30. Juni 2026, 16:43 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Als Sherilee „Shelly“ Francis das erste Foto von Raven sah, konnte sie den Blick kaum von der schwarzen Katze abwenden. Ein Teil ihres Gesichts war mit einem Emoji verdeckt, dahinter verbargen sich schwere Verletzungen. Der Tierschutzbeitrag erklärte, dass Raven ins Gesicht getreten worden war und dringend ein liebevolles Zuhause sucht, sonst müsse sie zurück auf die Straße. Heute lebt die ehemalige Streunerin in Sicherheit. Doch der Weg dorthin war lang und verlangte unglaublich viel Zeit und Geduld ab. Im Gespräch mit PETBOOK berichtet Shelly von Ravens herausfordernder, aber berührender Geschichte.
Eine Straßenkatze mit schwerem Schicksal
Raven wuchs als Straßenkatze in der Türkei auf. Ihr Leben war alles andere als leicht. Die kleine schwarze Streunerin fiel einem Tierschutzprojekt auf – nicht nur, weil sie sich um ihre Kitten kümmerte, sondern auch wegen ihrer schweren Gesichtsverletzungen. „Als Raven eingefangen wurde, waren die meisten ihrer Wunden bereits verheilt. Die Frau, die sie gerettet hatte, hatte sie schon eine Zeit lang beobachtet“, erzählt Halterin Shelly. Laut einem Beitrag der Tierschutzorganisation wurden Ravens Verletzungen durch Tritte ins Gesicht verursacht. „Die Schmerzen müssen unerträglich gewesen sein – vor allem, weil sie sich gleichzeitig noch um ihre Kitten kümmern musste.“
Erst nachdem Raven eingefangen worden war, wurde das tatsächliche Ausmaß ihrer Verletzungen sichtbar. Eine Infektion hatte dazu geführt, dass sie Gewebe rund um ihr Maul verlor. Außerdem fielen auf der linken Seite alle Zähne aus, weshalb ihre Zunge dauerhaft seitlich aus dem Maul hängt. Über ihrem linken Auge ist bis heute eine Verdickung zu sehen, die das Auge leicht nach unten drückt. Die Narben und die sichtbare Veränderung ihres Gesichts werden Raven ihr Leben lang begleiten.
Shelly zögerte keine Sekunde
Eines Tages stieß Shelly auf den Hilferuf von Ravens Rettern. „Ich schrieb der Frau, die den Beitrag veröffentlicht hatte, und sie erzählte mir, dass Raven eine schüchterne, ängstliche Katze sei, die bereits viel durchgemacht habe. Sie hatten sie eingefangen, damit sie tierärztlich untersucht und gleichzeitig kastriert werden konnte“, erzählt sie. Nur kurze Zeit später zog Raven bei ihr ein.
Für Shelly war die Aufnahme eines Tierschutztiers nichts Neues. „Tierschutz lag mir schon immer sehr am Herzen, weshalb ich Raven aufgenommen habe.“ Bereits zuvor hatte sie einer schwer verletzten Katze ein Zuhause gegeben. „Sie wurde im Alter von vier Monaten von einem Menschen mit einem Rechen schwer verletzt und blieb dadurch gelähmt.“ Mit Raven zeigt Shelly einmal mehr, dass auch schwer traumatisierte oder verletzte Tiere mit Geduld, Liebe und Fürsorge eine zweite Chance verdienen.
Vertrauen musste sich Raven mühsam zurückerobern
Mit dem Umzug in ein neues Zuhause begann für Raven jedoch erst der lange Weg zurück in ein normales Leben. „Vertrauen war die größte Herausforderung“, berichtet Shelly. Die Erlebnisse auf der Straße haben tiefe Spuren hinterlassen. Bis heute hat Raven Angst vor Füßen. „Selbst heute rennt sie noch weg, wenn wir unsere Beine zu schnell in ihrer Nähe bewegen. Deshalb müssen wir uns immer langsam und vorsichtig bewegen.“
Auch körperliche Nähe zuzulassen fiel der Katze anfangs schwer. „Als sie zu mir kam, ließ sie sich nicht streicheln. Sie schlug nach mir, und ihre Krallen waren immer ausgefahren.“ Für Shelly bedeutete das vor allem eines: Geduld. Mit Leckerlis, viel Ruhe und kleinen Schritten gewann sie nach und nach Ravens Vertrauen.
Erst nach anderthalb Jahren ließ sich Raven zum ersten Mal länger als eine Minute auf den Arm nehmen. Was für viele Katzenhalter selbstverständlich erscheinen mag, war für Shelly ein ganz besonderer Moment: „Es war ein unglaubliches Gefühl und ein riesiger Meilenstein für das Vertrauen, das zwischen uns entstanden war.“
Auch das Zusammenleben mit anderen Katzen war schwierig
Nicht nur an Shelly musste sich Raven langsam gewöhnen. In ihrem neuen Zuhause warteten bereits sechs weitere Katzen auf den Neuzugang. Für eine ehemalige Straßenkatze, die nie zuvor in einem Haushalt gelebt hatte, war das eine große Umstellung.
Fast sechs Monate dauerte es, bis Raven ihre neuen Mitbewohner akzeptierte. „In dieser Zeit flogen ordentlich die Fetzen, doch inzwischen verstehen sich alle wunderbar.“ Heute ist die ehemalige Straßenkatze ganz selbstverständlich Teil der kleinen Katzenfamilie.
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Trotz allem hat Raven ihren eigenen Charakter behalten
In der Zeit bei Shelly blühte Raven regelrecht auf. „Raven liebt Futter über alles. Sie frisst fast alles, was man ihr gibt, und spielt unglaublich gern mit einer Katzenangel“, erzählt ihre Halterin. Ganz verloren hat die ehemalige Straßenkatze ihren kämpferischen Charakter jedoch nie. Ab und an verteilt sie noch einen Pfotenhieb an ihre vierbeinigen Mitbewohner.
Mittlerweile begeistert Raven unter anderem auf Instagram, TikTok und YouTube zahlreiche Menschen. Für Shelly beweist ihre Geschichte, dass eine schwere Vergangenheit nicht über die Zukunft entscheiden muss.
Darum wurde Raven nie operiert
Mit der Aufmerksamkeit kommen jedoch auch viele Fragen. Besonders häufig möchten Menschen wissen, ob Ravens Zunge austrocknet. „Die Antwort lautet: Nein. Sie hält ihre Zunge genauso feucht wie jede andere Katze und hatte damit nie Probleme.“
Ebenso oft wird Shelly gefragt, warum Ravens Gesicht nicht operiert wurde. Mehrere Tierärzte untersuchten die Katze und kamen zum selben Schluss: „Alle Tierärzte waren sich einig, dass Raven eine sehr gesunde Katze ist. Sie hält ein ideales Gewicht, hat keine Schmerzen und führt ein ganz normales Leben.“
Für Shelly bleibt Raven deshalb vor allem eines: eine echte Kämpferin. „Sie hat hart ums Überleben gekämpft. Angesichts der Schwere ihrer Verletzungen ist es bemerkenswert, dass sie überhaupt Nahrung finden und fressen konnte.“