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Untersuchung bestätigt

Der Grund, warum Männchen im Tierreich oft früher sterben

Löwe und Löwin kuscheln unter einem Baum
„Wer hat die schönste Mähne im ganzen Land?“ – ein prachtvolles Fell hilft Löwen zwar, dass Weibchen sich mit ihnen paaren wollen, kostet sie aber wahrscheinlich auch Lebensjahre Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

6. Oktober 2025, 14:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Pfauenmännchen schlagen prachtvoll ihr Rad, Löwenmännchen kämpfen blutig um ein Rudel – und beide zahlen dafür mit Lebensjahren. Was in der Tierwelt nach heldenhaften Balzritualen oder erbittertem Konkurrenzkampf aussieht, hat einen hohen Preis: Die Männchen vieler Arten sterben früher als ihre Weibchen. Dieses Muster ist kein Zufall – und es kehrt sich bei manchen Tieren sogar um. Eine neue Großstudie zeigt, dass Fortpflanzungsstrategien tief in die Lebenserwartung eingreifen – und das selbst dann, wenn Tiere im Zoo leben.

Warum Säugetier-Männchen häufig früher sterben

Die Lebenserwartung unterscheidet sich in vielen Arten systematisch zwischen den Geschlechtern. Bei Menschen leben Frauen im weltweiten Durchschnitt rund 5,4 Jahre länger als Männer. Dieses Muster zeigt sich ähnlich bei Säugetieren, während es sich bei Vögeln häufig umkehrt: Hier erreichen Männchen oft ein höheres Alter. Eine Erklärung liefert die sogenannte „heterogametische Geschlechtshypothese“. Sie besagt, dass das Geschlecht mit zwei unterschiedlichen Geschlechtschromosomen (XY beim männlichen Säugetier, ZW beim weiblichen Vogel) anfälliger für schädliche genetische Effekte ist und daher früher stirbt.

Doch genetische Erklärungen allein reichen nicht aus. Auch Lebensweise, Fortpflanzungskosten oder geschlechtsspezifische Körpermerkmale wie sexuelle Dimorphie (unterschiedliche Körpergrößen) könnten eine Rolle spielen. Ein interessanter Erklärungsansatz für die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Lebenserwartung ist die sogenannte Handicap-Hypothese. Diese 1975 vom israelischen Biologen Amotz Zahavi formulierte Theorie besagt, dass sich Tiere mit auffälligen, aber nachteiligen Merkmalen – etwa einer großen Pfauenfeder, einer dichten Löwenmähne oder übergroßen Hörnern – bei der Partnerwahl durchsetzen, gerade weil diese Merkmale „kostspielig“ sind. Sie signalisieren dem Weibchen: „Ich bin trotz dieses Handicaps überlebensfähig – also besonders fit.“

Im Kontext der Studie von Staerk et al. ist das relevant, weil viele der analysierten Arten mit ausgeprägtem sexuellem Dimorphismus (also auffälligen Größen- oder Merkmalsunterschieden zwischen den Geschlechtern) auch stärkere Unterschiede in der Lebenserwartung zeigten. Vor allem Männchen, die durch sexuelle Selektion gezwungen sind, in aufwendige Merkmale oder Verhaltensweisen zu investieren, scheinen im Schnitt früher zu sterben. Das spricht dafür, dass die Kosten solcher „Handicaps“ real sind – und somit eine evolutionäre Erklärung für männlich verkürzte Lebenserwartung liefern könnten.

Der Effekt war sogar im Zoo messbar

Das Forschungsteam um Johanna Staerk vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Leipzig) und Fernando Colchero von der Universität Süddänemark hat genau das untersucht. Die Studie wurde am 1. Oktober 2025 in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.

Sie basiert auf der Auswertung von Daten zu über 1100 Säugetier- und Vogelarten, die in Zoos leben – ergänzt durch Informationen aus Wildpopulationen. Warum die Forscher dies an Tieren in Gefangenschaft nachwiesen? Wenn es sich dabei um einen tiefgreifenden Mechanismus der Evolution handelt, sollte das unterschiedliche Altern auch in geschützten Umgebungen wie Zoos nachweisbar sein. In der natürlichen Umgebung – so die These – ist der Effekt noch stärker.

Dazu analysierten die Forscher Daten zur adulten Lebenserwartung („adult life expectancy“, ALE) von 528 Säugetier- und 648 Vogelarten, die in Zoos weltweit gehalten werden. Ergänzend wurden Wilddaten von 110 Arten hinzugezogen. Die Analyse basierte auf demografischen Daten aus dem ZIMS-System von Species360 und nutzte Bayesianische Überlebensmodellierung.

Die Lebenserwartung wurde ab dem Alter der ersten Fortpflanzung berechnet. Die Differenz zwischen weiblicher und männlicher ALE wurde als Verhältniswert ausgedrückt, wobei positive Werte einen Vorteil für Weibchen und negative für Männchen anzeigen. Zudem wurden Einflussfaktoren wie Paarungssystem (monogam oder nicht), sexuelle Körpergrößendifferenz und elterliche Fürsorge statistisch berücksichtigt.

72 Prozent der weiblichen Säugetiere leben länger

In Zoo-Populationen lebten Weibchen bei 72 Prozent der Säugetierarten länger als Männchen – im Schnitt lag ihr Vorteil bei 12 Prozent. Bei Vögeln zeigte sich dagegen in 68 Prozent der Arten ein männlicher Vorteil, durchschnittlich 5 Prozent. Auch in Wildpopulationen bestätigte sich dieses Muster – dort fielen die Unterschiede jedoch noch deutlicher aus. Der Lebenserwartungsvorteil der Weibchen bei Säugetieren lag bei 18,6 Prozent, der der Männchen bei Vögeln sogar bei 26,6 Prozent.

Auffällig war, dass nicht die Chromosomen allein diese Unterschiede erklärten. Vielmehr zeigte sich: Bei Arten mit polygynem oder promiskuitivem Paarungsverhalten (also mit starker Konkurrenz um Fortpflanzung) und deutlicher sexueller Körpergrößendifferenz war der Geschlechterunterschied besonders stark. Weibchen hatten in nicht-monogamen Säugetierarten einen ALE-Vorteil von 15 Prozent, in monogamen dagegen fast keinen.

Bei Vögeln war der Vorteil der Männchen dagegen auch in monogamen Arten vorhanden. Auch elterliche Fürsorge spielte eine Rolle: Weibchen, die allein für den Nachwuchs sorgten, hatten eine höhere Lebenserwartung. Insgesamt konnten vor allem präkopulatorische Selektionsmechanismen (z. B. Körpergröße, Konkurrenzverhalten) die Unterschiede erklären.

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Einschränkungen der Studie

Mit über 1100 untersuchten Arten stellt die Untersuchung die bisher umfassendste Analyse geschlechtsspezifischer Lebenserwartung bei Wirbeltieren dar. Durch die Kombination von Zoo- und Wilddaten bietet sie ein robustes Bild evolutionärer Muster.

Dennoch gibt es Einschränkungen: Zoo-Tiere leben unter Bedingungen, die nicht dem natürlichen Verhalten entsprechen. Sie haben medizinische Versorgung, unterliegen selektiver Zucht oder eingeschränkten Sozialkontakten. Dies beeinflusst das Verhalten und die Lebensdauer. Zudem sind manche Tiergruppen in Zoos überrepräsentiert (z. B. große Säuger), während andere (z. B. Fledermäuse) unterrepräsentiert sind.

Dass sich dieses Muster aber selbst unter kontrollierten Bedingungen in Zoos, wo viele Umweltfaktoren wie Prädation oder Nahrungsmangel entfallen, bleiben diese Unterschiede bestehen. Das deutet darauf hin, dass genetisch verankerte, evolutionär geformte Mechanismen eine zentrale Rolle spielen.

Haben die Ergebnisse auch Bedeutung für Menschen?

Zudem liefert die Studie Erklärungen, warum Frauen beim Menschen trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen weltweit meist älter werden als Männer. Es handelt sich dabei um ein Merkmal, das offenbar tief in der evolutionären Geschichte der Primaten – also auch bei uns – verwurzelt ist. Aber nicht alle Erklärungsmodelle griffen universell: Bei Lemuren etwa fand sich trotz polygamer Systeme kein Vorteil für Weibchen.

Schließlich ist zu beachten, dass Fortpflanzungssysteme in freier Wildbahn komplexer sein können als in binären Kategorien wie „monogam/nicht-monogam“ abbildbar. Dennoch zeigen die Ergebnisse eine hohe Konsistenz über Klassen und Ordnungen hinweg. Die Studie zeigt aber vor allem, dass sexuelle Selektion – also der evolutionäre Druck durch Partnerwahl und Fortpflanzungskonkurrenz – maßgeblich die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern beeinflusst. Besonders bei Arten mit starkem männlichen Konkurrenzverhalten und polygynem System wirkt sich dieser Druck negativ auf die männliche Lebenserwartung aus.

Somit liefert sie den bislang umfassendsten Nachweis dafür, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebenserwartung bei Vögeln und Säugetieren primär durch sexuelle Selektion und Körpermerkmale bestimmt werden – nicht allein durch Gene oder Umwelt. Für Tierfreunde und Forscher ist das gleichermaßen spannend: Das Leben der Tiere – und unser eigenes – ist stärker von Fortpflanzungsstrategien geprägt, als es auf den ersten Blick scheint. 1

Quellen

  1. Staerk, J. et al. (2025). Sexual selection drives sex difference in adult life expectancy across mammals and birds. Science Advances, 11, eady8433. DOI: 10.1126/sciadv.ady8433 ↩︎

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