10. September 2025, 6:21 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In einer der geheimnisvollsten Regionen unserer Erde – über 4000 Meter unter der Meeresoberfläche – haben Forscher gleich drei neue Arten von Tiefseeschneckenfischen entdeckt. Diese erstaunlichen Fische leben in völliger Dunkelheit und unter enormem Druck. Nicht nur deshalb erinnert eines davon an kräftige kleine Monster, die in bekannten Videospielen vorkommen. Die Entdeckung dieser Arten gibt einen Einblick in die Welt der „Tiefsee-Pokémon“ und zeigt, wie vielfältig das Leben in den extremsten Lebensräumen ist.
Knuffiges Tiefseetier erinnert an Pokémon
Ein Forschungsteam der State University of New York at Geneseo, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Montana und Hawaii, hat drei neue Schneckenfische mit eigenwilligen Körperformen entdeckt. Einer davon sorgt für besondere Entzückung. Er ist rosa, hat Superkräfte wie Saugscheiben, verfügt über Druckunempfindlichkeit und fleischige Sensoren. Kurzum: er sieht aus wie ein Wasser-Pokémon.
Was wie pure Fantasie klingt, ist Realität – Careproctus colliculi, der „Bumpy Snailfish“, ist eine der drei neuen Arten, die Forscher im Ostpazifik gefunden haben. Sie zeigen, wie erstaunlich vielfältig das Leben in der Tiefsee wirklich ist – und wie viel dort noch unentdeckt schlummert.
Tiefsee-Pokémon weitgehend unerforscht
Schneckenfische der Familie Liparidae sind weltweit verbreitet und besiedeln Lebensräume von der Küste bis in Tiefen von über 8000 Metern. In flacheren Gewässern nutzen sie ihre bauchseitige Saugscheibe, um sich an Felsen festzuhalten. Diese Eigenschaft, die ihnen ihren englischen Namen „snailfish“ im Deutschen den weniger eleganten Namen Scheibenbauch eingebracht hat.
In der Tiefsee jedoch sind viele ihrer biologischen Merkmale noch weitgehend unerforscht. Bislang wurden kaum Fische aus der sogenannten abyssalen Zone (3000–6000 m Tiefe) dokumentiert. Es wurde vermutet, dass dies eher an mangelnder Beprobung liegt als an einem tatsächlichen Fehlen von Arten. Die nun vorgestellte Studie füllt diese Lücke, indem sie zeigt, dass Schneckenfische sehr wohl in der Abyss leben – und dort eine erstaunliche Vielfalt zeigen.
Die Fische leben in völliger Dunkelheit und unter enormem Druck, wie die Forscher in der Zeitschrift „Ichthyology & Herpetology“ (Band 113, Nr. 3, 2025) schreiben. Die Entdeckung basiert auf Funden aus über 3000 Metern Tiefe, die mithilfe von bemannten und ferngesteuerten Tiefsee-U-Booten gesammelt wurden. Die drei neuen Arten – Careproctus colliculi, Careproctus yanceyi und Paraliparis em – zeigen nicht nur äußerliche, sondern auch genetische Unterschiede zu allen bisher bekannten Schneckenfischen. Ihre Beschreibung erweitert unser Wissen über die Artenvielfalt in der Tiefsee deutlich.
Auch interessant: Wie überleben Tiere in der Tiefsee?
Die 7 gruseligsten Tiefseefische
Tiefseetiere im Marianengraben haben alle dieselbe Mutation
Wie die drei neuen Arten aussehen
Bereits im Jahr 2019 sammelten Forscher mit Tauchbooten die Einzelexemplare aus Tiefen zwischen 3268 und 4119 Metern. Die Tiere wurden per Saugvorrichtung eingesammelt und anschließend genetisch und morphologisch untersucht. Dazu gehörten unter anderem DNA-Analysen (COI-Gen und 16S rRNA), Mikro-CT-Scans sowie klassische morphologische Vermessungen. Die Studienobjekte wurden mittlerweile in Museumssammlungen überführt und dienen nun als Holotypen der neu beschriebenen Arten.
Die Forscher beschrieben drei neue Arten:
- Careproctus colliculi („Bumpy Snailfish“) ist rosa gefärbt, besitzt auffällige fleischige Hautbeulen am Kopfund eine große Saugscheibe. Er hat 22 Brustflossenstrahlen (mit auffällig verlängerten oberen Strahlen) und acht Schwanzflossenstrahlen. Genetisch gehört er zur sogenannten Osteocareprocta-Klade und ist eng verwandt mit Arten aus der Antarktis.
- Careproctus yanceyi („Dark Snailfish“) ist vollständig schwarz, hat eine moderate Saugscheibe (<3 % der Körperlänge), ein kleines Kiemenloch über der Brustflosse und einfache Zähne. Er unterscheidet sich genetisch so stark, dass er vermutlich eine eigene Klade innerhalb der Familie Liparidae darstellt.
- Paraliparis em („Sleek Snailfish“) hat einen langgestreckten, schwarzen Körper, keine Saugscheibe, fünf Kiemenbogenstrahlen (statt sechs, wie üblich), eine schräg stehende Kieferlinie, nur einen Pektoralradialknochen und ein sehr kleines Kiemenloch. Genetisch ist er eng mit Paraliparis wolffi verwandt – einer Art aus dem Indischen Ozean.
Jede der neuen Arten zeigt sowohl genetisch als auch morphologisch klare Abgrenzungen zu bisher bekannten Schneckenfischen. Ihre Entdeckung deutet auf bisher übersehene Vielfalt in der Tiefsee hin.
Kryptische Tiefseearten müssen besser erforscht werden
Diese Funde liefern gleich mehrere wichtige Erkenntnisse: Erstens belegen sie, dass Schneckenfische auch in abyssalen Tiefen heimisch sind – ein Lebensraum, der bislang kaum beprobt wurde. Zweitens zeigen die genetischen Analysen, dass einige dieser Arten enge Verwandtschaften zu antarktischen oder tiefseeischen Arten aus anderen Ozeanen aufweisen. Dies könnte auf evolutionäre Verbreitungswege aus polaren Regionen hindeuten.
Drittens illustriert die Entdeckung sogenannter „kryptischer Arten“ – äußerlich ähnlich, genetisch verschieden – wie wichtig es ist, Tiefseefauna nicht nur visuell, sondern auch genetisch zu erfassen. Dies hat direkte Konsequenzen für unser Verständnis der Lebensrealität am Meeresboden und der Evolution mariner Lebewesen.
Careproctus colliculi, Careproctus yanceyi und Paraliparis em sind drei neue Puzzlestücke im Bild der marinen Biodiversität. Und auch ein Beleg dafür, dass die Tiefsee noch viele Überraschungen bereithält. Wer sich für bizarre Kreaturen und die Extreme des Lebens interessiert, findet in diesen Fischen mehr als nur wissenschaftliche Objekte. Sie sind reale Beispiele dafür, wie fremdartig und faszinierend das Leben in der Tiefsee sein kann. Ihre Entdeckung mahnt: Die Welt weit unter der Meeresoberfläche verdient unsere Aufmerksamkeit – biologisch, ökologisch und technologisch. 1