11. September 2026, 16:18 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
Was könnte gruseliger sein als eine Schlange mit einer „Spinne“ am Schwanz? Bei der Spinnenschwanzviper ist der bizarre Anblick eine raffinierte Jagdstrategie. Sie bewegt ihre Schwanzspitze so geschickt, dass Vögel darin leichte Beute erkennen und sich nähern. Dann schlägt die getarnte Viper zu. Forscher haben die außergewöhnliche Jagdwaffe nun erstmals genauer untersucht.
Diese Schlange trägt eine „Spinne“ am Schwanz
Die Spinnenschwanzviper (Pseudocerastes urarachnoides) hat eine der ungewöhnlichsten Jagdwaffen im Tierreich. Ihre Schwanzspitze ist verdickt und von langen, hängenden Schuppen umgeben. Diese sehen zusammen aus wie der Körper und die Beine einer Spinne. Bewegt die Schlange ihren Schwanz über den Boden, wirkt es tatsächlich so, als würde dort eines der achtbeinigen Tiere krabbeln. Die Schlange ist unterdessen dank ihrer Färbung zwischen den Felsen gut getarnt.
Für Vögel sieht die bewegte Schwanzspitze wie leichte Beute aus, die sich als tödliche Falle entpuppt. Denn kommen sie nah genug heran, schnappt die Viper zu. Forscher nennen dieses Verhalten „caudal luring“, also Schwanzködern.
Im Inneren ist der Schwanz erstaunlich unspektakulär
Ein Forschungsteam um Georgios L. Georgalis, Kacper Węgrzyn und Sara Ruane untersuchte nun, wie der außergewöhnliche Schwanz im Inneren aufgebaut ist. Die Studie erschien am 10. September 2026 im Fachjournal „The Anatomical Record“. Mithilfe von Mikro-Computertomografie untersuchten sie das Skelett des sogenannten Holotypus.
Die Aufnahmen zeigten die gesamte Wirbelsäule, vor allem die Wirbel im hinteren Körper- und Schwanzbereich. Bei einem so ungewöhnlichen Schwanz hätten die Forscher auch einen besonderen Knochenbau erwartet. Doch überraschenderweise war davon nichts zu sehen. Unter den spinnenartigen Schuppen fanden sie keinen zusätzlichen Knochen, der die „Beine“ stützen könnte. Die ungewöhnliche Form entsteht also vor allem durch die Schuppen und das Gewebe rund um den Schwanz. Die Knochen darunter sind dagegen erstaunlich normal.
Das zeigt, wie wenig sich das Aussehen eines Tieres manchmal anhand seines Skeletts erkennen lässt. Würden Forscher nur die Wirbel dieser Schlange finden, könnten sie kaum erahnen, dass sie einen solchen Spinnenköder am Schwanz trägt.
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Lange hielten Fachleute den Schwanz für eine Fehlbildung
Auch die Entdeckungsgeschichte der Spinnenschwanzviper ist ungewöhnlich. Bereits 1968 wurde ein Exemplar gesammelt und in die Bestände des Field Museum in Chicago aufgenommen. Die auffällige Schwanzspitze hielten Fachleute zunächst für eine mögliche Fehlbildung, einen Tumor oder die Folge eines Parasitenbefalls.1
Erst nachdem 2003 ein weiteres Tier mit einem ähnlichen Schwanz gefunden wurde, untersuchten Wissenschaftler das alte Exemplar erneut. 2006 wurde die Spinnenschwanzviper schließlich als eigene Art beschrieben. Spätere Aufnahmen aus der Natur zeigten, dass der seltsame Schwanz kein krankhafter Zufall, sondern eine hoch spezialisierte Jagdwaffe ist.
Wo lebt die Spinnenschwanzviper?
Die Art kommt im Westen des Irans und im angrenzenden Osten des Iraks vor. Nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN wurde sie an mehreren Orten im Zagrosgebirge nachgewiesen. 2022 stufte die IUCN die Spinnenschwanzviper als „potenziell gefährdet“ ein.
Als mögliches Risiko nennt die Organisation unter anderem die illegale Entnahme für den Tierhandel. Der außergewöhnliche Schwanz könnte die Art für Sammler besonders interessant machen.
Ihre Tarnung macht die Viper ohnehin schwer zu entdecken. Zwischen Steinen verschwimmt ihr gemusterter Körper mit der Umgebung. Während die Schlange selbst nahezu unsichtbar bleibt, zieht die bewegte Schwanzspitze die Aufmerksamkeit ihrer Beute auf sich.