15. August 2025, 17:14 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Während einige nicht wahrhaben wollen, dass sich der Sommer dem Ende nähert, können andere den Beginn des Herbstes, die tieferen Temperaturen sowie die Gruselstimmung der dunkleren Tage kaum erwarten. In einigen Bundesstaaten der USA sorgen dafür jedoch keine Halloween-Horrorfilme, sondern Tausende von Texas-Taranteln und anderen Vogelspinnen, die sich ab Ende August jedes Jahr vermehrt zeigen.
Taranteln nutzen den Herbst zur Paarung
Gehören Sie auch zu denjenigen, die spätestens Ende August die orange Deko aus dem Keller holen und praktisch nichts mehr außer Produkten mit „Pumpkin Spice“ konsumieren? In den sozialen Medien ist der Herbst längst angekommen – und in den USA gehört dazu auch das große Krabbeln: Besonders auffällig ist das Verhalten der Braunen Texas-Tarantel (Aphonopelma hentzi), die gemeinsam mit rund 28 weiteren Arten in bis zu 15 US-Bundesstaaten zum Sommerende in Erscheinung tritt.
Denn sobald im Spätsommer hohe Temperaturen auf erste Regenfälle treffen, beginnt die Paarungszeit der Taranteln – und mit ihr eine gut sichtbare Wanderung durch Wüstenregionen und über Straßen. „Sie warten in der Regel auf den ersten herbstlichen Regen – sie reagieren sehr auf die spätsommerliche Wärme und die zunehmende Feuchtigkeit“, erklärt Dan McCamish, leitender Umweltwissenschaftler bei California State Parks, gegenüber „USA Today“. „Wenn man Glück hat, kann man sie zu bestimmten Jahreszeiten manchmal in Scharen über die Straßen ziehen sehen.“
Warum sich die Taranteln auf den Weg machen
Taranteln kommen in freier Wildbahn in 15 US-Bundesstaaten vor: Washington, Oregon, Kalifornien, Nevada, Utah, Arizona, Colorado, New Mexico, Nebraska, Oklahoma, Texas, Missouri, Arkansas, Louisiana und Florida. Außerhalb der Paarungszeit bleiben die Tiere meist verborgen, da sie nachtaktiv sind und in ihren selbstgegrabenen Bauten leben. Während der Brutsaison jedoch, die sich meist von Ende August bis Oktober erstreckt, begeben sich die Männchen auf eine intensive Partnersuche.
Besonders häufig hört man in dem Zusammenhang von der jährlichen Wanderung der Braunen Vogelspinne, die sich im Herbst in acht Bundesstaaten der USA sowie in Mexiko vermehrt zeigt. Diese Spinne kennt man unter vielen verschiedenen Bezeichnungen. Unter anderem streiten sich Texas, Oklahoma und Missouri darum, wer der Tarantel denn nun ihren Namen geben darf. Am bekanntesten ist sie jedoch unter der Bezeichnung „Braune Texas-Tarantel“. Sie ist eine der häufigsten Vogelspinnen in den südlichen Bundesstaaten der USA und tritt wie alle anderen Arten im Spätsommer ihre Wanderung an.
Übrigens: Eigentlich handelt es sich bei allen hier genannten Tieren um Vogelspinnen, nicht um Taranteln. Die genauen biologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Spinnentieren und warum man sie trotzdem häufig einfach „Tarantel“ nennt, können Sie in diesem Artikel nachlesen: Vogelspinne oder Tarantel – gibt es einen Unterschied?
Weibchen sind eher am Bau anzutreffen
Die Texas-Tarantel und die weiteren nordamerikanischen Spinnentiere begeben sich jährlich auf Wanderschaft, weil „die männlichen Vogelspinnen um diese Jahreszeit auf der Suche nach einem Partner sind“, sagt Dr. Andrine Shufran von der Oklahoma State University in einer Pressemitteilung. Denn die Leiterin des „Insect Adventure“-Erlebniszentrums weiß: „Die Paarungszeit wird von der Temperatur und dem Mikroklima bestimmt. Sie kann früher oder später stattfinden, weil die Männchen auf die richtige Situation und die richtigen Signale warten, um sich auf den Weg zu machen, aber normalerweise dauert die Paarungszeit von Ende August bis Oktober.“ In dieser Brutsaison umwerben sie dann bis zu 100 Weibchen auf einmal.
Daher sieht man häufig Männchen auf Partnersuche, denn die Weibchen bleiben meist in ihren Bauten. Den männlichen Taranteln bleibt nur sehr wenig Zeit, um sich fortzupflanzen. Haben sie einmal die Geschlechtsreife erreicht, leben sie nur noch ein paar Monate. In dieser kurzen Zeit müssen sie so viele Weibchen wie möglich begatten und dafür sehr viel laufen. Denn die weiblichen Taranteln bleiben in ihren Höhlen und locken die Männchen mithilfe von Pheromonen zu sich. 1
Laut der Organisation Los Padres Forest Watch leben in den USA insgesamt 29 verschiedene Tarantelarten, zehn davon allein in Kalifornien. Ein Weibchen kann zwischen 700 und 1000 Eier legen, die nach etwa sechs bis neun Wochen schlüpfen. Wenn man auf eine Tarantel träfe, die in ihrem Bau sitzt, oder auf einem Loch, dann sei es wahrscheinlich ein Weibchen, das auf Männchen zur Paarung warte, erläutert McCamish.
Taranteln sind scheu, aber wehrhaft
Wer sich nun aber an Horrorfilme mit Spinnenattacken erinnert fühlt, der kann beruhigt sein. Aphonopelma hentzi und die anderen nordamerikanischen Taranteln messen nur wenige Zentimeter und gelten trotz ihres bedrohlichen Aussehens eher als friedfertige Tiere. Nur ihre bis zu 15 Zentimeter langen Beine bringen sie etwa auf Handtellergröße. Daher sind sie bei weitem nicht so riesig wie die größte Spinne der Welt – und auch eher scheu, wenn sie auf Menschen treffen.
„Taranteln können zwar zubeißen, wenn sie sich bedroht fühlen, aber sie laufen am ehesten weg“, sagt Dr. Shufran weiter. Wenn es keine andere Möglichkeit gebe, stellten sie sich auf ihre vier Hinterbeine und zeigten ihre Reißzähne. „In der Regel trennen sich dann die Wege von Spinne und Mensch, ohne dass jemand verletzt wird. Als letzten Ausweg beißen Taranteln jedoch auch zu.“ Doch dieser Biss ist nur dann gefährlich, wenn man allergisch darauf reagiert. In der Regel reicht ein Kühlpack, um einen Biss der Texas-Tarantel zu behandeln.
Vogelspinne oder Tarantel – gibt es einen Unterschied?
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Texas-Tarantel errichtet Schutzschild mit Brennhaaren
Wer also eine männliche Tarantel einfach ihrer Wege gehen lässt, sollte kein Problem mit den Tieren bekommen. Allerdings gibt es auch Spinnenfreunde, die versuchen, die flauschig aussehenden Taranteln zu streicheln. Oder sogar einzufangen, um sie im heimischen Terrarium zu halten.
Davon kann man jedoch nur abraten, denn insbesondere die Texas-Tarantel verfügt neben dem Biss noch über eine sehr effektive Verteidigungsstrategie. Was sie flauschig aussehen lässt, sind Reiz- oder Brennhaare, die sie als Abwehrmechanismus benutzen. „Wenn sie gestört werden, setzen sie diese Juckhaare frei, indem sie ihre beiden Hinterbeine an den Haaren reiben und so eine Art Kraftfeld erzeugen“, so Shufran. „Die Haare werden durch die Luftbewegung transportiert und jucken Menschen und Tiere ungemein. Man kann den Stresspegel einer Vogelspinne leicht daran erkennen, wie kahl der Juckreizfleck ist.“
Warum Taranteln wichtig fürs Ökosystem sind
Doch nicht nur deshalb sollte man die scheuen Tiere nicht stören oder gar aus der Natur entfernen. Denn wie viele andere Wildtiere leiden sie unter Habitatsverlusten durch Besiedlung und Landwirtschaft. Sie verlieren mehr und mehr Rückzugsorte, wo sie nicht von Menschen gestört werden und ihre Rolle im Ökosystem übernehmen könnten. Gerade zur Wanderungszeit werden sie zudem häufig überfahren oder die entspannteren Männchen für Heimtierhandel und -zucht gewildert.
Taranteln erfüllen als Bodenbewohner eine wichtige Funktion im Ökosystem. Sie sind effektive Jäger und helfen dabei, das Gleichgewicht in der Insektenwelt aufrechtzuerhalten. Auf ihrem Speiseplan stehen unter anderem Käfer, Heuschrecken, Grillen und kleinere Spinnenarten. Indem sie diese Populationen kontrollieren, verhindern sie Überpopulationen und tragen zur Artenvielfalt bei.
Zugleich sind Taranteln selbst eine Nahrungsquelle für zahlreiche andere Tiere – darunter Schlangen, Vögel, Säugetiere wie Spitzmäuse oder auch bestimmte Wespenarten, die sich auf Spinnen spezialisiert haben. Ihr Rückzug oder gar Verschwinden hätte also spürbare Auswirkungen auf mehrere Nahrungsketten. Umso wichtiger ist es, die scheuen Tiere nicht nur zu respektieren, sondern auch ihre Lebensräume zu schützen.
