3. Juni 2026, 13:49 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ist Selbstbefriedigung bei Vögeln ein Verhaltensproblem? Genau das bezweifelt eine neue Studie. Die Forscher zeigen, dass viele Vogelarten dieses Verhalten regelmäßig zeigen – und zwar häufiger in freier Wildbahn als in menschlicher Obhut.
Was und warum wurde untersucht?
Ausgangspunkt der Untersuchung war ein evolutionsbiologisches Rätsel: Warum investieren Tiere Zeit und Energie – und bei Männchen sogar Spermien – in ein Verhalten, das nicht direkt zur Fortpflanzung führt? Während einige Wissenschaftler Selbstbefriedigung vor allem als Folge sexueller Erregung betrachten, vermuten andere, dass sie den Fortpflanzungserfolg indirekt steigern könnte. Besonders interessant war für die Forscher die Frage, ob es sich dabei um ein natürliches Verhalten handelt oder ob Selbstbefriedigung bei Vögeln vor allem als Reaktion auf das Leben in Gefangenschaft entsteht.
Die Studie „The Evolution of Masturbation in Birds“ wurde von Chloe Heys von der University of Lancashire geleitet und 2026 im Fachjournal „Ecology and Evolution“ veröffentlicht. Gemeinsam mit Forschern der University of Liverpool, der Swansea University und der University of Oxford untersuchte sie, wie verbreitet Selbstbefriedigung bei Vögeln ist und welche evolutionären Gründe dahinterstecken könnten.
Dafür wertete das Team nicht nur wissenschaftliche Fachliteratur aus, sondern bezog auch Beobachtungen von Vogelhaltern, Züchtern und Experten ein. Über Umfragen und Online-Communities kamen so Daten von insgesamt 120 Vogelarten aus 22 Vogelordnungen zusammen – sowohl von Wildvögeln als auch von Tieren in menschlicher Obhut.
Als Selbstbefriedigung definierten die Wissenschaftler die sexuelle Stimulation der Geschlechtsorgane durch eigene Handlungen, etwa wenn ein Vogel seine Kloake an Ästen, Sitzstangen oder anderen Gegenständen reibt. Die Kloake ist die gemeinsame Körperöffnung für Fortpflanzung sowie Harn- und Darmausscheidung.1
Daten von 120 Vogelarten ausgewertet
Für die Studie werteten die Forscher wissenschaftliche Veröffentlichungen aus und befragten zudem Vogelwissenschaftler, Tierpfleger, Züchter und Vogelhalter. Auch Berichte aus Online-Foren und sozialen Netzwerken flossen in die Analyse ein.
Insgesamt kamen mehr als 200 Beobachtungen von 120 Vogelarten aus 22 Vogelordnungen zusammen. Dabei berücksichtigten die Wissenschaftler unter anderem Geschlecht, Alter, Lebensraum und Paarungssystem der Tiere. Mithilfe spezieller statistischer Methoden untersuchten sie anschließend, wie sich das Verhalten über die Evolution hinweg entwickelt hat und welche Faktoren damit zusammenhängen könnten.
Wildvögel masturbieren häufiger als Vögel in Gefangenschaft
Die Studie zeigt, dass Selbstbefriedigung bei Vögeln weitverbreitet ist. Die Forschenden fanden das Verhalten in zahlreichen Vogelgruppen und stellten fest, dass sein Auftreten stark mit der evolutionären Verwandtschaft zusammenhängt. Selbstbefriedigung bei Vögeln ist also nicht zufällig verteilt, sondern tritt häufig innerhalb ganzer Abstammungslinien auf.
Männchen zeigten Selbstbefriedigung häufiger als Weibchen. In 55 Prozent der Datensätze zu Männchen wurde das Verhalten beobachtet, bei Weibchen in 36 Prozent. Dennoch wurde es bei beiden Geschlechtern in vielen Vogelordnungen dokumentiert. Zwischen Jungvögeln und erwachsenen Tieren fanden die Forscher keinen statistisch signifikanten Unterschied. Dieses Ergebnis spricht gegen die Annahme, dass Selbstbefriedigung ausschließlich dem Einüben späterer Paarungen dient.
Eine wichtige Erkenntnis betraf das Paarungssystem. Sozialmonogame Arten sowie Arten mit langfristigen Paarbindungen zeigten Selbstbefriedigung seltener. Dagegen war sie bei Arten mit mehreren Paarungspartnern wahrscheinlicher.
Besonders bemerkenswert: Wildlebende Vögel zeigten das Verhalten häufiger als Vögel in Gefangenschaft. Außerdem fanden die Wissenschaftler keine Hinweise darauf, dass die soziale Haltung – etwa allein oder mit anderen Vögeln – die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens beeinflusst.
Keine Verhaltensstörung – sondern ganz natürlich?
Die Studie liefert deutliche Hinweise darauf, dass Selbstbefriedigung bei vielen Vogelarten ein ganz natürlicher Teil ihres Verhaltens ist. Damit widersprechen die Ergebnisse einer weitverbreiteten Annahme: Viele Menschen betrachten das Verhalten als Folge von Gefangenschaft oder sogar als Verhaltensstörung.
Die Daten sprechen jedoch für eine andere Erklärung. Da Selbstbefriedigung besonders häufig bei Arten mit mehreren Paarungspartnern vorkommt, vermuten die Forscher, dass sie mit sexueller Erregung oder sogar mit dem Fortpflanzungserfolg zusammenhängen könnte. Möglicherweise spielt das Verhalten also eine Rolle im natürlichen Sexualverhalten der Tiere.
Interessant ist auch, dass nicht nur Männchen, sondern auch viele Weibchen Selbstbefriedigung zeigten. Das deutet darauf hin, dass bisherige Erklärungen, die sich vor allem auf männliche Fortpflanzungsbiologie konzentrieren, das Phänomen nicht vollständig erfassen. Für Vogelhalter könnte eine Erkenntnis wichtig sein: Die Studie liefert keine Hinweise darauf, dass Selbstbefriedigung grundsätzlich ein unnatürliches oder problematisches Verhalten ist.
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Bislang größte Studie über Selbstbefriedigung bei Vögeln
Die Untersuchung ist die bislang größte Studie zur Selbstbefriedigung bei Vögeln. Eine besondere Stärke liegt in der Kombination aus vielseitigen Quellen. Dadurch konnten Daten aus 120 Arten zusammengetragen werden, obwohl die Selbstbefriedigung bei Vögeln in der Fachliteratur bisher nur selten untersucht wurde.
Gleichzeitig ergeben sich daraus Einschränkungen. Die Daten beruhen überwiegend auf Beobachtungen und nicht auf kontrollierten Experimenten. Deshalb können die Ergebnisse Zusammenhänge aufzeigen, aber keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen. Zudem könnte das Verhalten in manchen Arten schlicht noch nicht beobachtet worden sein. Die Wissenschaftler weisen selbst darauf hin, dass dies die Rekonstruktion von evolutionären Gewinnen und Verlusten des Verhaltens beeinflussen könnte.
Ein weiterer Punkt ist, dass einige ursprünglich geplante Analysen nicht durchgeführt werden konnten, weil dafür nicht genügend geeignete Daten vorlagen. Beispielsweise gab es keine Aufzeichnungen von Vögeln in schlechter körperlicher Verfassung. Dadurch lässt sich nicht vollständig beurteilen, welchen Einfluss der Gesundheitszustand auf das Verhalten hat.
Fazit: was bedeutet das für Vogelhalter?
Selbstbefriedigung ist bei Vögeln offenbar deutlich verbreiteter, als bislang angenommen. Das Verhalten wurde bei zahlreichen Vogelarten und bei beiden Geschlechtern beobachtet. Besonders häufig trat es bei Arten auf, die mehrere Paarungspartner haben. Überraschend war zudem, dass Wildvögel häufiger masturbierten als Tiere in menschlicher Obhut.
Nach Ansicht der Forscher spricht vieles dafür, dass Selbstbefriedigung ein natürlicher Teil des Sexualverhaltens vieler Vogelarten ist. Sie könnte mit sexueller Erregung zusammenhängen oder sogar Vorteile bei der Fortpflanzung bieten. Klar ist zumindest: Die Ergebnisse passen nicht zu der verbreiteten Annahme, dass es sich dabei vor allem um ein Verhaltensproblem von Vögeln in Gefangenschaft handelt. Stattdessen wirft die Studie ein neues Licht auf das bislang wenig erforschte Sexualverhalten von Vögeln.