ↩︎

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