6. Februar 2026, 16:05 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Menschliche Kinder tun es ständig: Sie schenken imaginären Tee ein oder füttern Puppen mit leerem Löffel. Solche „Als-ob“-Handlungen beruhen auf der Fähigkeit, sich etwas Vorgestelltes vor Augen zu halten, obwohl man weiß, dass es nicht real ist. Lange galt diese Fähigkeit als rein menschlich. Eine Studie zeigt nun jedoch: Auch Bonobo Kanzi konnte mit solchen vorgestellten Objekten umgehen – und das überraschend präzise.
Verständnis von Spiel und Wirklichkeit auch bei Affen gegeben
Diese auch sekundäre Repräsentationen genannten Vorgänge gelten als zentrale Grundlage menschlicher Vorstellungskraft. Sie ermöglichen es, sich alternative Zustände der Welt vorzustellen – etwa Vergangenes, Zukünftiges oder Erfundenes. Beim Rollenspiel bedeutet das: Man weiß, dass eine Tasse leer ist, behandelt sie aber gedanklich so, als sei sie gefüllt. In der Entwicklungspsychologie ist gut belegt, dass Kinder diese Fähigkeit ab etwa zwei Jahren zuverlässig zeigen. Ob auch andere Tiere dazu in der Lage sind, war seit Jahrzehnten umstritten.
Zwar gibt es zahlreiche Beobachtungen von Menschenaffen, die scheinbar „so tun, als ob“ – etwa wenn Schimpansen Stöcke wie Babys tragen –, doch diese Berichte sind meist eher anekdotisch. Kritiker argumentierten, solche Verhaltensweisen ließen sich auch durch erlernte Bewegungsmuster oder Fehlwahrnehmungen erklären. Kontrollierte Experimente fehlten bislang. Genau hier setzt die vorliegende Studie an: Sie untersucht erstmals unter streng kontrollierten Bedingungen, ob ein nichtmenschlicher Primat vorgestellte Objekte mental repräsentieren und deren „Bewegungen“ nachvollziehen kann.
Imaginäre Saft- und Traubenparty
Amalia P. M. Bastos und Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University sowie der University of St Andrews, haben dafür mit Kanzi, einem damals 43 Jahre alten Bonobo, gearbeitet. Erschienen ist die Studie im Fachjournal „Science“ am 5. Februar 2026. Kanzi konnte seit Jahrzehnten mit sogenannten Lexigrammen – symbolischen Bildzeichen – kommunizieren. Er starb etwa zwei Monate, nachdem die Forscher diese Arbeiten 2025 mit ihm durchgeführt hatten, und war zuvor bereits Gegenstand vieler Primatenstudien gewesen.
Untersucht wurde, ob Kanzi den „Ort“ eines vorgestellten Objekts bestimmen kann. Die Studie bestand aus drei voneinander getrennten Experimenten. In allen Versuchen interagierte Kanzi mit menschlichen Versuchsleitern, die leere Gefäße nutzten und so taten, als würden sie Saft oder Trauben hinein- oder herausgießen.
Entscheidend: In den eigentlichen Testdurchgängen erhielt Kanzi keinerlei Belohnung. So sollte ausgeschlossen werden, dass er lediglich gelernte Reaktionsmuster zeigt. Er antwortete, indem er auf eines von zwei Gefäßen zeigte. Zusätzlich wurden Kontrollversuche durchgeführt, um sicherzustellen, dass Kanzi echtes Futter zuverlässig von vorgestelltem unterscheiden konnte. Alle Materialien waren durchsichtig, sodass die reale Leere der Gefäße jederzeit sichtbar war. Die Studie war vorab registriert, und das Wohlergehen des Tieres wurde durch erfahrene Betreuungspersonen sichergestellt.1
Kanzi „spielte“ direkt mit
Die Ergebnisse waren eindeutig. Im ersten Experiment wählte Kanzi in 34 von 50 unbelohnten Testdurchgängen – das entspricht 68 Prozent – korrekt das Gefäß, das nach der gespielten Handlung noch „imaginären Saft“ enthalten sollte. Dieses Ergebnis lag deutlich über dem Zufallsniveau. Wichtig ist: Er traf die richtige Wahl bereits im allerersten Testdurchgang, ohne Anzeichen eines Lernprozesses über die Zeit.
Ein zweites Experiment zeigte, dass Kanzi echtes und vorgestelltes Futter sicher unterscheiden konnte. Stand ihm eine Wahl zwischen realem Saft und nur vorgestelltem Saft zur Verfügung, entschied er sich in 14 von 18 Fällen – also in 77,8 Prozent – für den echten Saft.
Im dritten Experiment, einer konzeptionellen Wiederholung mit vorgestellten Trauben, bestätigten sich die Befunde erneut. Kanzi wählte in 31 von 45 Testdurchgängen – 68,9 Prozent – das Glas mit der verbleibenden „imaginären Traube“. Auch hier zeigte sich kein Hinweis darauf, dass seine Leistung auf Übung oder Belohnung beruhte.
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Komplexe geistige Leistung nicht nur beim Menschen
Die Studie liefert damit erstmals experimentelle Belege dafür, dass ein nichtmenschlicher Primat sekundäre Repräsentationen bilden kann. Kanzi behandelte leere Gefäße so, als enthielten sie vorgestellte Objekte, ohne dabei die reale Situation aus den Augen zu verlieren. Diese Fähigkeit gilt als grundlegende Voraussetzung für komplexe geistige Leistungen wie Zukunftsplanung, logisches Denken über Alternativen oder das Verstehen fremder Überzeugungen.
Besonders bedeutsam ist, dass Kanzi die vorgestellten Objekte über mehrere Handlungsschritte hinweg „verfolgte“. Er berücksichtigte also nicht nur eine einzelne Bewegung, sondern die gesamte Abfolge des gespielten Gießens. Die Autoren schließen daraus, dass diese kognitive Fähigkeit vermutlich bereits beim gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Menschenaffen vorhanden war, der vor etwa 6 bis 9 Millionen Jahren lebte.
Trotz der klaren Ergebnisse ist Vorsicht geboten. Die Untersuchung basiert auf einem einzigen Tier, das zudem stark mit Menschen sozialisiert und intensiv trainiert ist. Ob nicht-enkulturierte Bonobos oder andere Menschenaffen ähnliche Leistungen zeigen würden, bleibt offen. Die Autoren diskutieren drei Möglichkeiten: Entweder ist die Fähigkeit bei allen Menschenaffen vorhanden, wird aber selten erkannt; oder das Symboltraining verstärkt eine vorhandene Anlage; oder erst dieses Training ermöglicht die Fähigkeit vollständig.
Fazit
Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass ein Bonobo in der Lage ist, zwischen Realität und Vorstellung zu unterscheiden und mit vorgestellten Objekten gezielt umzugehen. Damit rückt eine Fähigkeit, die lange als exklusiv menschlich galt, in ein neues Licht. Für die Forschung bedeutet dies einen wichtigen Schritt hin zu einem besseren Verständnis der geistigen Fähigkeiten von Menschenaffen. Es ist zudem wahrscheinlich die letzte Forschungsarbeit, an der Kanzi beteiligt war, der wie kaum ein anderer der Forschung vor Augen führte, wozu Primaten in der Lage sind.