31. Oktober 2025, 13:36 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Schimpansen gelten als besonders intelligente Tiere. In der Tierwelt sind sie für ihren gezielten Einsatz von Werkzeug bekannt – beinahe wie Handwerker der Natur. Doch verfügen alle Individuen über gleich ausgeprägte kognitive Fähigkeiten? Eine aktuelle Studie untersucht, ob junge Schimpansen ihren Eltern im Hinblick auf Intelligenz womöglich überlegen sind. PETBOOK berichtet über die überraschenden Ergebnisse.
Die Geschichte ist voll mit nützlichen Erfindungen und Entdeckungen. Immer wieder finden sich Menschen mit spannenden, innovativen und neuen Ideen zusammen. Doch wussten Sie, dass nicht nur Menschen einen Erfindergeist haben? Eine Studie untersucht, wie neue Verhaltensweisen in Tierkreisen entstehen. Die Forschergruppe unter der Leitung von Iulia Bădescu von der Université de Montréal untersuchte über 15 Monate, wie junge Schimpansen in Uganda verschiedene Objekte benutzt haben.
Die Forschenden wollten herausfinden, wie junge Schimpansen Neues erfinden. Dazu entwickelten sie einen „Explorationsindex“, der zeigt, wie oft und kreativ die Tiere mit Gegenständen spielen. Das Ergebnis: Innovation entsteht oft im Spiel – und manche Jungtiere sind dabei besonders einfallsreich. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Scientific Reports. 1
Spielverhalten unter der Lupe
Über 15 Monate hinweg beobachteten die Forscher 36 junge Schimpansen im Alter von 6 Monaten bis 13 Jahren im Kibale-Nationalpark in Uganda. Sie dokumentierten 67 Situationen, in denen die Tiere mit natürlichen Gegenständen wie Ästen, Blättern oder Moos hantierten – mal als Werkzeug, mal beim Spielen, mal bei kleinen Rangeleien.
Die Verhaltensweisen wurden genau analysiert. Je nachdem, ob sie dem typischen Verhalten der Erwachsenen entsprachen oder davon abwichen, wurden sie als „typisch“ oder „atypisch“ eingestuft. Die Untersuchung erfolgte streng nach internationalen Standards zum Schutz von Wildtieren und wurde von den ugandischen Behörden genehmigt.
Was die Daten zeigen: Kleine Schimpansen, große Ideen
Nach der Auswertung stellten die Forschenden fest, dass fast die Hälfte der beobachteten Objektnutzungen „atypisch“ waren – also anders als bei erwachsenen Schimpansen. Das heißt, dass die jungen Schimpansen in den meisten Fällen aktiv Neues probiert haben, zum Beispiel mit Stöcken oder Blättern in ungewohnten Situationen.
Drei dieser Verhaltensweisen werteten die Forschenden sogar als echte Innovationen: Ein Weibchen trug stundenlang einen Baumstumpf wie ein Baby – wie beim Puppenspiel. Ein anderes Weibchen nutzte Moos wie einen Schwamm, um Wasser zu trinken – eine clevere Abkürzung zur bekannten Blattmethode. Und ein Männchen setzte ein Balzsignal überraschend ein, um von seiner Mutter getragen zu werden – mit Erfolg. Besonders kreativ waren jüngere Tiere, vor allem Weibchen und Nachkommen erfahrener Mütter.
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Sind Schimpansenkinder schlauer als ihre Eltern?
Die Studie zeigt deutlich: Wenn junge Schimpansen spielerisch mit Gegenständen experimentieren, kann daraus mehr als nur Unterhaltung entstehen. Manchmal kommt es tatsächlich zu neuen, echten Innovationen. Neugierige Tiere mit einem hohen „Explorationsindex“ entwickelten neu und vor allem funktionale Verhaltensweisen im Umgang mit Objekten – ohne das Vorbild eines Erwachsenen.
Mit am erfolgreichsten waren dabei Weibchen und die Jungen von erfahrenen Müttern. Im Umkehrschluss heißt das, dass ein soziales Umfeld, das viel Raum zum Ausprobieren gibt, kreatives Verhalten begünstigt. Wenn die Kreativität und Neugier in kleinen Erfindungen mündet, können diese übernommen werden und zur Weiterentwicklung der Tiergruppe beitragen.
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Langfristige Beobachtungen noch offen
Die Ergebnisse der Studie geben Aufschluss über die Dynamiken in den Schimpansengruppen. Dabei zeigt sich die Rolle der Schimpansenkinder – wie die Gruppe von ihrer Neugier profitieren kann. Allerdings gibt es bis jetzt keine Studien, die solche Beobachtungen über einen längeren Zeitraum durchgeführt haben. Dadurch existiert keine Datenlage darüber, wie sich Schimpansenkinder weiterentwickeln. Werden sie im Alter unkreativ und überlassen die Spielereien der nächsten Generation? Perspektivisch könnten sich hinter der Frage weitere spannende Erkenntnisse verbergen.
Kreative Kinder gibt es überall – auch in der Tierwelt
Den Erfindergeist findet man oft bei Kindern – und laut der Studie eben auch bei Schimpansenkindern. Wenn sie spielen, erkunden und ausprobieren, entwickeln sie neue Ideen. Das erinnert auch an menschliche Kinder, oder? Auch sie lernen beim Spielen, Probleme zu lösen oder Neues zu erfinden.
Zwar haben sich viele der Einfälle der Schimpansenkinder nicht durchgesetzt, trotzdem zeigen sie, welches Potenzial in kindlicher Neugier steckt.