5. November 2025, 17:17 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wie schnell ist eine Giftschlange wirklich, wenn sie zuschlägt? Eine Studie liefert die bislang genauesten Hochgeschwindigkeitsaufnahmen von 36 giftigen Schlangenarten – und zeigt eindrucksvoll, wie blitzartig, präzise und unterschiedlich Attacken ablaufen. Besonders eine Schlangengruppe überraschte die Forscher mit ihrer Effektivität. Was genau bei einem Schlangenbiss geschieht, konnte dabei erstmals dreidimensional entschlüsselt werden.
Schlangen sind tödliche Jäger. Manche erlegen ihre Beute, indem sie sie erwürgen – andere verwenden Gift, das durch die langen Fangzähne ins Innere des Beutetiers injiziert wird. Der ganze Prozess dauert dabei nur Bruchteile einer Sekunde. Doch was genau passiert dabei? Das wollte das Forschungsteam um Silke Cleuren und Alistair Evans von der Monash University (Australien) herausfinden.
Dafür analysierten sie erstmals das Schlagverhalten von 36 giftigen Schlangenarten aus drei Familien umfassend in 3D. Die Studie wurde 2025 in der Fachzeitschrift „Journal of Experimental Biology“ veröffentlicht. Mittels Hochgeschwindigkeitskameras (1000 Bilder/Sekunde) und ballistischem Gel als Beuteersatz wurden die Bewegungen der Schlangen in einer kontrollierten Umgebung erfasst. Ziel war es, Unterschiede in der Kinematik – also der Bewegungsabläufe – zwischen den Arten und Familien (Viperidae, Elapidae, Colubridae) zu dokumentieren und zu vergleichen. Dabei wurden auch ökologische Faktoren wie Jagdverhalten, Aktivitätszeiten, Körpergröße und Beutetyp berücksichtigt.1
Verhalten nach dem Biss war bislang kaum dokumentiert
Frühere Studien hatten bisher meist nur wenige Arten untersucht und auf einseitige Kamerawinkel gesetzt. Die meisten verfügbaren Daten stammten von bekannten Vipern wie Klapperschlangen oder Puffottern. Erst mit modernen Hochgeschwindigkeitskameras und 3D-Tracking lassen sich die blitzschnellen Bewegungsabläufe der Tiere exakt erfassen.
Bisherige Erkenntnisse über Unterschiede in der Schlaggeschwindigkeit zwischen Schlangenfamilien – etwa, dass Vipern schneller als Elapiden oder Nattern seien – beruhen häufig auf begrenzten Datensätzen. Auch das Verhalten nach dem Biss, etwa das gezielte Nachjustieren der Fangzähne, war bislang kaum dokumentiert. Die neue Studie wollte diese Lücken schließen und dabei auch die Rolle von Umweltfaktoren, Beutetyp und Körpermerkmalen für die Schlagleistung untersuchen.
Gel als Beuteersatz
In einem aufwendigen Versuchsaufbau wurden 36 giftige Schlangenarten (31 Vipern, vier Elapiden, eine Natter) in Paris (bei Venomworld) in einem standardisierten Arena-Setup getestet. Die Tiere wurden auf einen Angriff auf ein künstliches Beuteobjekt aus medizinischem Gel (auch ballistisches Gel genannt) konditioniert.
Pro Tier wurden drei erfolgreiche Schläge aus zwei Perspektiven (90° und 60°) mit Hochgeschwindigkeitskameras aufgezeichnet. Die daraus gewonnenen 3D-Koordinaten erlaubten die präzise Analyse von Bewegungsparametern wie Schnelligkeit, Beschleunigung, Kieferöffnung, Beuteabstand und Fangzahnwinkel.
Zusätzlich wurden ökologische Merkmale wie Jagdstrategie, Aktivitätsrhythmus, Lebensraum und bevorzugte Beutearten aus Literaturdaten zusammengetragen. Die Studie wurde gemäß tierethischer Standards durchgeführt und von der Monash University genehmigt (Projekt 18428).
Video: Journal of Experimental Biology // CC BY 4.0
Vipern erreichten ihre „Beute“ innerhalb von 90 Millisekunden
Vipern zeigten im Schnitt die schnellsten und kraftvollsten Schläge beim Schlangenbiss. Ihre Spitzengeschwindigkeit erreichte bis zu 3,53 m/s (Bothrops asper), die höchste Beschleunigung lag bei über 330 m/s².
Besonders bemerkenswert: 84 Prozent der Vipern erreichten ihre „Beute“ innerhalb von 90 Millisekunden, 55 Prozent sogar unter 60 ms – schneller als viele Beutetiere auf einen Reiz reagieren können.
Auch die Elapiden zeigten teils hohe Leistungen, etwa Acanthophis rugosus (2,21 m/s), während Walterinnesia aegyptia mit 0,98 m/s deutlich langsamer war. Die untersuchte Colubridae-Art (Boiga dendrophila) bewegte sich mit 1,82 m/s im Mittelfeld.
Schlangenbiss von Vipern ist besonders präzise
Zusätzlich zu den Geschwindigkeiten zeigte sich ein breites Spektrum an Verhalten: Vipern stachen präzise zu und konnten ihre Fänge nachjustieren. Elapiden zeigten mehrfache Bisse mit wiederholtem Zudrücken. Die Natter Boiga schnitt die Beute mit ihren hinten sitzenden Fängen regelrecht auf.
Besonders bei großen Schlangen korrelierten größere Kopfgröße und Startdistanz mit höherer Geschwindigkeit und größerem Fangwinkel. Die Art des Kieferkontakts mit der Beute variierte stark, war aber u. a. mit der Kiefergröße und -öffnung verbunden.
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Studie liefert neue Einblicke in die Verhaltensökologie von Giftschlangen
Diese Studie ist die erste großangelegte vergleichende Analyse der Schlagkinematik bei giftigen Schlangen in 3D. Die Ergebnisse widerlegen zum Teil frühere Annahmen über die Überlegenheit bestimmter Schlangengattungen. Stattdessen zeigt sich, dass Schlaggeschwindigkeit und Bissverhalten stark vom Lebensstil, der bevorzugten Beute und der Körpergröße abhängen.
Besonders Vipern, die auf schnelle Beutetiere wie Säuger spezialisiert sind, zeigten überlegene Schlagleistungen. Die Resultate helfen, die Biomechanik der Schlangenbisse besser zu verstehen. Das ist nicht nur wichtig für die Ökologie, sondern auch für die Medizin – etwa bei Behandlungen von einem Schlangenbiss –, aber auch für die Biotechnologie, die sich die Fangzahnmechanismen der Schlangen als Vorbild nehmen.
Die Beobachtung verschiedener Bissstrategien innerhalb und zwischen den Familien liefert zudem neue Einblicke in die Verhaltensökologie. So wurde etwa das „Fangwalking“ bei Vipern erstmals hochauflösend dokumentiert – ein Prozess, bei dem die Fangzähne nach dem ersten Kontakt gezielt repositioniert werden, um optimal zu injizieren.
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Größe der künstlichen Beute kann zu biomechanischen Verzerrungen führen
Die Studie stellt einen wichtigen methodischen Fortschritt dar: Dank 3D-Tracking und einheitlichem Versuchsaufbau konnten erstmals direkte Vergleiche zwischen 36 Arten gezogen werden. Allerdings wurden pro Art nur ein bis zwei Individuen untersucht, was intraindividuelle Variationen nur begrenzt erfassen lässt.
Zudem war die Größe der künstlichen Beute konstant, was bei extrem kleinen oder großen Schlangen zu biomechanischen Verzerrungen führen könnte – so etwa bei der Kontaktfläche zwischen Fangzahn und Beute. Die Aussagekraft über die Gruppe der Colubriden ist zudem begrenzt, da nur eine Art (Boiga dendrophila) kinematisch analysiert werden konnte.
Fazit: Studie liefert faszinierenden und faktenreichen Einblick
Diese Untersuchung bietet erstmals einen detaillierten, vergleichenden Blick auf das Schlagverhalten beim Schlangenbiss von 36 giftigen Arten. Vipern zeigen dabei im Schnitt die schnellsten und dynamischsten Bisse, wobei größere Tiere besonders leistungsfähig sind. Die Studie dokumentiert erstmals auch feinste Verhaltensmuster wie das gezielte Nachjustieren der Fänge oder das Zerschneiden der Beute durch Nattern.
Für Herpetologen, Biomechaniker und alle, die sich für Schlangen interessieren, bietet diese Arbeit einen faszinierenden und faktenreichen Einblick in eine der blitzartigsten Bewegungen des Tierreichs.
