23. September 2025, 12:17 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
Die Tiefsee ist ein Sammelbecken skurriler Lebewesen: Fische mit Kuhhörnern oder Rochen mit einer Säge im Gesicht. In diese Reihe gehören auch eine bestimmte Tiefsee-Chimäre: sie ist ein Fisch, der seltsamerweise Zähne auf der Stirn hat. Eine Studie hat erforscht, wie diese zustande kommen, welchem Zweck sie dienen, und ist zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen. PETBOOK berichtet.
Fisch mit Biss
Zähne bei Fischen – dabei denken wir wahrscheinlich eher an spitze Beißer im Maul, die der Zerkleinerung von Beute dienen. Manche Fische schwimmen, was diese Vorstellung angeht, aber gewaltig gegen den Strom: Männliche Chimären haben ausgerechnet an ihrer Stirn ein keulenförmiges Organ mit zahnähnlichen Strukturen.
Diese scheinen aber keinen direkten Zugang zum Magen der Tiere zu haben. Welchen Zweck sie dann erfüllten, wollte das Forscherteam um Karly E. Cohen von der University of Florida im Rahmen einer Studie über die Entwicklung dieser Struktur, dem sogenannten Tenaculum herausfinden. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „PNAS“ veröffentlicht. 1
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Dem Fisch auf den Zahn gefühlt – so gingen die Forscher vor
Untersucht wurde die Entwicklung des Zusatzorgans an der Stirn beim Pazifischen Chimärenfisch. Das Forschungsteam verfolgte, wie sich die zahnartigen Strukturen von der Embryonalphase bis zum erwachsenen Männchen bilden. Mit hochauflösenden CT-Scans blickten sie ins Innere der Tiere, während Gewebeschnitte und Genanalysen ihnen halfen, die Entstehung der Stirnzähne Schritt für Schritt zu verfolgen.
Dabei stellten Cohen und ihr Team fest: Männliche Chimären tragen keine Hautschuppen in Zahnform, sondern tatsächlich echte Zähne. Die Ergebnisse stellen damit die bisherigen Theorien um die Zahn-Entstehung auf den Kopf. Eigentlich ging man in der Wissenschaft primär davon aus, dass Zähne aus Hautschuppen entstanden sind.
Die Chimären-Männchen bilden jedoch eine Ausnahme unter den Wirbeltieren und könnten ein Schlüsselmodell für die Erforschung von Zahn- und Kopfentwicklung sein. Denn sie zeigen neue Wege auf, wie und vor allem wo Zähne wachsen können. Das Tenaculum ist also wie eine kleine Zeitkapsel, die belegt, dass die Entwicklung von Zähnen im Laufe der Evolution weitaus flexibler war als bis jetzt angenommen.
Machen die Stirnzähne Chimären für Weibchen attraktiver?
Ihre Stirnzähne wachsen wie bei uns Menschen von innen nach außen, bestehen aus Dentin und einer Pulpahöhle, dem „Inneren“ des Zahns, und entstehen aus einer sogenannten dentalen Lamina, einem speziellen Gewebeband. Fossilien belegten zudem, dass dieses erstaunliche Organ schon seit mehr als 300 Millionen Jahren existierte.
Warum aber brauchen die Fische diese seltsamen Zähne an der Stirn? Dazu gibt es keine ausführlichen Berichte. Die Forschungsgruppe vermutet, dass die Chimären dieses Organ zur Fortpflanzung benutzen: Bei der Paarung könnten sie sich damit am Weibchen festhalten. Das würde auch einige Narben erklären, die die Wissenschaftler bei weiblichen Tieren beobachtet haben. Im Hinblick auf Romantik kommt es wohl also auch in der Tiefsee auf den richtigen „Biss“ an.