29. Mai 2026, 17:09 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Abgemagerte Hunde, offene Wunden und verzweifelte Rettungsaufrufe – Millionen Menschen sehen täglich solche Videos auf TikTok oder Instagram und wollen helfen. Doch hinter einigen der vermeintlichen Tierrettungen stecken oft sogenannte „Fake-Rescues“, bei denen offenbar genau das Gegenteil passiert: organisierte Tierquälerei.
Recherchen internationaler Tierschutzorganisationen und Ermittlungen in Uganda zeigen, dass Hunde gezielt misshandelt worden sein sollen, um mit ihrem Leid Spendengelder zu sammeln. Für PETBOOK erklärt die Welttierschutzgesellschaft, wie die perfiden Fake-Rescue-Netzwerke funktionieren, warum Social Media das Geschäft befeuert und woran Nutzer echte Tierschutzarbeit erkennen können.
Das perfide Geschäft mit „Miet-Sheltern“
Bereits 2025 hatte das ZDF-Format „Die Spur“ über die Fake-Rescue-Szene in Uganda recherchiert. Die Reporterinnen stießen dabei in der Region Mityana auf ein erschütterndes System: Hunde werden von der Straße eingesammelt, in überfüllten Zwingern gehalten und anschließend für Social-Media-Aufnahmen „vermietet“.
Der ugandische Tierrechtsanwalt Edwin Ssemyalo beschrieb das Prinzip damals so: „Du gehst hin, zahlst eine Gebühr, drehst dein Video und gehst wieder.“
Besonders schockierend: Nach Erkenntnissen der Recherchen sollen Tiere teilweise absichtlich verletzt oder in lebensbedrohliche Situationen gebracht worden sein, um dramatische Rettungsvideos zu inszenieren.
Je kränker oder schwächer die Hunde wirken, desto größer ist das Mitgefühl im Netz — und desto höher fallen die Spenden aus.
Emotionale Videos werden zum Geschäftsmodell
Die Bilder wirken authentisch: Hunde, die kaum noch stehen können, leere Futternäpfe, angeblich verzweifelte Tierretter, die dringend um Hilfe bitten. Genau das mache die Videos so gefährlich, erklärt Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft auf Nachfrage von PETBOOK.
„Hier wird das Gute im Menschen, die Tierliebe und das Mitgefühl, gnadenlos ausgenutzt“, sagt so Plasse weiter. Nutzer wollten helfen und finanzierten dadurch möglicherweise weiteres Tierleid.
Die Täter hätten inzwischen genau verstanden, wie soziale Netzwerke funktionieren. Laut WTG (Welttierschutzgesellschaft) nutzen sie gezielt Algorithmen, emotionale Videos, Hashtags und direkte Nachrichten, um möglichst viel Reichweite zu erzeugen. „Täter insbesondere im Fake-Rescue-Kontext nutzen gezielt den Algorithmus“, erklärt Plasse.
Kein Einzelfall: „Die Täter organisieren sich untereinander“
Besonders alarmierend: Nach Einschätzung der WTG handelt es sich längst nicht mehr um einzelne Täter. „Es ist leider so, dass es sich nicht um eine Einzelperson, sondern um mehrere Personen handelt, die sich auch untereinander kennen und organisieren“, erklärt Plasse. Teilweise würden Tiere oder sogar komplette „Tierheime“ für Aufnahmen weitergegeben oder vermietet.
Schon die ZDF-Recherche sprach von einem Netzwerk aus schätzungsweise rund 200 Betrügern allein in der Region.
Im aktuellen Fall wurden nach der Festnahme des mutmaßlichen Hauptakteurs Owen M. insgesamt 58 Tiere — Hunde und Katzen — aus zwei Einrichtungen gerettet. Viele von ihnen seien schwer geschwächt gewesen und würden nun medizinisch versorgt.
Die Tierschützer sehen die Festnahme deshalb zwar als wichtigen Erfolg, warnen aber gleichzeitig davor, das Problem zu unterschätzen. „Es gibt zahllose weitere Täter und Tiere in ihrer Obhut“, so Plasse.
Mehrere zehntausend Dollar durch Mitleid
Besonders perfide: Mit dem Leid der Tiere wurden offenbar enorme Summen verdient. Nach Angaben der Welttierschutzgesellschaft konnten allein über öffentlich einsehbare Spendenplattformen mehrere zehntausend US-Dollar einem der Hauptverdächtigen zugeordnet werden. Die tatsächlichen Summen dürften deutlich höher liegen, da viele Zahlungen direkt über Dienste wie PayPal abgewickelt würden.
Die Kommentarspalten unter den Videos seien voller Mitgefühl, berichten die Rechercheurinnen von „Die Spur“. Für Nutzerinnen und Nutzer sei oft kaum erkennbar, ob es sich um echte Rettungen handelt oder um gezielt inszeniertes Leid.
Warum Fake-Rescues so schwer zu stoppen sind
Für Organisationen wie die WTG oder die internationale „Social Media Animal Cruelty Coalition“ (SMACC) sei die Recherche extrem schwierig. Viele Täter agierten anonym, löschten Inhalte schnell oder eröffneten neue Accounts. „Wir agieren letztlich auch nur wie andere Nutzer*innen und haben keine Sonderrechte“, sagt Plasse.
Um die Netzwerke aufzudecken, trainierten die ZDF-Reporterinnen sogar gezielt Social-Media-Algorithmen: Sie likten und kommentierten Inhalte von Tierretter-Accounts, um ähnliche Videos ausgespielt zu bekommen. Durch akribische Vergleiche von Videos, Hintergründen und Tieren konnten sie schließlich identische Drehorte und Hunde auf unterschiedlichen Accounts erkennen.
Hinzu komme die psychische Belastung: Mitarbeitende und Freiwillige müssten täglich verstörende Inhalte sichten und dokumentieren. „In jedem Fall ist das belastend“, erklärt Plasse. Gleichzeitig sei die Arbeit notwendig, um langfristig Veränderungen zu erreichen.
TikTok reagiert — andere Plattformen sind weniger konsequent
Immerhin: Durch Meldungen von Tierschutzorganisationen wurden inzwischen mehr als 1.300 Fake-Rescue-Accounts aus Uganda auf TikTok gesperrt. Doch die Täter passen ihre Methoden offenbar ständig an. Neue Accounts entstehen innerhalb kürzester Zeit. Zudem reagieren laut WTG nicht alle Plattformen gleich konsequent.
Die Organisation fordert deshalb strengere Regeln gegen Tierleid-Inhalte sowie klare gesetzliche Grundlagen.
Experten kritisieren Shelter-System grundsätzlich
Der ugandische Tierarzt Dickson Tayebwa, der freilebende Hunde in Uganda wissenschaftlich untersucht hat, sieht die Entwicklung ebenfalls kritisch. Viele Straßenhunde seien gut an ihre Umgebung angepasst und keineswegs automatisch hilfsbedürftig.
Er plädiert dafür, Hunde nur zur Impfung und Kastration einzufangen und anschließend wieder freizulassen — statt sie dauerhaft in überfüllten Sheltern unterzubringen. Gleichzeitig fordert er mehr Aufklärung und strengere Tierschutzgesetze in Uganda. Vor allem junge Männer würden die Fake-Shelter nutzen, um schnell Geld zu verdienen.
So erkennen Nutzer Fake-Rescues
Für Tierfreundinnen und Tierfreunde ist die Situation oft schwer zu durchschauen. Genau darauf setzen die Täter.
Die Welttierschutzgesellschaft empfiehlt deshalb die sogenannten A-R-E-Regeln:
A wie Authentizität
Wer steckt hinter dem Account? Handelt es sich um eine seriöse, überprüfbare Organisation?
R wie Realität
Wirkt die dargestellte Situation glaubwürdig oder übertrieben dramatisch?
E wie Erstellungsform
Stand das Wohl des Tieres im Mittelpunkt oder die möglichst emotionale Inszenierung?
Besonders vorsichtig sollten Nutzer laut WTG bei extrem dramatischen Videos sein, die sofortigen finanziellen Druck aufbauen.
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Neue Gefahr: KI-generierte Tierrettungsvideos
Hinzu kommt eine neue Entwicklung: Immer häufiger tauchen laut WTG auch KI-generierte Tierrettungsvideos auf. Diese künstlich erzeugten Inhalte seien inzwischen teilweise kaum noch von echten Aufnahmen zu unterscheiden und könnten die Problematik weiter verschärfen. „Es liegt jetzt an uns allen, diesem Einhalt zu gebieten“, sagt Plasse.
Was Tierfreunde tun können
Die wichtigste Regel: Nicht vorschnell spenden. Wer helfen möchte, sollte Organisationen genau prüfen, nach offiziellen Webseiten suchen und sich nicht allein von emotionalen Videos leiten lassen.
Denn hinter jedem viralen Video könnte ein echtes Tier stehen, das für Aufmerksamkeit leiden musste.