30. Oktober 2025, 11:29 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Von kranken Hunden bis zu exotischen Schlangen – in deutschen Tierheimen gibt es Tiere, die kaum jemand adoptieren möchte. Die Gründe reichen von Vorurteilen über Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu rechtlichen Hürden. PETBOOK fragte deutschlandweit Tierheime an, welche Schicksale ihnen besonders nahegehen – und wie sie trotzdem versuchen, Hoffnung zu geben.
Krankheit und Alter – die „Klassiker“ unter den Sorgenkindern
Im Tierheim Nürnberg lässt sich das Problem nicht auf bestimmte heimatlose Haustiere beschränken. „Tatsächlich kann man das nicht an einer Tierart festmachen“, erklärt Miriam Zimmermann vom Tierschutzverein Nürnberg auf Anfrage von PETBOOK. „Prinzipiell sind leider all die Tiere schwer vermittelbar, die verhaltensauffällig oder krank sind – dabei ist es egal, ob Hund, Katze oder Kleintier.“
Auch aus Gießen bestätigt Tierheimleiterin Hannah Wern PETBOOK, dass Alter und Vorerkrankungen die Vermittlungschancen deutlich mindern. Viele Interessenten seien wegen möglicher Tierarztkosten zurückhaltend.
Die Mitarbeiter versuchen, die Chancen durch gezieltes Training und tierärztliche Betreuung zu erhöhen, erklärt Miriam Zimmermann. Bei kranken Tieren führe man „alle notwendigen Untersuchungen und Behandlungen“ durch und versuche, auch teure Eingriffe „durch Spenden zu ermöglichen“. Zusätzlich setze man stark auf Sichtbarkeit: „Durch hohe Präsenz im Internet und Verbreitung in den Medien versuchen wir, die Reichweite zu erhöhen, um mehr Menschen zu erreichen.“
Besonders schwer haben es kranke Kleintiere, wie das Beispiel der Kaninchen Snickers und Mars zeigt. Beide wurden „wie Müll entsorgt“ – vermutlich weil sie krank sind, wie die Mitarbeiter vermuten. Mars hat chronische Bronchitis und die Kaninchendame Snickers Verschattungen auf der Lunge. Seit fast zwei Jahren warten die Tiere im Tierheim Nürnberg auf ein neues Zuhause. Daher sei es „wirklich dringend“, dass beide ein neues Zuhause finden, betonen die Mitarbeiter.
Tiere mit Verhaltensauffälligkeiten
Neben Krankheit spielt schwieriges Verhalten mit die größte Rolle, warum Tierheim-Tiere es schwer haben. Viele von ihnen haben Schlimmes erlebt, sind misstrauisch gegenüber Menschen und haben Verhaltensstörungen entwickelt. Ein Beispiel ist Kater Cherry, der im Tierheim Nürnberg gelandet ist, als sein Besitzer verstarb. Leider hat Cherry „nichts und niemanden kennengelernt“, wie die Mitarbeiter berichten. Daher ist er „super ängstlich und greift leider häufig an.“
Besonders schwer wird es für Tiere im Tierheim, die gleichzeitig krank und verhaltensauffällig sind. Boxerrüde Samurai aus Nürnberg ist sehr wachsam und hat auch schon seine Zähne eingesetzt. „Leider hat er massive Spondylosen und benötigt deshalb ein ebenerdiges Zuhause und Menschen, die mit ihm seine Muskeln aufbauen“, schreiben die Mitarbeiter auf der Seite des Tierheims Nürnbergs. Eine echte Herausforderung, die sich jedoch lohnt, denn mit seinen Bezugspersonen ist Samurei sehr nett und verspielt.
Auch Labrador-Mischling Thor aus Bremen sitzt seit über einem Jahr im Tierheim, obwohl Hunde mit seiner Optik eigentlich schnell ein neues Zuhause finden. Doch neben einem Beißvorfall und einem starken Jagdtrieb, hat auch Thor trotz seiner 1,5 Jahre bereits eine Spondylose. Daher kommt ein Zuhause, in dem er Treppen laufen muss, oder in dem Kinder und Kleintiere leben, nicht infrage. Für Tiere wie Thor oder Samurei bedeuten solche Einschränkungen langes Warten – manchmal über Jahre.
Angst- und Listenhunde: Wenn Ruf und Auflagen abschrecken
Besonders hart trifft es bestimmte Hunderassen. Im Tierheim Berlin warten laut Pressesprecherin Ilka Kettner vor allem Hunde auf der sogenannten Rasseliste sehr lange auf ein neues Zuhause: etwa Herdenschutzhunde, Dobermänner, Rottweiler oder Tiere mit Beißvorfällen. Viele dieser Hunde seien „trainiert worden, auf Menschen zu gehen“ oder hätten durch Misshandlung das Vertrauen verloren.
Auch in Gießen gehören sogenannte Listenhunde zu den größten Herausforderungen. Dort verweist man auf die „rechtlichen Einschränkungen oder hohen Versicherungs- und Haltungsvoraussetzungen“, die viele Interessenten abschrecken.
Reptilien und Exoten: Anspruchsvolle Haltung und Artenschutz
Ganz andere Schwierigkeiten hat das Tierheim Stuttgart. Dort sind es vor allem die Exoten, die kaum vermittelt werden können. „Am schwierigsten in der Vermittlung sind unsere Reptilien“, erklärt Pressesprecherin Petra Veiel PETBOOK weiter. „Das Problem ist hier der teilweise Artenschutz und die anspruchsvollen Haltungsbedingungen.“
Viele Tiere stammten ursprünglich aus Online-Käufen, berichtet sie weiter. Menschen bestellten sich „immer exotischere Tiere im Internet – ohne Plan und Sachkunde“. Wenn die Haltung dann scheitere, lande das Tier im Tierheim. Geeignete Menschen zu finden, sei extrem schwierig: „Wir brauchen hier sehr lange, bis wir adäquate Halter finden, die sich mit den speziellen Arten auskennen.“
Zusätzlich erschweren gesetzliche Vorgaben die Vermittlung. „Wenn Tiere unter Artenschutz stehen, darf man sie nicht einfach halten – man muss diese Tiere rechtskräftig anmelden“, erklärt Veiel. Teilweise müsse auch die Naturschutzbehörde bei der Vermittlung zustimmen.
Um überhaupt Interessenten zu erreichen, nutzt das Tierheim spezialisierte Plattformen. „Wir versuchen auch immer, in Reptilien-spezifischen Gruppen oder Onlineplattformen auf Tiere aufmerksam zu machen“, so Veiel. Zudem tausche man sich mit anderen Tierheimen aus, um besondere Fälle gemeinsam zu lösen.
Nach Großtieren wie Ziegen und Schweine fragt niemand
Auch im Tierheim Bremen kennt man das Problem mit Exoten – dort warten neben Schlangen und Schildkröten auch Großtiere wie Ziegenbock Gandalf oder eine ganze Rotte Hängebauchschweine. „Die Großtiere, Exoten und auch Fische laufen viel unter dem Radar“, sagt Sprecherin Merle Oßmer. „Unsere Ziegen und Schweine suchen schon jahrelang ein neues Zuhause, und es wird nie nach ihnen gefragt.“
Fische würden dagegen häufig übersehen, weil viele Menschen sie einfach im Zoohandel kauften. „Unsere Exoten – also Schlangen, Schildkröten etc. – sind natürlich sehr speziell und benötigen besondere Haltungsformen, die nicht viele Menschen erfüllen können oder eben wollen.“
Einsame Piranhas
Manche Fälle sind nahezu aussichtslos, wie der eines einzelnen Piranhas: „Wir hatten jahrelang zwei Piranhas. Mittlerweile ist es nur noch einer. Piranhas einzeln zu halten ist nicht artgerecht, wir finden aber niemanden, der solche Tiere hält – einer unserer Notfälle.“
Um die Chancen zu erhöhen, setzt Bremen auf Aufklärung und Sichtbarkeit. „Wir versuchen unsere Langzeitbewohner immer wieder durch Social Media mehr ins Licht zu rücken und durch andere Methoden der Öffentlichkeitsarbeit ins Gedächtnis zu rufen“, erklärt Oßmer. Auch Aufklärung über den Tierheimalltag sei wichtig, „damit Menschen verstehen, was hier alles lebt“.
Traurig! Dieser Hund sitzt am längsten in Deutschlands Tierheimen
Traurig! Diese Katze sitzt am längsten in Deutschlands Tierheimen
Unsichtbare Schönheiten: Schwarze Tiere
Im Tierheim Gießen gibt es noch ein weiteres Phänomen, das immer wieder auffällt: Schwarze Tiere werden deutlich seltener adoptiert. „Schwarze Tiere, insbesondere Katzen, bekommen bei vielen Interessenten leider weniger Aufmerksamkeit“, sagt Hannah Wern. Der Grund liege oft nicht im Verhalten, sondern in der Wahrnehmung: „Schwarze Katzen und Hunde werden oft weniger wahrgenommen.“
Fazit: Engagement, Training und Hoffnung
Ob verhaltensauffälliger Hund, schwarze Katze, geschützte Schlange oder einsames Schwein – jedes Tier im Tierheim hat seine eigene Geschichte. Manche warten Monate, andere Jahre. Die Gründe sind vielfältig, doch eines eint die Tierheime in ganz Deutschland: Sie geben ihre Schützlinge nicht auf. Sie finanzieren Wesenstests und Sachkundenachweise für Hunde, versorgen manche Tiere medizinisch ein Leben lang kostenfrei und unterstützen durch Trainer, um erste Erfolge zu erzielen. Viele der Einrichtungen sind zudem auf Social-Media aktiv, um durch eine hohe Präsenz im Internet mehr Menschen zu erreichen.
Sie haben Interesse an einem der vorgestellten „Langzeitinsassen“? Dann setzen Sie sich bitte direkt mit dem zuständigen Tierheim in Kontakt. PETBOOK übernimmt keine direkte Vermittlung der hier vorgestellten Tiere.